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NEBEL

Dem Dichter Hartmut Lange zum 75.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.
Hartmut Lange
Hartmut Lange

Das Foto zeigt ein Hochhaus im Nebel. Was die Schwaden verbergen, ist nur die Fortsetzung jener Einöde, die Etage für Etage aufwärts klettert. Dies darf behauptet werden, ohne dass Anschauung her muss: Stockwerk X hat garantiert das gleiche Ungesicht wie jene Stockwerke, die sich hinterm Dunstschleier befinden.

Aber die Existenz des Nebels offenbart dennoch ein Phänomen: Es gibt nämlich Wirkungen, die keiner Ursache bedürfen. Wir sind zwar untäuschbar in der Gewissheit, dass dieses Haus auf dem Foto eine bis ans Dach festgelegte Eintönigkeit ist, jedoch dessen ungeachtet beginnt die vom Nebel gekitzelte Fantasie ihr rätselndes Spiel: Vielleicht versteckt sich hinter der Wettergardine trotzdem etwas Unerhörtes? Etwas Unbegreifliches? Das sind Fragen, die aus dem Zentrum des überzeugten Bewusstseins (da ist nichts!) genau gegen dieses Zentrum rebellieren. Ist also jede Wahrnehmung, jede Definition, jede Lebensfestlegung nicht lediglich eine willkürlich gewählte Möglichkeit unter vielen?

Das banale Beispiel des Hochhauses im Nebel hochgerechnet: Keine Anwurf von außen bringt uns so sehr ins Wanken wie ein just aus dem Innern unserer Überzeugungen ragender Zweifel. Das ist der Kasus, der alle bürgerlichen Böden ins Wanken bringen kann, und an bestimmten Fragen, die man, sind sie erst einmal gestellt, nicht wieder los wird, klebt die finstere Verführung, darüber wahnsinnig zu werden.

Dort, wo auf dem Foto das sichtbare Hochhaus in die Unbestimmtheit des Vernebeltseins übergeht, dort, am Schnittpunkt zwischen dem Sichtbaren, das urteilssicher macht, und dem Unsichtbaren, das uns so lockt, wie es gleichzeitig Zittern in uns auslöst - dort, an der schmalsten Stelle, wo das regelnde, richtungsweisende, Ordnung haltende Bewusstsein sich plötzlich hilflos aufbäumt gegen das Irrationale, so, dass es nur noch abstürzen kann (um im Hochhausbild zu bleiben!), dort finden die Novellen des faszinierendsten deutschen Novellisten statt. Hartmut Lange.

Dunkle Prosa, aus der es leuchtet. So viel Sprachkraft, die mit der Frechheit lakonischer Konzentration auf Ereignis und Handlungsablauf alle Gefühlsaufladung vermeidet - und just damit Bannkraft erzeugt. Vollendet kristallin gebundene Klarheit. Äußere Vorgänge, gleichsam wertungsfrei geschildert, streng abgedichtet gegen Emotionen - und darin doch eine atmosphärische Geladenheit, die offenbar dem Kunststück geschuldet ist, des Lesers Fantasie zum Mitdichter zu erheben. Spannung, dies abgewirtschaftete Wort - Lange hat es der Literatur als Adelszeichen zurückgegeben.

In den Novellen des 1937 in Berlin Geborenen, der seit langer Zeit einen jeweils großen Jahresteil in Italien verbringt, verfärbt sich das Landläufige, das Gewohnte, das Eingeschliffene unerwartet auf eine gespenstische Weise. Das Leben der Menschen, die in diesen Novellen gefangen sind, erfährt eine wahrlich unheimliche Steigerung. Was Hitchcock »Suspense« nannte, die anschwellende Unsicherheit angesichts einer nicht fassbaren Drohung, genau dies vollzieht sich in dieser Prosa.

Es sind Meistererzählungen über die Zauberkraft von unmerklich heraufziehenden Schatten. Nur spaltweit geöffnete Türen, mystisch behauchte Gartenwegen hin zu einem See, neu bezogene Villen oder Wattlandschaften oder Museumsnischen oder der intensive Blick auf verwitternde Mauervorsprünge greifen quasi Rilkes Diktum »Du musst dein Leben ändern« auf - wenn man nur wüsste, wie; wenn man nur wüsste, was. Tote Dichter gehen durchs Heute (wer ist gestorbener, dies Heute oder die scheinbar Toten?), Mörder bitten darum, bestraft zu werden oder fallen, schon im Jenseits, in eine große Lebensliebe.

Jede dieser Novellen fragt nach Möglichkeiten, mit der Verzweiflung umzugehen, mit der Verneinung des Bisherigen, mit dem Sturz ins Bodenlose. Der unaufhaltsam nicht deshalb ist, weil es den Gestalten an richtigen Erkenntnissen über die Welt und sich selber fehlt, sondern weil sie erkennen müssen: Just die Arbeit am Bewusstsein, just das Mühen um Welterklärung ist ein Fallenöffner; die wohlfeilen Erkenntnisse über das, was Welt und Menschen scheinbar trägt und treibt, sie ändern doch nichts am Verlorensein des einzelnen kurzen, zufälligen, an den Zeitgrenzen zerbrechenden Lebens.

