Ruhestätte und Ort von Demonstrationen

Die Frauenrechtlerin Agnes Wabnitz ging 1894 auf dem Friedhof der Märzgefallenen in den Freitod

Die Rotunde verweist auf die Geschichte des historischen Ortes. Eine Tafel gilt Agnes Wabnitz.
Die Rotunde verweist auf die Geschichte des historischen Ortes. Eine Tafel gilt Agnes Wabnitz.

Der Friedhof der Märzgefallen im Volkspark Friedrichshain ist wie jeder Friedhof eine letzte Ruhestätte. Er bietet Raum, Verstorbener zu gedenken. Und dennoch ist er weit mehr. Eigens für die Opfer der Märzrevolution vom 18. März 1848 angelegt, fanden hier nur vier Tage später die ersten Beisetzungen am 22. März statt.

Historische Gräberreihe
Historische Gräberreihe

Es waren 183 zivile Opfer der Barrikadenkämpfe, die auf der damals höchsten Erhebung des noch im Bau befindlichen Parks bestattet wurden. Die Berliner nahmen in der Neuen Kirche am Gendarmenmarkt Abschied und bildeten dann einen Zug zum Friedhof, der vier Stunden dauerte. In den folgenden Wochen wurden weitere Opfer beigesetzt, die Zahl der Gräber stieg auf 254. Der Friedhof wurde zum Symbol der Demokratiebewegung. Die Anlage selbst, 1925 vom Berliner Architekten Ludwig Hoffmann in ihrer bis heute bestehenden dreiseitigen Form gestaltet, wurde dabei zu einem wichtigen Gedenk- und Demonstrationsort.

Diesen Ort wählte die Mantelnäherin Agnes Wabnitz am 28. August 1894 für ihren Freitod. Mitten unter den Opfern der Märzrevolution vergiftete sie sich. Ein Grabstein für sie findet sich hier jedoch nicht. Sie wurde am 1. September 1894 auf dem Freireligiösen Friedhof in der Pappelallee beigesetzt. Mehr als 60 000 Menschen sollen daran teilgenommen haben und über Stunden die Straßen am Prenzlauer Berg blockiert haben. »630 Kränze legten sie nieder, das waren 80 mehr als bei der Beerdigung von Kaiser Wilhelm I.«, wie ein Beobachter der Polizei schrieb. Das ist in der Wanderausstellung des Frauenbeirates Pankow »Der Zukunft ein Stück voraus« zu erfahren. Seit 2009 zeigte der Beirat die 17 Porträts von Pankower Pionierinnen in Politik und Wissenschaft an unterschiedlichen Orten im Großbezirk und darüber hinaus.

Auf dem Friedhof am Rande des Volksparks an der Krankenhausmauer erinnert die temporäre Außenausstellung seit Mai vergangenen Jahres mit einer Tafel auch an die 1841 geborene Frau. Sie gehörte der im Vormärz entstandenen Freireligiösen Gemeinde an. Dies war die erste Organisation, in der Frauen gleichberechtigte Mitglieder waren. Aus ihr ging die erste deutschlandweite Frauenbewegung hervor.

Den Freitod wählte die Näherin weil sie weder im Gefängnis noch in einer Nervenheilanstalt den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Immer wieder war die engagierte Kämpferin für die Interessen von Arbeiterinnen mit der politischen Macht in Konflikt geraten, hatte gegen das Vereinsrecht verstoßen und wurde, da sie in der Haft in den Hungerstreik trat, für geisteskrank erklärt. Ihr zu Ehren wurde im Jahre 2000 eine Straße auf dem ehemaligen Schlachthofgelände benannt.

Genauso lange heißt der Zufahrtsweg zum Friedrichshainer Krankenhaus »Ernst-Zinna-Weg«. Er trennt den Friedhof vom restlichen Park ab. Schüler des Erich-Fried-Gymnasiums hatten sich dafür eingesetzt, dass eine Straße im Bezirk nach dem 17-jährigen Schlosserlehrling und ebenfalls Opfer der Barrikadenkämpfe benannt wurde. Den Friedhof zu einer nationalen Gedenkstätte und einen Ort demokratischen Lernens zu entwickeln, ist das Ziel des Paul Singer Vereins und der Aktion 18. März. In dem umgebauten Seecontainer mit der weit sichtbaren Aufschrift »trotz alledem und alledem« vor der Ruhestätte informiert die Ausstellung über die Ereignisse von 1848 in Berlin. Die auf dem Friedhof rund um den Gedenkstein aufgestellte Rotunde dokumentiert die Geschichte des Ortes.

Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt frei. Weitere Informationen auch zur Veranstaltungsreihe »Revolution revisited«: www.friedhof-der-maerzgefallenen.de

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