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Erwartbar unnahbar

Zur ARD-Dokumentation »Der Sturz - Honeckers Ende« I

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Die Ankündigung weckte große Erwartungen, ebenso wie die lobenden Kritiken im Vorfeld der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation »Der Sturz - Honeckers Ende«. Erstmals seit dem Niedergang der DDR äußert sich Margot Honecker in einem Fernsehinterview, hieß es. Doch leider gab es nicht das Interview zu sehen, mit all seinen Fragen und Antworten. Lediglich Ausschnitte daraus sind Teil eines Films, der sich mit dem Abgang des »letzten Diktators auf deutschem Boden« beschäftigt, wie nach den ersten 30 Sekunden klargestellt wird.

Es folgt ein Husarenritt durch die letzten Monate der DDR - von den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag über Honeckers Erkrankung, Verhaftung, Freilassung, sein Ableben bis hin zum heutigen Alltag der Witwe Margot. Dazwischen werden Verbrechen des Regimes angekratzt, wie der skrupellose Umgang mit Andersdenkenden, Ausreisewilligen und Kriminellen. Mauerbau und Kalter Krieg spielen auch eine Rolle. Alles behandelt durch fast 30 Interviews mit Zeitzeugen und Originalfilmausschnitten sowie aktuellen Aufnahmen der einstigen Tatorte, festgehalten in 90 Minuten.

Ein geschlossenes Bild von der DDR kann sich aus diesem Sammelsurium nicht ergeben, schon gar nicht einer Betrachterin, die in diesem System zwar geboren wurde, aber nicht einmal mehr zur Schule gegangen ist. Für mich, für die Hans Modrow, Egon Krenz und Margot Honecker nur Geschichtsfiguren sind. Vor allem diese Margot, die Frau von Honecker und langjährige Volksbildungsministerin. Hatte die nicht so eine komische Haarfarbe?

Heute ist ihr Haar schneeweiß. Sie lebt umgeben von »Genossen« und Familie in Chile, von 1500 Euro Rente aus Deutschland. Ihr Haus haben wir schon mehrfach zu sehen bekommen, sei es in Bildern von aufdringlichen »Bild«-Reportern, in der »SUPER illu« oder Fernsehdokumentationen. Der Déjà-vu-Effekt stellt sich ein, als das NDR-Team unter Leitung des mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilmers Eric Friedler (»Aghet - Ein Völkermord«, »Das Schweigen der Quandts«) nun am Gartentor vorbeifährt. Mit dem selben Bild begann vor zehn Jahren der Film »Honeckers Flucht - Das Ende eines Kommunisten« von Thomas Grimm, damals auch für das Erste produziert.

Neu ist allerdings, wie umfassend Margot Honecker sich den Fragen stellt. Nach Aussage der Filmemacher ließ sie sich an drei Tagen je eine Stunde lang befragen. Beim ersten Interview trägt sie eine schwarze Strickjacke, darunter einen grauen Pulli. Bis auf eine silberne Armbanduhr kein Schmuck, kein Make-up. Geistig völlig auf der Höhe wirkend, wählt die fast 85-Jährige ihre Worte sorgsam, verspricht sich selten.

Ihre Diktion hat sich kaum verändert. Von »Konterrevolution« und »Feinden« ist weiter die Rede. Margot Honecker ist noch immer davon überzeugt, mit ihrem Einsatz für die DDR Gutes getan zu haben; sie gibt auch zu, dass Fehler gemacht wurden. Welche es sind, sagt sie aber nicht. Entschuldigen, so meint die schlanke Frau, müsse sie sich nicht.

Margot Honecker hat ihr Leben einzig für die »große Sache« gelebt. Bis heute lässt sie nicht an sich heran, dass ihr Mann Erich gestürzt wurde, weil er zu verbohrt war. »Wir haben das nie persönlich angenommen. Wir haben das als Verrat an der DDR, an diesem ganzen Land, an den Menschen angesehen, aber nie an uns persönlich«, beteuert sie regelrecht. Bis heute hinterfragt sie diese Selbstaufgabe nicht. Stattdessen versteckt sie sich und ihre Verantwortung dahinter.

So wirkt Margot Honecker zwar unnahbar, doch nicht kaltherzig. Etwa wenn sie über die Mauertoten sagt: »Es lässt einen nicht ruhig, wenn ein junger Mensch auf diese Weise ums Leben kommt. Man hat sich vor allem auch immer gefragt: Wieso hat er das riskiert? Warum? Denn das braucht ja nicht sein. Der brauchte ja nicht über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter.«

Ihr Weltbild ist unerschütterlich. Dass ein Mensch ein anderes Leben kennen lernen will, nicht um den Sozialismus zu verraten, sondern um seinen Horizont zu erweitern, um herauszufinden, was er in seinem Leben schaffen will, ist für Margot Honecker offenbar undenkbar. Und dabei geht es noch nicht einmal darum, ob die Mehrheit der DDR-Bürger den Kapitalismus wollte, wie auch in diesem Film behauptet wird.

Gleichzeitig scheint Margot Honecker innerlich zerrissen. Sie will wissen, wie sich Deutschland entwickelt, informiert sich regelmäßig und umfassend, hat aber »keine große Sehnsucht« nach »diesem« Deutschland. Sie lebt offenbar nur noch von einem Gedanken: »Ich bin der Meinung, dass wir ein Korn in die Erde gelegt haben. Der Samen wird aufgehen. Es war nicht umsonst, dass die DDR existiert hat.«

War etwas anderes von ihr zu erwarten? Etwa die große Reue? Warum sollte sie ausgerechnet jetzt erfolgen, wo nicht einmal klar ist, warum Margot Honecker überhaupt dieses Interview gab. Selbst Eric Friedler sagt, er hätte nur »Reporterglück« gehabt.

Sein Film scheint weniger das Zusammentragen historischer Fakten zum Ziel zu haben. Einzig unter dem Stichwort Diktatur soll DDR in der Erinnerung abgespeichert werden. Historiker waren nicht unter den Gesprächspartnern. Angaben wie »an die 7000 Zwangsadoptionen soll es gegeben haben« werden ohne Quelle genannt. Warum die DDR vor dem finanziellen Kollaps stand, wird ebenso wenig ausgeführt.

Viele der Bilder und Aussagen der Zeitzeugen sind nicht neu. Auch Pfarrer Uwe Holmer, der den in die Obdachlosigkeit entlassenen Honeckers in seinem Haus Unterkunft gewährte, wurde bereits interviewt. Anders ist die Komposition des Films. Stärker als zuvor werden darin einzig die Honeckers als Täter definiert. Aber ist das angemessene, differenzierte Aufarbeitung? Eine reißerisch anmutende Doku, dessen aufgesetzte Dramatik es noch schwerer macht, das Geschehene aus heutiger Sicht zu verstehen, kann nicht das angemessene Mittel sein.

Katja Herzberg wurde 1984 geboren und ist Volontärin beim nd.

Siehe auch: Hilflosigkeit und Arroganz: Zur ARD-Dokumentation »Der Sturz - Honeckers Ende« II

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