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Zeitungsstreiks nicht nur aus Eigeninteresse

Vertreterinnen der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion (dju) berichten von den großen Streiks 2011

Seit den 1990er Jahren nur Abwehrkämpfe - so sieht Ulrike Maercks-Franzen, von 2002 bis 2011 Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, die Situation der redaktionellen Arbeitskräfte im deutschen Zeitungswesen. 2011 war jedoch ein relativ erfolgreiches Jahr. Die "schwersten Tarifauseinandersetzungen seit 20 Jahren" habe es da gegeben, berichtete Renate Angstmann-Koch, Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen und dju-Aktivistin auf Bundes- und Landesebene.

Die dju hatte für heute Abend geladen, um von den Streiks des letzten Jahres zu berichten, die die Tarifverhandlungen für das Zeitungsgewerbe begleiteten. Angstmann-Koch hielt den Hauptvortrag, eine weitere dju- und Streikaktivistin aus Ostwestfalen ergänzte. Das Publikum war gegenüber den drei dju-Frauen nur knapp in der Mehrzahl - auch diese LiMAarena-Veranstaltung war sehr schlecht besucht.

Einig waren sich die drei Protagonistinnen darin, dass die Forderungen der Zeitungsverleger im Tarifstreit eine Frechheit waren. Es ging vor allem um die Verschlechterung der Bedingungen für die zukünftigen Angestellten - doch "damit hatten sie sich verrechnet", hielt Angstmann-Koch fest. "Nichts hat die Kollegen mehr aufgebracht." Sie betonte, dass der Streik über Eigeninteressen weit hinaus ging, nämlich auch den Nachwuchs und die gesellschaftliche Bedeutung des Zeitungswesens im Blick hatte.

Dabei sei das Ausmaß des Streiks nicht zu erwarten gewesen. Erfolgreiche Arbeitskämpfe habe es zuletzt in den 1990ern gegeben, sagte auch Angstmann-Koch. Und "Journalisten haben ein prekäres Selbstverständnis: Sie haben sowohl den Lesern, als auch den Verlagen gegenüber ein Verbundenheitsgefühl." Dennoch: Sogar in den Sommerferien habe es gut geklappt mit der Streikbereitschaft.

Sie erwähnte aber auch, dass aufgrund der technischen Möglichkeiten heutzutage und des großen Informationsflusses die Zeitungen kurzfristig auch ohne einen großen Teil der Redaktionsbelegschaften erstellt werden konnten (wenn auch nicht in normalem Ausmaß und Qualität). Letztendlich hätten die Verlage aber wegen schlechterer Öffentlichkeitsarbeit und Verhandlungsverhalten viele Zugeständnisse machen müssen.

In der Branche hat sich offensichtlich Wut aufgestaut. Eines der häufigsten Protestmottos auf den gezeigten Fotos war: "Jetzt reicht's!" Sicherlich, ein Standardspruch bei Gewerkschaften. Doch Angstmann-Kochs Ausführungen zu den "prekären Beschäftigungsverhältnissen" in der Branche lassen das Motto als mehr als berechtigt erscheinen.
Demnach entwickeln die Verlage eine "unglaubliche Kreativität bei der Tarifflucht". Diese Kreativität sollten sie lieber bei der Entwicklung ihrer Zeitungen an den Tag legen, findet Angstmann-Koch. Sie spricht auch von Leiharbeit in (oft verlagseigenen) Fremdfirmen und der Auslagerung der Volontariate in Schulen, wo keine Tarifbindung gelte.
Die "Maßlosigkeit" der Verlage bei ihren Tarifforderungen sei noch nicht einmal von der wirtschaftlichen Lage ihrer Zeitungen gedeckt. Angstmann-Koch gesteht zwar zu, dass im Norden und Osten der Republik "wirtschaftlich schwierigere Bedingungen" festzustellen seien. Doch liege das Hauptproblem darin, dass im Zeitungsgewerbe ein langer Konzentrationsprozess stattgefunden habe. Nun gehören sehr viele Zeitungen großen Konzernen, die höhere Renditeerwartungen hätten, als die vormaligen Eigentümer. Die Geschäftsführer seien "eine völlig andere Personengruppe", mit bloßem Renditeinteresse. Und wo ein Verlag noch in Familienbesitz sei, wolle nun "ein ganzer Clan" gut davon leben, nicht mehr nur die Kernfamilie.

Die letztes Jahr ausgehandelten Tarife gelten bis Juli 2013. Für dann erwarten die dju-Aktivistinnen eine Neuauflage der Forderungen seitens der Verlage.


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