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Debatten mit offenem Visier

Einige Anmerkungen zur bisherigen Diskussion

Der Beitrag "Debatten mit offenem Visier" hat kontroverse Reaktionen hervorgerufen. Anmerkungen von Chefredakteur Jürgen Reents zum Stand der Debatte.

(1) Mutmaßungen - "Worum geht es wirklich?" (123DDR) – sind nicht nötig; Verdächtigungen – "treue nd-Leser sollen unter sich bleiben (UTKIEK)" – noch weniger. Das Problem wurde geschildert. Es geht nur darum, dies zu lösen.



(2) Die Redaktion ist auf der Suche (!) nach einer Lösung, es gibt keinen Schnellschuss. Was ich notiert habe, ist ausdrücklich als „Überlegung" formuliert. Hätten wir keine Diskussion und Beratung in der community gewollt, wäre eine neue Regelung festgelegt worden, und fertig. Wir werden also alle Argumente prüfen und dann entscheiden. „Unrühmliche Vergangenheit" (UTKIEK)? Das ist lächerlich.



(3) Ratschläge, die Moderation zu verstärken – "Dann beschaffen Sie eben die Kapazitäten" (123DDR) – klingen überzeugend, sind aber auch wohlfeil. Die online-Kommentatoren müssen ja keinen Pfennig dazu bezahlen, wenn uns das mehr Arbeitskraft kostet… Bitte nicht vergessen: nd ist eine professionelle Tageszeitung. Wer bei uns arbeitet, bekommt Gehalt oder Honorar, es ist kein privates Hobby. Und auf Sklavenarbeit (jemand meinte an anderer Stelle, wir könnten doch unbezahlte Hilfen bzw. Praktikanten dafür einsetzen) können und wollen wir uns nicht stützen. Fakt ist: nd finanziert sich fast ausschließlich über den Verkauf der Druckausgabe.



(4) Überzeugt hat mich: Die Einsichtnahme von Klarnamen durch andere User ist ein Schwachpunkt des Vorschlags. Vermutlich ließen sich ein paar technische Sicherungen gegen „Pannen" einbauen, aber Garantien, dass jemand ein Pseudonym unbefugt „outet", gäbe es nicht. Der Vorschlag wurde als Kompromiss geboren: meine Grundposition ist, analog zu Leserbriefen in der Printausgabe nur Kommentare mit Klarnamen zuzulassen, sich also bewusst vom diesbezüglichen „Standard" in Internet-Foren zu verabschieden. Dazu gab und gibt es konträre Meinungen auch in der nd-Redaktion. Unabhängig davon, auf welche Lösung wir uns schließlich verständigen, will ich meine Motivation dafür nachstehend erläutern.



(5) Das „Spiel mit Identitäten" (XY) - gerne zugestanden - wird von nicht Wenigen inzwischen zu einer ideologisch fragwürdigen Position überhöht, bei der eine Furcht vor Berufsverboten, persönlicher Schutz beim Vertreten einer „streitbaren Meinung" u.a.m. (JOERGMEYER) ins Feld geführt werden. Unbestritten: Auch in Ländern, die sich wie die BRD demokratischer Meinungsfreiheit rühmen, gibt es Fälle persönlicher Diskriminierung wegen nicht konformer Meinungsäußerung, gibt es Fälle politischer Verfolgung. Aber was folgt daraus? Für mich nicht die Haltung: Sagt eure Meinung, aber bleibt anonym. Das Identitäts-Verstecken gehört inzwischen in 70 oder 80 Prozent der Diskussionsforen zum „guten Ton". Sind alle Diskutanten dort gefährdet? In der Gesellschaft treten wir für Zivilcourage ein, plädieren für mutiges Engagement, für Furchtlosigkeit bei der Aufdeckung und Bekämpfung von Unrecht, sagen: Gesicht zeigen etc. – und in Internet-Debatten heißt es: bloß das nicht, no-go! Wie passt das zusammen? Es geht nicht um Albernheiten, ob dann auch „Ausweiskopien" verlangt werden. Das verströmte Gefühl, man könne in solchen Foren und in diesem Land überhaupt nur noch seine Meinung sagen, wenn man sich anonym verschanzt, ist eine groteske Wirklichkeitsverzerrung. Und sie konterkariert jeden Anspruch und jedes Streben nach bewusster Emanzipation. Ja, ich möchte den Dorfpfarrer ermutigen, seine Meinung zu sagen, um seiner eigenen Zivilcourage willen und weil ich Grund zur Annahme habe, dass sein Beispiel so eher Wirkung hat, als wenn er sich dabei „Firlefanz" nennt, von dem niemand weiß, wer sich dahinter verbirgt. Das ist der Kern des Disputs.



(6) Und noch mal: Die Lösung? Wir suchen sie noch.



Jürgen Reents

nd-Chefredakteur

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