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Voll an den Bedürfnissen vorbei

Ein deutsches Entwicklungsprojekt in Burundi zur Wasserversorgung steht in Misskredit

Sie ist das Lieblingskind des deutschen Entwicklungsministers Dirk Niebel: die 2011 gegründete Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). In Burundi läuft die technische Zusammenarbeit allerdings alles andere als reibungslos.
Alltag in Burundi – Kinder beim Wasser holen. Deutsche Entwicklungszusammenarbeit soll den Wasserzugang für Millionen Burunder verbessern. Nach vier Jahren steht das Programm indes vor dem Scheitern.
Alltag in Burundi – Kinder beim Wasser holen. Deutsche Entwicklungszusammenarbeit soll den Wasserzugang für Millionen Burunder verbessern. Nach vier Jahren steht das Programm indes vor dem Scheitern.

Sie fand den Beifall quasi aller Entwicklungsexperten: die Fusion der drei bundeseigenen Hilfsorganisationen - der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und der Weiterbildungseinrichtung InWEnt zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Hinter der GIZ verbirgt sich ein entwicklungspolitischer Koloss mit einen Jahresetat von 1,6 Milliarden Euro und 16 000 Mitarbeitern.

Dass eine Verbesserung der Makrostruktur sich nicht zwingend in einer besseren Entwicklungszusammenarbeit niederschlägt, zeigt ein Beispiel aus Burundi. 50 Millionen Euro stellt der deutsche Steuerzahler dem dritt- ärmsten Land der Welt zur Verfügung: Neue Wasserstellen sollen entstehen, marode Teile der Infra-struktur erneuert, der Sektor reformiert werden. Damit Wasserstellen nicht nach kurzer Zeit wegen mangelnder Wartung ausfallen, muss zudem die Bevölkerung für den bewussten Umgang mit der Ressource sensibilisiert werden. Statt dieses Vorhaben umzusetzen, werden dort indes kritische Mitarbeiter denunziert und entsorgt - kriminelle Methoden inklusive.

Der Kommunikationsexperte T. Pritzl entschied sich vor zwei Jahren, beim Aufbau des ostafrikanischen Staates mitzuwirken. Als Mitarbeiter der GIZ sollte er mit Kollegen im Programm Pro Sec Eau dafür sorgen, dass sich der Zugang zu Trinkwasser für die 8 Millionen Burunder verbessert.

Pritzl arbeitete mit dem burundischen Umweltministerium und der Wasserbehörde zusammen. Die Einbindung lokaler Mitarbeiter soll garantieren, dass das Projekt nicht einseitig von den Deutschen, sondern gemeinsam umgesetzt und Wissen transferiert wird. So steht es in den Vorgaben des internen Leitbilds der GIZ. Die Realität sieht in Burundi anders aus.

Das Programm Pro Sec Eau steht nach vier Jahren vor einem Scherbenhaufen. Es hinkt den Vorgaben hoffnungslos hinterher, weil Führungskräfte Evaluierungen oder Anregungen der Partner ignorieren. Bereits 2009 ermittelten externe Berater organisatorische und inhaltliche Schwachstellen, formulierten Vorschläge für eine Verbesserung des operativen Geschäfts. Konsequenzen? Fehlanzeige. Bis heute hat Koordinator Jochen Rudolph kein Instrument zur Steuerung entwickelt.

Über die fehlende Koordination und Partnerorientierung beschwerte sich auch das burundische Ministerium für Energie und Minen. Geändert hat sich nichts.

Auch Stephan Armbruster hat ein eigenes Bild von Entwicklungshilfe. Was der zweite Koordinator darunter versteht, zeigt sein Kommentar im Blick auf die rund 100 000 Euro teure Programmevaluierung. »Das interessiert doch keinen weiter.«

Der gelernte Brunnenbauer baut lieber Automobilunterstellplätze. Dies hat nichts mit dem Auftrag zu tun, schlägt aber mit 6000 Euro zu Buche. Oder er finanziert Workshops, um Mitarbeitern der Wasserbehörde zu zeigen, was ein Budget ist. 36 Workshops fanden statt, rund 19 000 Euro wurden investiert. Dann stand fest: Die positive Wirkung - im Branchenjargon Impakt - ist null, die Burunder verstehen die europäische Pädagogik nicht.