Am Widerspruch zwischen Utopie und Nichtigkeit kann der Mensch zugrunde gehen. Wenn er sich denn nicht in die Selbststeigerung durch Fantasie, durch Kunst etwa, rettet. Ruhe finden im freien Fall, nennt das Lange. Und in dieser Findung, die todeswund macht, ist er, der Dunkelste, zugleich der heiterste, perlendste Erzähler der Gegenwart.

Begonnen hat er, Student an der Filmhochschule Babelsberg, als Autor von Stücken. Jugendwucht ist die Welteintrittsart von Dramatikern. Sie kommen erfahrungsgemäß nicht kontemplativ zu sich, sondern glühend, hochmütig, wurfsicher (Kleist, Büchner, Schiller). Hartmut Lange schrieb schwertscharfe, dialogsprühende, kantige, geistklare, kunstkluge Stücke - als träfen sich Heiner Müllers düstere Lohndrücker mit Shakespeares lustigen Mördern, Marlowes kalte Rüpler mit Schillers heißen Räubern. Solch ein Schüler musste einem Peter Hacks gefallen, dem Freund und Förderer am Deutschen Theater Berlin.

Besagte Jugend schürte im Dichter Lange das dramatische Feuer - und entfachte sogleich die Trittkraft derer, die es austrampelten. Mit »Marski« (1962), der Kömödie um den Großbauern im Kollektivierungs-Wirbel, bewies er den Verdacht, ein großer, also verbietbarer Bühnenautor zu sein. Er schrieb sich glänzend poetisch ins öffentliche Schweigen. Er rechnete im Stück »Hundsprozess« (1964) derart wahrhaftig mit dem Stalinismus ab, dass ihn Angst überkam, jemand könne das Manuskript entdecken. Der Öffentlichkeitsdrang als Auslöser für Isolation. Die Lust an der Wahrheit: in Bewusstseinsdiktaturen undenkbar, ohne dass die Zensur die Patenschaft übernimmt.

Lange verließ in den sechziger Jahren (über Jugoslawien) die DDR, weil sie für ihn nicht marxistisch genug war. Sie hatte sich an Stalin verraten. Stalinismus hieß die Wirklichkeit, aber noch blieb der (rationale!) Glaube, diese Wirklichkeit, wie böse auch immer, sei nur Vorstufe des wahrhaft Geschichtlichen. Also abschaffbar. Lange floh nicht, er rettete seinen Glauben, rettete (zunächst) jenes sichere Gefühl, das man in der Nähe des Hegelschen Weltgeistes hat.

Bis ein Ereignis eintrat, das genau jenen Umschlagpunkt seines novellistischen Hauptwerkes vorwegnahm (wehe dem Buch, das man lesen kann, ohne sich die ganze Zeit Fragen nach dem Leben des Autors zu stellen!): »Mein Stück ›Trotzki in Coyocan‹ wurde im Westen als Fernsehinszenierung vorbereitet, und man wollte im Anschluss eine Diskussion über den politischen Hintergrund senden. Ernest Mandel, der Leiter der Vierten Trotzkistischen Internationale, Eugen Kogon und ich saßen vor der Kamera, das Licht wurde eingerichtet, plötzlich überkam mich ein Gefühl von Gleichgültigkeit. Ich spürte mit Erstaunen, dass mich der Sachverhalt, über den wir diskutieren sollten und der meine Realitätserfahrung als Schriftsteller bis zu jenem Augenblick wesentlich bestimmt hatte, nicht mehr interessierte. Irgendwie wurde mir klar, dass es Simulationen waren, mit denen ich mich beschäftigt hatte.« Abschied vom marxistischen Denken: Abschied von einem Denken, das sich als Lösung verstand; aber Lösung war nur das Wort für die Unempfindlichkeit gegenüber dem tiefen, unlösbaren Existenzproblem des geworfenen Individuums.

So hurtig kann das gehen. Ein Schleier, du siehst ihn zur Seite schweben. Das Licht, das von irgendwoher einfällt, zeigt die Welt anders, als man sie bislang sah. Solche Momente gehören zu den schönsten wie schrecklichsten eines Lebens: Alles ist Ende und Anfang zugleich. So beginnt Heimatlosigkeit und doch Ankunft - in einer Unruhe, die Voraussetzung alles Schöpferischen ist.

Der Mensch hofft selten mit Verstand, aber er kann in aufrechter Würde verzweifeln. Das erzählen die Novellen von Hartmut Lange, der am Sonnabend 75 Jahre alt wird.

Hartmut Lange im Diogenes Verlag Zürich: »Gesammelte Novellen in zwei Bänden«, »Irrtum als Erkennntis - Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller«, »Tagebuch eines Melancholikers«, »Die Selbstverbrennung« (Roman)

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