Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die Visonen Herzfelds und Chatamis

50 Jahre Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Iran – in Sinne eines Dialogs der Zivilisationen und Kulturen

Seit 50 Jahren gibt es eine Außenstelle des Deutschen Archäologischen Instituts in Teheran. Deutsche Grabungen im alten Persien können erfreuliche Erfolge aufweisen. Doch die aktuelle Lage in der Region gibt Wissenschaftlern Anlass zur Sorge.
Persien und Europa waren sich bis ins 18. Jahrhundert weitgehend fremd geblieben. Reiseberichte von Marco Polo bis Carsten Niebuhr weckten zwar das Interesse für den Zauber und Luxus des Orients. Doch das Wissen um Land und Leute blieb spärlich. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts sollte sich das ändern. Doch wie im Wettlauf der Großmächte um Kolonien, Rohstoffe und Absatzmärkte kam Deutschland auch im Wettlauf bei der Auffindung antiker Schätze im Nahen und Mittleren Osten spät, indes nicht zu spät. Großgrabungen in Pergamon, Milet, Babylon und Assur brachten dem Kaiserreich beachtlichen Prestigegewinn.

Der Beginn deutscher Feldforschung in Iran ist mit dem Namen Ernst Herzfeld verbunden, den eine erste Reise 1905 nach Persien führte. Zusammen mit Friedrich Sarre, dem späteren Direktor der islamischen Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin, reiste er in den folgenden Jahren durch Mesopotamien, unternahm Ausgrabungen in Samarra und besuchte mehrfach Iran, wo er jedoch – wegen französischen Monopols bis 1927 – keine Ausgrabungen vornehmen durfte. Er dokumentierte und publizierte eifrig antike Ruinenstätten wie auch islamische Kulturdenkmäler und sammelte Kleinfunde, die er in Leinenbeuteln verpackt, mit dem Fundort beschriftet, nach Berlin schickte.

Herzfeld schlug bereits die Gründung einer Zweigstelle des 1829 ins Leben gerufenen Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Iran vor. Vor 85 Jahren, in einem Sitzungsprotokoll von 1927, nennt er die wissenschaftliche Publikation iranischer Denkmäler die wichtigste Aufgabe der geplanten Einrichtung. Doch die aus der Weltwirtschaftskrise resultierende Geldnot des Staates verhinderte die Realisierung seiner Idee. Erst 1961 ging der Wunsch Herzfelds in Erfüllung, als Erich Boehringer in Teheran eine Außenstelle des DAI eröffnen konnte.

Grabungen auf dem Tacht-e Soleiman im Nordwesten Irans, in den monumentalen Palastanlagen sassanidischer Könige des 7. Jahrhunderts n. Chr, waren das erste Großprojekt der neuen Institutsaußenstelle. Ab 1969 wurde über zehn Jahre Bastam, die größte Festung des Staates Urartu aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., erforscht. Diese für die iranischen und deutschen Wissenschaftler sehr erfolgreiche Arbeitsperiode wurde durch die Islamische Revolution im Februar 1979 abgebrochen. Forschungen zu vorislamischen Kulturen wurden nun unterbunden. Zudem verhinderte der im Folgejahr ausgebrochene iranisch-irakischer Krieg weitere Feldforschungen.

Das 1997 einsetzende politische Tauwetter änderte die Situation. Staatspräsident Chatami rief zum »Dialog der Zivilisationen und Kulturen« auf, in dem die Archäologie wieder eine wichtige Rolle spielen konnte. Die vorislamische Zeit wurde wieder zum nationalen Kulturerbe gezählt, bei dessen Erforschung iranische und ausländische Kollegen Hand in Hand arbeiteten.

In Arisman im zentralen Hochland Irans erbrachten die im Jahr 2000 begonnenen interdisziplinären Forschungen Aufsehen erregende Erkenntnisse zur frühen Kupfermetallurgie im 4. Jahrtausend v. Chr. 2005 rief die iranische Kulturerbebehörde ausländische Experten zu Hilfe, um Fundorte zu retten, die bei der Errichtung des Sivand-Staudammes in Südiran unterzugehen drohten. Schon Herzfeld hatte hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts gearbeitet. Nun untersuchte das DAI mit geomorphologischen Tiefbohrungen, magnetometrische Untersuchungen und Luftbildern die prähistorischen Fundstätten von Darre-ye Bolaghi. Neben einer Siedlung wurden Töpferöfen eines neuen Typs gefunden, die bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. die Fertigung riesiger Mengen bemalter Keramik ermöglichten.

Vor wenigen Jahren wurde die Kulturbehörde in Teheran umstrukturiert. Fehlende Ansprechpartner und unklare Zuständigkeiten erschweren seitdem die Forschungsarbeit. Momentan finden keine Grabungen durch das DAI in Iran statt. Die derzeitige Atmosphäre des Misstrauens und der gegenseitigen Beschuldigung in den Beziehungen zwischen der westlichen Welt und Iran sind wissenschaftlicher Tätigkeit nicht gerade dienlich. Drohungen mit ausländischen Luftschlägen einerseits und eine mögliche Sperrung der Straße von Hormuz andererseits sind nicht geeignet, den »Dialog der Zivilisationen und Kulturen« zu befördern. Wie eine friedliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit zu beiderseits gewinnbringenden Erfolgen führen kann, haben 50 Jahre DAI-Forschung in Iran bewiesen.

Teheran 50 – ein halbes Jahrhundert deutsche Archäologen in Iran. Verlag Philipp von Zabern. 194 S., 202 Abb., 15 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln