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Auf hoher See herrscht Flaute

Die Errichtung von Offshore-Windparks in Deutschland kommt nach wie vor nur schleppend voran

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das langsame Tempo der Energiewende beschert nicht nur der Solarbranche massive Probleme. Auch in der Windbranche bläst Gegenwind.

Der Windkraftanlagen-Hersteller Nordex mit Sitz in Rostock und Hamburg kündigte am Donnerstag an, sich aus dem Geschäft mit Offshore-Windparks zurückzuziehen - wegen hoher Entwicklungskosten und fraglicher Rentabilität. Bei Siemens steht wegen der schleppenden Anbindung von Anlagen auf hoher See an das Stromnetz laut Medienberichten seine Gewinnprognose auf der Kippe.

Eigentlich sollen in kaum einem Jahrzehnt in der Nord- und Ostsee Anlagen mit einer Gesamtleistung von 10 000 Megawatt stehen, was etwa der der abgeschalteten Atommeiler entspricht. Dazu sollen massenhaft riesige Windmühlen errichtet werden. Für Offshore-Windenergie sprechen der häufig stürmisch wehende Wind in der Deutschen Bucht und die schier endlose Weite des Meeres, die es erlaubt, ausgedehnte Kraftwerksanlagen weit ab von menschlichen Siedlungen zu errichten.

Bislang ist die Idee jedoch kaum mehr als eine Vision. »Die bautechnischen Herausforderungen waren anfänglich unterschätzt worden«, erklärt Nico Nolte vom zuständigen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg den schleppenden Start. Die raue Nordsee mit Wassertiefen um die 40 Meter stellt die Ingenieure vor größere Herausforderungen als die küstennahen Flachwässer vor der britischen Insel, den Niederlanden oder Schweden, wo seit Längerem Windstrom fließt.

Die Branche hinkt den ursprünglichen Planungen um Jahre hinterher; statt in Dutzenden »Parks« drehen sich heute erst in drei Anlagen Windräder. Das seit 1999 geplante Testfeld »Alpha Ventus«, eine Gemeinschaftsaktion von Politik und Wirtschaft, wurde im April 2010 offiziell in Betrieb genommen. Seither folgte in der stürmischen Nordsee nur »Bard Offshore 1«, 100 Kilometer vor der Urlauberinsel Borkum. 16 Windmühlen des finanziell angeschlagenen Anlagenbauers Bard aus Emden drehen sich inzwischen. 64 sollen noch folgen.

In der ruhigeren und daher weniger ertragreichen Ostsee ist bislang allein »Baltic 1« mit seinen 21 kirchturmhohen Windkraftanlagen am Netz. Für das Pilotprojekt des baden-württembergischen Energiekonzerns EnBW wenige Kilometer nördlich der Halbinsel Darß hat man aus Erfahrungen der Vorgänger gelernt. »Obwohl wir aufgrund des schlechten Wetters später als geplant anfangen konnten, sind wir mit der Installation sogar vor der Zeit fertig geworden«, freut sich Armin Forster, der bei EnBW für den Bau des Windparks verantwortlich war. Turbinen von Siemens liefern Strom für 50 000 Haushalte an Land. 2013 soll »Baltic 2« folgen und Strom für 340 000 Haushalte liefern.

Trotz solcher Leuchtturmprojekte: Von den geplanten 10 000 Megawatt sind laut Windenergieverband BWE erst 200 Megawatt installiert. Für das Desaster gibt es nicht nur bautechnische Gründe: Auch mangelt es an Errichterschiffen, um tausende Wind-Riesen im Meer aufzustellen. Um den Engpass zu umschiffen, lässt etwa der Baukonzern Hochtief eigene Kran-Hubschiffe auf einer polnischen Werft bauen.

Verzögernd wirken auch ungelöste Probleme beim Netzanschluss. Schließlich muss der Strom von den Windparks an Land fließen und dort bundesweit verteilt werden. Als Hauptschuldigen hat die Windbranche den Netzbetreiber Tennet ausgemacht, der seinen gesetzlichen Verpflichtungen nicht nachkomme. Dabei sind Fragen der Haftung und des Versicherungsschutzes offen. Bremsen tun zudem die zwei Dutzend Kreditinstitute, die weltweit für Offshore-Finanzierungen in Frage kommen. Seit der Banken- und Finanzkrise halten sie sich bei Geschäften in der Branche zurück.

Trotz der massiven Anlaufschwierigkeiten setzt Siemens weiter auf Strom vom Meer. Der Konzern will weltweit zu einem der drei größten Produzenten von kompletten Windanlagen aufsteigen. Und auch im BSH bleibt man optimistisch, das 10 000-Megawatt-Ziel pünktlich zu erreichen. Gegen diese amtliche Zuversicht setzt die Windenergiewirtschaft ihren Zweckpessimismus: Für 2020 erwartet man erst 7000 Megawatt installierte Leistung - und hofft auf weitere staatliche Hilfen.

In der EU gibt es 53 Offshore-Windparks mit einer Kapazität von 3813 Megawatt. Trotz schwacher Wirtschaftslage wurden 2011 immerhin 235 neue Windräder auf hoher See mit einem Gesamtwert von 2,4 Milliarden Dollar ans Netz angeschlossen, vor allem in britischen Gewässern. Siemens lieferte 80 Prozent der Turbinen.

Auch weltweit geht es mit Windenergieanlagen voran. Ein Wachstum um 15 bis 20 Prozent erwarten Beobachter für 2012. Dennoch wurden in den vergangenen Jahren Überkapazitäten errichtet. Rund 80 Anlagenbauer tummeln sich hier. Wegen des Preisdrucks schreibt etwa der dänische Weltmarktführer Vestas hohe Verluste - er allein plant den Abbau von 23 000 Stellen. Erwartet wird eine Marktbereinigung und Konzentration, nach der in einigen Jahren nur eine Handvoll großer Unternehmen bleiben wird. nd

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