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Nordhausen, Wachow und die Welt

»Gregor Gysi trifft Zeitgenossen«. Diesmal: Sänger Jochen Kowalski

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Man kann den Weltruhm wie eine Kugel stemmen, atlasgleich, als trage man die ganze Erde, und jedes neue Wort vom (eigenen) Ruhm ist dann ein weiterer Muskel, der einem zuwächst. Bis man gleichsam gänzlich durch- und zugewachsen ist mit Kraft und Bedeutsamkeit.

Man kann den Weltruhm aber auch wie eine Kindermurmel hernehmen, wie ein Ding aus der Hosentasche der Kindheit. Man kann dabei getrost, ab und zu, das wahre Wort von der »harten Arbeit« einstreuen, um Missverständnissen vorzubeugen - aber dann trotzdem weiter so sehr leicht mit der Murmel Ruhm balancieren, dass noch der höchste Höhenflug ein Nachbarschaftswesen bleibt, eine Umgangsart, die nur mehr und mehr zu den Menschen - hinführt. In der Hingabe ganz bei sich sein, und dann ganz bei sich bleiben - für die Hinwendung zum Publikum. Sich nach oben singen, in die höheren Tonlagen und in die Hochkultur, und dabei auf dem Boden bleiben: Jochen Kowalski!

Woher dieser Sänger auch immer kommen mag, er kommt aus dem Weltruhm. Am Sonntag war er zu Gast bei »Gregor Gysi trifft Zeitgenossen« am Deutschen Theater Berlin. Der Fleischersohn aus dem brandenburgischen Wachow. Der in der Kirche dort alle zwei Jahre ein Konzert gibt, das freilich nicht länger als eine Stunde dauern darf - dann nämlich ist das Schwein am Spieß anschnittfertig, und auf dem Freibier hält der Schaum auch nicht ewig.

Kowalski erzählt mit der klugen Keckheit des ewigen Jungen, den zwar nur noch zwei Jahre vom 60. Lebensjahr trennen, der sich aber eine seelenheitere Unverstelltheit bewahren konnte. Sie lächelt großmütig darüber, dass westliche Lebensdeuter den Ostdeutschen unbedingt eine »gebrochene Biografie« überhelfen wollen. Diese Unverstelltheit feixt auch souverän und distanzbewusst über jenes moderne Theater, »von dem Harald Schmidt gesagt hat: Wenn man in einer Opernkantine zehn Leute mit Taucheranzug sitzen sieht, dann weiß man: Heute abend wird ›Der Freischütz‹ gegeben.« Nein, sagt, lebt Kowalski: »Wir sind singend Stellvertreter, Botschafter der Komponisten«

Der Sänger in Jeans, mit schmaler Krawatte. Legere Festlichkeit. Festlich gestimmte Lockerheit. So ist der gesamte Vormittag. Mitunter der augenzwinkernde Satz: »Was es doch alles gab in der DDR!« Die Musikschulen, die Theaterkartenpreise, der hohe Stand der weltbereisenden Kultur. Im Augenzwinkern stets auch trotziges Selbstbewusstsein, dass die Erfahrungen des eigenen Lebens stärker zählen als neuere Auflassungen, wie man im Osten, gefälligst gelebt haben soll.

Dass er auf dem Staatsempfang am 7. Oktober 1989 im Palast der Republik vor Honecker und Ceausescu sang (»Gorbatschow war leider schon weg«), war Folge eines natürlichen Impulses: »Ich fühlte mich geehrt, geschmeichelt.« Thomas Langhoff, mit dem er zu jener Zeit gerade eine Oper probierte, hatte ihm abgeraten. Aber der Kitzel obsiegte. »War eben so«, sagt Kowalski, und da ist sie wieder, die Unverstelltheit. »Ich hatte beim Singen einen Hänger, den interpretierten später einige als kleinen Widerstandsakt - nein: Ich hatte bloß 'nen Hänger.«

Kurz darauf singt er in der Erlöserkirche Händel, für die Opfer des brutalen Polizeieinsatzes gegen die Demonstranten am 7. Oktober: »Lass mich mit Tränen mein Los beklagen.« Erst Singen im Palast, dann bei den Protestierenden? Wieder: »War eben so.« Leben: Ist eben so. Der Widerspruch, das ist jener teuflisch Leibhaftige, der mit uns Blindekuh spielt. Kowalski ist einer, der's sehenden Auges lebt(e) und der in schöner, ehrlicher Selbstverständlichkeit darauf verzichtet(e), die Klugheit des Jetzt zurückzudatieren. Nachholender Ungehorsam? Nachträgliche Opposition? Vertuschung? Peinliche Beschönigung? Das wäre ihm eine gar klägliche Korrek-Tour durchs eigene Leben.

