Wenn die Erde zerfließt

In der Lausitz wurden viele vermeintlich standsichere Altkippen erneut gesperrt - Äcker, Wälder und Betriebe sind betroffen

Es ist ein gefürchtetes Phänomen: Plötzlich geraten frühere Tagebaukippen in Bewegung, riesige Erdmassen verwandeln sich binnen weniger Minuten in schlammigen Brei und begraben alles, was im Weg steht. In der brandenburgischen und sächsischen Lausitz passiert das immer häufiger - auch auf bereits jahrzehntelang genutzten Flächen.

Noch ist der rote Lkw nicht ganz versackt, eine Seitenfront ragt bis heute aus dem Schlamm. Wasservögel kreisen über dem Autowrack im See, dann ziehen sie weiter zum Südufer. Dort irgendwo liegt tief im Morast eine Schafherde begraben, mehr als 80 Tiere, der Schäfer überlebte damals nur knapp. Später sagte er: Es war, als wenn die Erde zerfließt.

Seit jenem 12. Oktober 2010 ist vieles anders in der Lausitz. Damals kamen auf einer alten Tagebaukippe bei Hoyerswerda in Sachsen riesige Erdmassen in Bewegung: Auf 1,8 Kilometern Länge verwandelten sich plötzlich 4,5 Millionen Kubikmeter Boden in schlammigen Brei - Wald, Wiese, Fahrwege auf 100 Hektar sackten in den Bergener See. Fünf Lkw waren dort unterwegs, ein Fahrer musste per Helikopter gerettet werden.

»Man rätselt über die Ursachen«

»Das hat man so noch nicht erlebt«, sagt Alexander Harter, Leiter eines Naturschutzgroßprojektes mit Sitz im nahen Dörfchen Bergen. Damals war er schnell vor Ort: »Die Kippe lag seit dreißig Jahren still, ein bewaldeter Berg wie andere auch. Und plötzlich diese gewaltige Rutschung! Da stellen sich grundsätzliche Fragen für die Pläne zur Tagebau-Nachnutzung.« Denn aus den Restlöchern beiderseits der brandenburgisch-sächsischen Grenze soll das »Lausitzer Seenland« entstehen, Europas größte künstliche Seenlandschaft.

Auch früher war es in der Gegend zu unerwarteten Rutschungen gekommen, doch nun häufen sie sich. Betroffen sind Kippenhänge an geplanten Seen, aber auch sogenannte Binnenkippen im Hinterland. Bei Lohsa südöstlich von Hoyerswerda sackte Ende 2010 ein Areal ab, das nicht einmal mehr unter Bergaufsicht stand.

»Man rätselt über Ursachen, es gibt keine klaren Aussagen«, sagt Harter. Sicher scheint nur: Ein Grund dürfte der rapide Grundwasseranstieg seit Ende des Kohleabbaus sein. Zuständig für Sanierung und Verwertung ehemaliger Braunkohlentagebaue im Osten ist die bundeseigene Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Auch deren Experten hat jener 12. Oktober überrascht, danach wurden vielerorts bisher vermeintlich sichere Flächen untersucht.

Vorläufiges Ergebnis: Derzeit sind in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz etwa 360 Quadratkilometer gesperrt - eine Fläche, größer als das Bundesland Bremen. Darunter sind Acker- und Waldflächen, die von der LMBV bereits mit Nutzungsauflagen verkauft oder verpachtet worden sind. 26 Agrarbetriebe und 14 andere Unternehmungen sind laut LMBV bisher von Sperrungen betroffen.

Auch bei Bergen enden viele Wege nun vor Warnschildern oder an Sperrwällen, und so wird es wohl lange bleiben - wie beim Gros der fraglichen Flächen. »Die eingeleiteten sehr umfangreichen Untersuchungen laufen noch«, sagt Uwe Steinhuber, Sprecher der LMBV. Dort nennt man das Geschehen »unerwartete Geländeeinbrüche in Verbindung mit Verflüssigungen des Kippenkörpers«.

Was rätselhaft klingt, ist für Fachleute ein gefürchtetes Phänomen: Ab einem bestimmten Durchfeuchtungsgrad einer Kippe verlieren die Sandkörner im Inneren den Kontakt zueinander, schon ein kleiner Auslöser kann die Bodenstruktur zusammenbrechen lassen, das Wasser wird aus den Zwischenräumen getrieben, schießt auf. Binnen Minuten sackt der Boden ab. Und ein Auslöser kann vieles sein: ein Lkw, örtlicher Druckzuwachs durch neue Forstholzstapel, das Schwanken eines Kippenwaldes bei Sturm - Sand ist unberechenbar.

Doch damit nicht genug: Bis vor Kurzem galt die »Bodenverflüssigung« vor allem als Problem an Kippenrändern. Diese wurden von der LMBV auch vielerorts durch unterirdische Dämme stabilisiert. »Doch nun zeigt sich, dass der Boden hinter diesen Verdichtungen immer öfter zusammensackt«, sagt Harter.

Das alles bedeutet für Bergen: Harter darf die Hälfte der Fläche des Naturschutzprojektes, dem er vorsteht, nicht betreten, Zuschüsse und Pachteinnahmen gingen verloren, es gibt ernste Zahlungsprobleme. Viel Hoffnung, dass die LMBV - für ihn der Verursacher des Ganzen - entsprechend einspringt, hat Harter nicht.