Arbeiten mit der Zivilgesellschaft? Fehlanzeige. Ein Kommunikationsstudiengang, den Pritzl gemeinsam mit der Universität in Bujumbura entwarf, wird nicht finanziert. Dabei steht für solche Maßnahmen ein Budget von Euro 17 500 bereit. Was macht Armbruster? Er zahlt die Büroausstattung aus dem Topf und zweckentfremdet so Projektgelder.

Auf all diese Fehlentscheidungen weist Pritzl gegenüber Rudolph und Armbruster und der Landesdirektorin Petra Wagner hin, bietet Lösungen an. Reaktion: Er wird denunziert - würde angeblich der deutsch-burundischen Zusammenarbeit schaden - und im Mai 2011 aus Burundi abgezogen, dann gekündigt. Wie dies dazu passt, dass er für seine an den Interessen der Partner orientierte Projektführung immer wieder Dankesmails erhielt, die Frage interessiert heute das Bonner Arbeitsgericht.

Noch bevor das ein Urteil gefällt hat, kehrte der Medienexperte im Herbst zurück nach Burundi. Und der Fall bekommt eine dramatische Wendung. In einem anonymen Anruf wird ihm geraten, das Land zu verlassen. Zudem erfährt er, dass Armbruster einen als korrupt bekannten Kommissar bestochen haben soll, um Ermittlungen gegen ihn wegen »versuchten Mordes« einzuleiten. Mit Erfolg: Es kommt zu einer Hausdurchsuchung: Pritzl wird beschuldigt, Armbruster umbringen zu wollen. Ohne Beweise wird er ins Gefängnis gesperrt. Menschenrechtsorganisationen und die UNO interessieren sich für den Fall. Während der Haft gelingt es ihm, in Kontakt mit der deutschen Botschaft zu bleiben.

Die fragwürdigen Rollen von Armbruster und Wagner, die bei Pritzls Abzug aus Burundi Hand in Hand arbeiteten, werden deutlicher. So erklärt Armbruster noch am Tag der Festnahme, Pritzl habe gestanden. Woher diese unzutreffende Information stammt, ist sein Geheimnis. Wagner, ranghöchste GIZ-Repräsentantin in Burundi, begeht unterdessen einen Verstoß gegen die Menschenrechtscharta. Sie fordert Botschafter Bruno Brommer auf, Pritzl des Landes zu verweisen. Der bleibt neutral, während seine Mitarbeiterin Karin Desenne an der Freilassung des Medienexperten arbeitet. Nach siebentägiger Haft wird Pritzl entlassen.

Projektpartner bestätigten den Ermittlern die tadellose Zusammenarbeit mit dem Assistenten. Indes wird Armbruster wegen seines intriganten und wenig respektvollen Verhaltens kritisiert. Zwei Burundern, die Stellung gegen ihn bezogen hatten, wird gekündigt. Die Position der Partner, kategorisch nicht mehr mit Armbruster arbeiten zu wollen, wird von der GIZ-Direktorin ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass sich fast alle deutschen Mitarbeiter dem anschließen.

Armbruster ist zum Entsetzen aller Burunder heute Chef eines Bereichs, obwohl ein Einheimischer diese Stelle hätte besetzen können. Er hat sich seine Stelle gesichert. Dafür, dass er weiter an den Bedürfnissen der Burunder vorbei agiert, zahlt ihm der deutsche Steuerzahler monatlich rund 8000 Euro. Pritzl wartet unterdessen auf das Urteil des Bonner Arbeitsgerichts.

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