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»Oft ist das Aussehen entscheidend«

Dirk-Ulrich Mende über Chancengleichheit

Mit Dirk-Ulrich Mende (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Celle, die an dem Pilotprojekt teilnahm, sprach Thomas Blum.
Mit Dirk-Ulrich Mende (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Celle, die an dem Pilotprojekt teilnahm, sprach Thomas Blum.

nd: Um Diskriminierung auszuschließen, sollte es auf Stellenausschreibungen in Celle nur anonymisierte Bewerbungen geben. Lässt sich nun ein klares Ergebnis feststellen?
Mende: Dass dieses Bewerbungsverfahren zu einem eindeutigen Ergebnis für alle beteiligten Arbeitgeber geführt hat, kann ich so nicht bestätigen. Mein Eindruck ist, dass es den in Deutschland üblichen Bewerbungsverfahren unter dem Aspekt der Chancengleichheit deutlich überlegen ist.

Können Sie das konkreter erläutern?
Wir haben Menschen eingestellt in der Stadt, die aufgrund ihrer persönlichen Situation bei anderen Firmen oder Arbeitgebern keine Chancen gehabt haben. Wir haben heute einen Mitarbeiter, der jetzt im Bereich des Grünflächenamtes als Sachbearbeiter arbeitet, der eine Fleischereiausbildung hat und aufgrund eines Arbeitsunfalls umschulen musste und dann mit weit über 40 Jahren auf einmal als Berufsanfänger erhebliche Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt hatte. Wir haben davon in dem ersten Bewerbungsschritt keine Kenntnis gehabt, sondern nur geguckt: Welche Qualifikation bringt diese Person mit? Er hat die notwendigen Qualifikationen mit entsprechendem Fachwissen belegen können. Wir wussten auch nicht, wie alt er war, welche Behinderung er hat. Der hat sich so gut präsentiert, dass wir anschließend gesagt haben, wir wollen ihn auf jeden Fall einstellen, und er hat uns auch überzeugt.

Eine Idee war, dass durch dieses Verfahren mehr Frauen und Migranten eingestellt werden.
Es gibt jetzt bei uns eine Referatsleiterin für den Bereich Integration, die stets erhebliche Schwierigkeiten aufgrund ihres ausländischen Namens hatte, nach dem Studium überhaupt eine Anstellung zu finden. Und weil wir gesagt hatten, wir wünschen uns jemanden mit Migrationshintergrund, haben wir ihr die Chance gegeben, bei uns einzusteigen. Das ist aber nicht der einzige Fall. Wir hatten über 1100 anonymisierte Bewerberinnen und Bewerber. Wir haben 211 Menschen eingeladen zu den Bewerbungsgesprächen und 30 Arbeitsplätze besetzt. Ich bin von Anfang an Verfechter eines solchen Verfahrens gewesen. Meinen Personalchef musste ich erst davon überzeugen, dass das der richtige der Weg ist. Er war sehr skeptisch wegen des vermuteten zusätzlichen Aufwands. Heute fährt er durch die Bundesrepublik und preist das anonymisierte Verfahren an.

Welche Wirkung hat es, wenn bei Bewerbungen die Fotos weggelassen werden und der Name nicht ersichtlich ist?
Viele bewerben sich dann vor dem Hintergrund, dass man ohne Ansehen von Geschlecht und Aussehen eine höhere Chance hat, eingestellt zu werden. Wissenschaftlich ist bestätigt, dass oft das Aussehen der Bewerberinnen und Bewerbern entscheidend dafür ist, welche Jobs man bekommt. Je attraktiver und jünger man ist, desto eher bekommt man einen besser bezahlten Job. Jetzt kann man natürlich daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass das Bild in der Bewerbungsmappe ausschlaggebend dafür ist. Alter und Aussehen waren die ersten beiden Informationen, aus denen sich das gesamte weitere Prozedere zusammengesetzt hat, selbst wenn man sich bemüht hat, neutral zu bleiben. Das fällt jetzt weg im anonymen Verfahren.

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