Von Marcus Meier, Essen

»Dino« RWE bleibt sich treu

Turbulente Aktionärsversammlung des Essener Energiekonzerns

Es war Jürgen Großmanns letzte Jahreshauptversammlung als RWE-Vorstandschef. Vor die Anteilseigner trat gestern ein von sich selbst Überzeugter. Doch Kritische wie renditeorientierte Aktionäre waren weniger begeistert vom Kurs des Konzerns.

Die Aktie weise wieder einen stabilen Aufstiegstrend auf, man erfreue sich des bestmöglichen Ratings, der Konzern produziere »sichere und saubere Energie« und sei »entscheidender Akteur« in Sachen »Energie der Zukunft« - lauschte man Jürgen Großmanns Rede auf der Jahreshauptversammlung von RWE in der Essener Grugahalle, konnte man den Eindruck gewinnen, fast alles sei in Butter. »Wir sorgen für Lösungen, nicht für Probleme«, tönte Großmann, noch bis 1. Juli Chef des klimaschädlichsten Konzerns Europas. Sichtbar erfreute ihn, dass RWE bei Unternehmenslenkern als drittrenommiertester Energiekonzern weltweit firmiert. Man kann die Bilanz aber auch anders lesen: Dividende und Gewinn geschrumpft, ein »Kursgemetzel« bei der Aktie, wie sich ein Aktionär empörte, und ein milliardenschweres Deinvestitionsprogramm (also: Verkäufe) zur Verbesserung der finanziellen Situation.

Notwendig ist drastisches Sparen. Nicht sein Fehler - Großmann sprach von einem »rauen Marktumfeld«. Dazu zählen für ihn ungünstige, langfristige Gaslieferverträge mit Gazprom, der beschleunigte Atomausstieg nach Fukushima inklusive Abschaltung des RWE-AKWs Biblis und die »Vorfahrt für erneuerbare Energien«, weshalb sich der Betrieb konventioneller Kraftwerke immer weniger lohne. All das habe die Einnahmen im Geschäftsjahr 2011 um über zwei Milliarden Euro geschmälert. Außerdem malte Großmann wieder das Gespenst eines großen Strom-Blackouts an die Wand. Jubel brauste unter den Aktionären nur auf, als der von Umweltschützern als »Dinosaurier« geschmähte Manager erklärte, RWE habe als Erster den Mut besessen, gegen den beschleunigten Atomausstieg und die Brennelementesteuer vor Gericht zu ziehen.

Ansonsten hielt sich der Beifall in Grenzen. RWE sei angeschlagen und weise keine nachhaltige Strategie auf, kritisierte ein Vertreter von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken. »Verscherbeln Sie nicht das Tafelsilber zum Schleuderpreis!« Aktionärsschützer Marc Tümler verwies auf strategische Fehler: BASF mache mit seinem Gasgeschäft Gewinn, RWE nicht. Man möge machtbewusster mit Gazprom verhandeln, forderte ein anderer Redner.

Kritische Aktionäre beklagten etwas ganz Anderes: neue Tagebaue und den Ausbau von Kraftwerken im Rheinischen Braunkohlerevier. In wenigen Jahren würden die dortigen Kohlekraftwerke blockiert wie heute Castortransporte, so ein Redner der Initiative »ausgekohlt«. RWE müsse zudem Schadensersatzforderungen etwa aus Bangladesch befürchten - das bitterarme Land ist vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Die Rede wurde von Aktionären mit Hohngelächter quittiert.

In erneuerbare Energien fließt bei RWE nur jeder vierte investierte Euro - oft in Windparks auf hoher See. Bis 2020 will der Konzern gegenüber 2005 seinen Kohlendioxid-Ausstoß um 20 Prozent senken - nicht insgesamt, sondern lediglich pro Megawattstunde.

Vor der Grugahalle demons-trierten etwa 150 RWE-Gegner gegen den Kohle- und Atomkurs des Konzerns. Zehn von ihnen wurden kurzzeitig in Gewahrsam genommen, als sie den Eingang zur Grugahalle zu blockieren versuchten. Nach Angaben des Protestbündnisses »RWE unplugged« war der Polizeieinsatz »rabiat«.

Großmann lebte auch seinen Nachfolger. Peter Terium garantiere eine »Kontinuität in Strategie und Führung« und werde den Konzern weiter auf Wachstum trimmen. Der Niederländer nickte.

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