In einer alten LPG-Baracke am Südrand von Bergen hat Terra Nova ihren Sitz, ein Agrarbetrieb mit Reiterhof. Nach dem 12. Oktober 2010, sagt Chef Mario Stenske, wurde Terra Nova zeitweise völlig gesperrt, der Reiterhof auf Kippenland musste aufgegeben werden, man bezog ein Provisorium. »Noch immer fehlt uns ein Drittel unserer Ackerfläche - das heißt weniger Erlöse, weniger Fördermittel. Und Ersatzäcker gibt es hier kaum.« Auch Stenske sieht die LMBV in der Pflicht, doch die Entschädigung verlaufe schleppend. Mehr will er dazu nicht sagen. Die LMBV sei ja »der einzige Ansprechpartner, den wir haben«.

Ein seltsames Straßenschild

In Stenskes Büro hängt ein großes Luftbild der Gegend, so hat er die Misere ständig vor Augen. Immerhin konnte Terra Nova das Land östlich des Bergener Sees nach langwieriger Prüfung doch an einen Windparkbetreiber verpachten, elf Räder drehen sich dort.

Aber das Grundwasser steigt schneller als erwartet, und auch im See liegt der Pegel nach den Rutschungen schon 1,30 Meter über dem Soll. Erst kürzlich gab es Probleme, als an einem Windrad das Getriebe zu wechseln war. Für den schweren Kran musste der Boden dort noch extra verfestigt werden. Kosten für diese einzelne Operation: 200 000 Euro.

Neben dem Windpark verläuft die Bundesstraße 97, unlängst saniert. An einer Kurve steht ein 30-km/h-Schild mit der Aufschrift »Gefahr Straßeneinbruch«, aufgestellt nach dem Oktober 2010. Wegen des Grundwassers ist laut LMBV die Stabilität des Kippenbodens dort fraglich. Zuvor konnten, offenbar in Fehleinschätzung der Gefahr, selbst Schwerlaster - potenzielle Rutschungsauslöser - zügig durch die Kurve donnern.

Sechs Kilometer weiter liegt Lohsa, 6000 Einwohner, 15 Ortsteile, ringsum Tagebauseen. Bürgermeister Udo Witschas (CDU) hat große Pläne: Durch Verbindungskanäle soll eine kleine Seenkette entstehen und Lohsa zur touristischen Perle machen.

»Die Bergunsicherheiten haben uns um Jahre zurückgeworfen«, sagt Witschas. Östlich Lohsas brachen Ende 2010 rund 26 Hektar Kippenboden metertief ein, im Sommer darauf rutschte das Ufer am Silbersee, einem Badegewässer, ab. »Die Flutwelle war 50 Zentimeter hoch«, erzählt Witschas. Auch der nahe Knappensee wird saniert werden müssen, Flächen mit Feriensiedlungen und Zeltplätzen müssen dafür gesperrt werden. Beide Seen sind Tagebau-Restlöcher, geflutet schon vor Jahrzehnten.

Insgesamt sind in Lohsa 2200 Hektar Sperrgebiet. Der größte Arbeitgeber, eine Rohrfabrik, musste umziehen, der Bau eines Solarparks wurde gestoppt. Auch Fischteiche sind gesperrt, die örtliche Bahnstrecke ebenso. Die Einschränkungen mache er niemandem zum Vorwurf, betont Witschas, zur Herstellung der Sicherheit seien sie notwendig. Doch man müsse der Region auch für die Zeit nach der Kohle eine Wirtschaftsperspektive schaffen.

Die Kosten für die zusätzlichen Sanierungen im Revier - es geht um Steuergelder - sind enorm. Noch 2008 rechnete die Bundesregierung für die Zeit von 2013 bis zum geplanten Sanierungsabschluss 2017 mit 300 bis 550 Millionen Euro Gesamtaufwand, inzwischen spricht die LMBV von 1,1 Milliarden. Zugleich stellt ihr Sprecher klar: »Wir können nicht alle alten Kippen verdichten.«

Baustopp für neue Windräder

Gesperrte Äcker und Wälder, evakuierte Betriebe und geschlossene touristische Einrichtungen, instabile Straßen und demontierte Solaranlagen, Baustopp für neue Windräder - die Folgen der Rutschungen betreffen viele Orte in Nordsachsen und Südbrandenburg.

Und was wird mit dem »Lausitzer Seenland«? Die LMBV versichert, die großen IBA-Projekte stünden nicht in Frage, obwohl etwa der Großsedlitzer See, wo ein Lagunendorf und eine Marina geplant sind, Sperrgebiet ist. Doch manches Areal galt lange als unproblematisch, und auch der LMBV-Sprecher will Überraschungen nicht ausschließen: »Ein diesbezügliches Bergschadensrisiko ist allen Nutzern und Käufern bekannt.«

Da dies nicht gerade Vertrauen erweckend klingt, beschäftigt sich ein länderübergreifendes Koordinierungsbüro in Hoyerswerda derzeit mit Flächentausch. Investoren sollen vor allem Areale mit »gewachsenem« Boden bekommen, Naturschutzprojekte dagegen Kippenflächen - bislang war es oft umgekehrt geplant.

Doch damit ist das Rutschungsproblem nicht gelöst, wie Alexander Harter am Bergener See erleben musste. Und: Gewachsener Boden ist rar. Angesichts der verbreiteten Ratlosigkeit fragt Harter, wie etwa Vattenfall als heutiger Tagebaubetreiber behaupten kann, dass dies alles später bei seinen Restlöchern nicht passiert: »In zwanzig Jahren hat Vattenfall dort denselben Ärger.«

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