Eine Kindheit auf dem Dorfe. Der Vater »litt, wenn es ans Schlachten der Tiere ging«. Während die anderen Fußball spielten, hing Jochen am Radio. Bayreuth. Oder Ernst Busch. »Einer der Größten - Vorwärts und nicht vergessen!« Der frühe Traum, als er Requisiteur an der Staatsoper war: einmal selber da vorn im Applaus zu stehen. Er sang Theo Adam vor, der prophezeite ihm eine Weltkarriere. Während ihm nach Abschluss des Studiums an der Musikhochschule »Hanns Eisler« prophezeit wurde: Nordhausen!

Nordhausen liegt in New York, London, Wien, Tokio, im Überall der großen Bühnen und Konzertsäle. Ein Countertenor rund um die Welt. Händel, Bach, Mozart. »Wir sind der Ersatz für die Kastraten, denn die Barockoper war für Kastratenstimmen angelegt.« Unmittelbar entdeckt wurde Kowalski von Harry Kupfer, der als Chor für die »Meistersinger« Musikstudenten einsetzte. Eine Kommilitonin hatte Schwierigkeiten, »das nervte, die kriegte die zwei hohen F nicht hin, mein Gott, das war doch kein Problem!« Für Kowalski. Laufbahnen und ihre seltsamen Startblöcke.

Die Unverstelltheit des Weltstars. Als er 1985 erstmalig in der Bundesrepublik gastiert, in Hamburg, muss ihn sein Regisseur Harry Kupfer wieder nach Hause schicken: Konsumschock. Diese Aggressivität der Schaufensterpuppen, diese grelle Kraft der Auslagen, diese Bedrängungsenergie der so selbstüberzeugten Menschen. »Und ich war bloß der Jochen.« Gysi gibt noch einen drauf: »Aus Wachow!« Bloß der Jochen - der dann sang wie ein Gott. Und umzingelt wurde von Angeboten. Es war der weise Hamburger Intendant Rolf Liebermann, der ihn warnte, vor dem Geld, den Abwerbungen, den Versprechungen: »Bleiben Sie an der Komischen Oper, idealer kann kein künstlerischer Heimatort sein.«

Es wird reichlich gelacht an diesem Vormittag. Es ist da ein heiteres Umfassen des Großen wie des Kleinen. Kowalski liebt Callas, Caruso, Tschaljapin, er möchte unbedingt noch an den Baikalsee, und Gysi, innig aufgeräumt, befragt die Methodik des Countergesangs. Damit greift er ungewollt nach der heiligen Unbegreiflichkeit einer künstlerischen Gabe. Kowalski gibt die Frage in den Zuschauerraum weiter, an Kammersängerin Jutta Vulpius, seine Gesangslehrerin. Die antwortet, aber so vor- und umsichtig, dass die Unbegreiflichkeit, das Heilige nicht angetastet werden.

Musik. Kowalski: »Gott hat kein Gesicht, aber einen Klang.« Dreißig Jahre Weltkarriere bescherten ihm, so bilanziert er, drei Momente göttlichen Blitzens, Augenblicke, da man plötzlich an etwas Höherem beteiligt ist: Das war, als er in London Mozart sang (»diese ergreifende Totenstille vorm Applaus«), als Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch ihm mit dem Auflegen einer Hand das Auftrittszittern bei der »Matthäuspassion« nahm, und: als er in der erwähnten Erlöserkirche auftrat.

Der schönstgemachte Schmerz, das ist Musik. Eine »Ausdrucksantwort« (Martin Walser) gegen das bare Weh. An diesem Sonntagmorgen bare Freude, dass es Musik gibt. Und einen Sänger, der, in seiner Einmaligkeit, doch »der Jochen aus Wachow« blieb. Der derzeit mit der großen Bartoli für Salzburgs Festspiele probt, vier junge Countertenöre sind dabei, er kam hin und hörte: »Oh, der Meister!« Da war »der Jochen« beschämt, ganz unverstellt. Aber Wahrheit muss sein! Standing Ovations im Deutschen Theater.

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