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Selbstfeier der Entfremdung

»Der Firmenhymnenhandel« von Thomas Ebermann auf Kampnagel Hamburg

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.
Von links: Rainer Schmitt, Robert Stadlober, Tillbert Strahl-Schäfer, Pheline Roggan. Im Hintergrund: Thomas Ebermann
Von links: Rainer Schmitt, Robert Stadlober, Tillbert Strahl-Schäfer, Pheline Roggan. Im Hintergrund: Thomas Ebermann

Wenn Fußballer, die Nationalhymne singend, in die Kamera schauen, dann gleicht Fernsehen einer Live-Übertragung aus der Sprachheilschule. Die Hymne: ödmaulig zerkaut oder Fisches Nachtgesang. Eine Firma kann sich solche Müdigkeit nicht leisten. Das aufmöbelnde betriebseigene Erkennungslied hat Hochkonjunktur: Die Fremdbestimmung feiert sich. Thomas Ebermann hat darüber ein persiflierendes Stück geschrieben, »Der Firmenhymnenhandel«, am Wochenende hatte es in der Regie des Autors Hamburger Premiere auf Kampnagel.

Die Bühne von Astrid Noventa zeigt ein Plexiglas-Interieur, Firmenambiente mit dem Charme eines DB-Reisezentrums. Der Ort fürs Verkaufsgespräch: Der Firmenhymnenhändler und sein Komponist auf der einen, die innovationsgierige Junior-Chefin der Glasfabrik und ihr Vater, der skeptische Betriebsboss, auf der anderen Seite. Der Firmenhymnenhändler kennt die Junior-Chefin von früher, als man die Welt verändern und sich selbst noch nicht bestmöglich verkaufen wollte, musste. Leider hat er ein Psychoproblem mit seinem Musiker, der Künstler sein will, nicht Brotarbeiter in der Verkaufs-Barbarei. Am Ende singt man gemeinsam auf deutsch, was bei den »Beatles« so klang: »All you need is Glas«.

Auf der Videoleinwand präsentieren Firmenhymnensänger der besonderen Art eine Mustermesse der musikalischen Mitarbeiter-Manipulation und Kunden-Verdummung. Edeka etwa: »Einkaufen mit Seele, mit Herz und Tradition./Wir arbeiten mit Leidenschaft an noch mehr Perfektion.« Betriebsjodeltum, paro᠆distisch verkitscht, durch Punk höhnend zerdroschen oder durch den Jazz wie durch einen Wolf gedreht: von Gustav Peter Wöhler, Dieter Glawischnig, Schorsch Kamerun, 1000 Robota, Gilla Kremer, Lisa Politt, Rocko Schamoni, Nina Petri und anderen. Harry Rowohlt und Horst Tomayer singen vom deutschen Wertarbeiter, der Granaten dreht, und verwandeln somit gallig, grell, in grölender Schärfe das Firmenfleiß-Lob in eine Einladung zum Blitzkrieg.

Ebermann wettert gegen die kapitalistische Vereinnahmungs-Dämonie. Arbeitslosigkeit, hat er einmal gesagt, sei eine Geißel, aber Vollbeschäftigung die Hölle. Zündend geht es von Bonmot zu Bonmot: Je weniger Urlaub man den Arbeitenden gewährt, desto größer die Vorfreude! Und seltsam: »Je dreckiger es einem geht, desto größer ist das Bedürfnis, die Scheiße auch noch zu besingen.« Das ist der Punkt, an dem noch jede politische Bewegung scheiterte, die statt sozialer Befriedung gesellschaftliche Befreiung wollte: Ausbeutung abschaffen? Nein, es genügt, sich in ihr etwas (an)schaffen zu können. Da dieser Sozialdemokratismus nun an sein neoliberales Ende kam, muss Gemütsmunitionierung her - als sei die Firma eine Fortsetzung der Familie. Mit Hymnen kämpft die kapitalistische Struktur um die Anerkennung als Volkseigentum. Das ist die Tradition der Illusion.

