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Politik treibt Kinder auf die Straße

Protest gegen eingestellte Förderung von Freien Trägern im Stadtbezirk Mitte

Spielten schon mal Protest auf der Straße – Kinder aus Jugendeinrichtungen vorm Rathaus Mitte.
Spielten schon mal Protest auf der Straße – Kinder aus Jugendeinrichtungen vorm Rathaus Mitte.

Was wird werden, wenn lediglich noch die Chance bleibt, auf der Straße zu spielen? Dieses Thema versammelte am gestrigen späten Nachmittag Kinder aus Einrichtungen Freier Träger vor der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte in der Karl-Marx-Allee. »Wir lassen uns das nicht gefallen« und »Wir wollen Ottokar, wo sollen wir sonst hin?« hieß es auf Plakaten. Die Kinder spielten Ball auf der Straße und machten allerhand Lärm. Selbstgefertigte Scheine zwischen 20 und 100 Euro dienten einem guten Zweck: Sie waren für die Verordneten bestimmt - die Kinder wollten ihnen zurückgeben, was man ihrem Projekt abgenommen hat.

Der Protest galt dem Rathaus und der Bezirksverordnetenversammlung. Denn in gleichlautenden Schreiben wurden alle Freien Träger der Kinder- und Jugendarbeit dieser Tage darauf hingewiesen, dass die Förderung eingestellt würde. »Vorbehaltlich und vorsorglich zu der vom Jugendhilfeausschuss noch zu treffenden Förderentscheidung lehne ich Ihren Antrag vom 16. Mai 2011 auf Förderung über den 30. Juni 2012 hinaus vorläufig ab«, heißt es in dem Schreiben des Bezirksamtes vom 27. März 2012. Die Förderentscheidung werde in einem endgültigen Bescheid als Verwaltungsakt mitgeteilt. Wann, das ließ man freilich offen.

Im Klartext bedeutet dies, dass nach derzeitigem Stand 37 Einrichtungen mit dem 30. Juni schließen müssen. »Damit löst sich angesichts der nur geringen Zahl kommunaler Einrichtungen das bisher schon sehr löchrige Netz der Kinder- und Jugendarbeit im Stadtbezirk nahezu gänzlich auf«, sagt Sigrid Völker, Leiterin des Kinderzentrums »Ottokar« im Heinrich-Heine-Viertel, dem »nd«. Unter anderen gilt dies auch für das Jugendprojekt »Werk 9« (Bereich Leipziger Straße) und »A 13«, ein Schülerladen in Wedding.

Die bedrohten Einrichtungen befinden sich vorwiegend inmitten sozialer Brennpunkte des Stadtbezirkes. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund sind betroffen, in nicht wenigen Einrichtungen bis zu 95 Prozent. Hier halten sie sich die meisten Tage der Woche über auf, hier wird gespielt, gelacht, gelobt, geurteilt, gestritten, gebastelt, genörgelt, getobt, gelärmt, getuschelt, Sport getrieben, geübt, wie man kocht oder mit Tieren umgeht, eine Ausstellung gestaltet und bei Konflikten untereinander gewaltfrei zurechtkommt. Es werden Schularbeiten gefertigt und Nachhilfen erteilt, wenn es nötig erscheint.

»In Kinderzentren wie dem Ottokar soll etwas geboten und zugleich Bleibendes vermittelt werden«, so Völker. Dazu gehört, sich der Kinderrechte bewusst zu werden. Die UNICEF hat sie als Gleichheit, Gesundheit, Bildung, Spiel und Freizeit, freie Meinungsäußerung, gewaltfreie Erziehung, elterliche Fürsorge, keine wirtschaftliche und sexuelle Ausbeutung usw. definiert. Selbstbewusst sollen die Kinder werden, damit sie ihre Rechte wahrnehmen, das sei das Ziel. »Mit Beginn der Sommerferien werden gerade diejenigen Kinder, deren Eltern sich keinen Sommerurlaub leisten können, ohne die Einrichtungen auskommen müssen. Allein im Ottokar werden etwa 130 Kinder schlichtweg auf der Straße stehen«, meint Sigrid Völker.

Zu den Ursachen des Missstandes gehört, dass es im Stadtbezirk nach wie vor keinen Haushalt für das bald zur Hälfte verflossene Jahr 2012 gibt. Laut Völker habe es noch am 8. März im Jugendhilfeausschuss geheißen, dass keine Schließungen geplant seien. Keine vierzehn Tage später, am 20. März, verkündete die Verwaltung ein Kürzungsvolumen von rund 600 000 Euro.

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