Robert Stadlober als Hymnenverkäufer: ein knabenhafter Botschafter des modernen Realitätssinns, aber durchwirkt noch von feinen Fäden einer Unsicherheit, einer Ahnung davon, völlig falsch zu leben. Als trommle leis die Seele: Wie kann man einen Halt in sich selber gewinnen, wenn man nur immer auf dem Laufenden sein will, sein muss? Tillbert Strahl-Schäfer als sensibler, gedrückter Musiker verwandelt just diese Frage in eine immer wieder hervorbrechende Widerstandsenergie. Pheline Roggan, die Junior-Chefin: zwischen der beflissenen Agilität einer bereits arg Effizienz-Verdorbenen und den zerrenden Sehnsüchten einer jungen Frau, die alle Funktionszügel zerreißen möchte. Rainer Schmitt schließlich als Boss: mürrisch, herrisch, altmodisch hart, ein Fordist in einer Zeit, die über ihn hinweggeht. Sein letzter Traum: Spekulationsmanager im Steinbruch schuftend.

Der Schluss. Er fehlt. Was tun? Der Regisseur selbst muss kommen, verteilt Textzettel für eine Variantenlesung des Zukünftigen. Alles möglich: Selbstmord des Bosses unter Zugrädern oder Happy End zwischen Junior-Chefin und Hymnenverkäufer oder sogar Enteignung des Betriebes und Kommunismus-Forderungen der Belegschaft - die jetzt ganz andere Lieder singt. Keiner weiß, was geschehen wird und welches wohl die bitterste Variante wäre.

Versunken fast und schüchtern sitzt Thomas Ebermann beim Stück-Schluss auf einem Schemel neben der Szene. Ein leiser, brüchiger Hanseaten-Ton, der nicht weiß, was Tempo ist - und im Gestus ein souveräner Bedächtigkeitszug, wie ihn Leute offerieren, die einiges hinter sich haben. Er hat einiges hinter sich. Kommunist mit Lust am Arbeiterkampf. Grünen-Mitbegründer. Ökoradikaler Aufmischer in der Hamburger Bürgerschaft. Luftanzünder in den einst bedeutenden Talkshows von NDR III, Radio Bremen. Störrischer Unberechenbarkeitsgiftling in der eigenen Partei. Ebermann ist Beleg für das Schicksal derer, die kein Talent für Salonkommunismus haben. Gescheitert. Geschasst aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Nun öffentlichkeitsverarmte Utopie-Bohéme.

Er erweckt den Eindruck eines traurig gewordenen Weltbestürmers, der sich aus der Pression politischer Erfahrungen in die Ecken eines verschmitzten Hintersinns gerettet hat. Wo er weiter seine Hauptarbeit leistet: Außenseiterqualitäten zu bewahren. Er hat ein Stück geschrieben, das sich im Grunde ein Leben als aufwiegelnder Leitartikel wünscht - also nur bedingt eines ist. Er schickt seine Botschaft durch handfeste Sprachröhren, damit sie auf dem Weg vom Autorengeist übers Eigenleben der Gestalten hin zum Publikumsnerv nicht vom Wege abkommen. Knapp hundert Minuten Thesen-Dialoge, mit Zitaten von Adorno und Marcuse, mit Publikumsansprachen, die jene bedrängende Frechheit offenbaren, mit der Ratgeber, Gemütsfitness-Gurus und Selbstfindungsrauner jenen Platz besetzen, der früher der Philosophie gehörte. Wir sind, so heißt es im Stück, umzingelt von Problemlösern, den »größten Feinden des Denkens«.

Ebermann bezieht sein Selbstbewusstsein, seine anrührende Gelassenheit aus der tröstlich gesicherten Wahrheit, als Linker nicht der erste, nicht der letzte Verzweifelte zu sein. Ein Gelegenheitskünstler - also: Er besitzt Fähigkeit, in jeder Gelegenheit die ganz große Gelegenheit zu sehen, seinem Geist treu zu bleiben. Lieber mit Unbehagen in der Kultur, als mit Behagen in der Unkultur.

Applaus für einen unhöflichen, spottenden Spaß wider eine Welt, in der die Entfremdung von einst fröhlich überwunden wurde: Aus Not, sie erleiden zu müssen, ist ein hysterisch industrialisierter Trieb geworden, sie zum Elixier zu steigern. Gegen diese hartnäckige Welt macht Ebermann Theater. Eine Erfüllung, die ihm stets Anlass für neuen Unmut schafft - aber wo alle Lust bloß noch im Kreise laufen kann, hat sie nicht die mindeste Ursache, jemals zu enden.

Nächste Vorstellungen: 14. - 17.3.

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