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Der Kreuzberger Aufstand

25 Jahre linksradikaler 1. Mai in Berlin – zwischen Ritualisierung und Aufbruch

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Die Krawalle am 1. Mai 1987 in Berlin Kreuzberg überraschten Polizei wie linke Szene. Seither hat sie sich als eine der größten linksradikalen Demonstrationen im Jahr etabliert. Eine Diskussion begleitet sie von Anfang an: Sieht so radikaler Protest gegen Kapitalismus aus oder ist die oft in Straßenschlachten endende Demo lediglich selbstbezügliches Szeneritual?
Der Kreuzberger Aufstand

»Es hätte auch Belfast sein können«, hieß es in der Tagesschau am 2. Mai 1987. Berlin hatte in den Jahren zuvor bei Demonstrationen und Häuserräumungen immer wieder eine brachial auftretende Polizei erlebt. Als am 1. Mai 1987 auch zahlreiche friedliche Besucher eines Straßenfestes mit Tränengas beschossen und von prügelnden Polizisten durch die Straßen gejagt wurden, lief das Fass über. In der Nacht brennen in der Oranienstraße Barrikaden, Geschäfte werden geplündert.

Dabei ist der »revolutionäre 1. Mai« gar kein zentraler Identifikationspunkt linksradikaler oder autonomer Politik gewesen. Die Auseinandersetzungen an der Startbahn-West und gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für Atommüll in Wackersdorf, die Kämpfe um die Hamburger Hafenstraße oder das Gedenken an den jungen Berliner Norbert Kubat, der sich kurz nach dem 1. Mai 1987 in Untersuchungshaft das Leben nahm, haben viel mehr mit dem damaligen linksradikalen Selbstverständnis zu tun.

Der 1. Mai '87 war ein überraschendes Ereignis. Es wurde in der Folge aber zwangsläufig zum Referenzpunkt einer linksradikalen Bewegung, die um Freiräume kämpfte und in diesem Fall einen Stadtteil temporär dem autoritären Zugriff des Staates entzog. So musste sich die Polizei damals für mehrere Stunden aus Kreuzberg zurückziehen. Der Mythos des widerständigen Kreuzbergers war geboren. Medien wie »Springer« und »Tagesspiegel« konstruierten daraus das Bild des unangepassten, gewalttätigen Querdenkers, das zuletzt in diesem Jahr bei den Protesten gegen das BMW-Guggenheim-Labor in Kreuzberg ausgiebig bemüht wurde. Festzustellen ist, dass die linksradikale 1. Mai-Demonstration in Berlin, von bürgerlicher Presse und Politikern als sinnentleertes Gewaltritual bejammert, offenbar für viele junge, politisch Interessierte attraktiv ist und in den letzten Jahren deutlichen Zulauf hatte.

Seit Jahren erheben Anwohner und Politiker den Vorwurf, die Kreuzberger Linken würden am 1. Mai ihren eigenen Kiez zerhauen. Dabei ist die Gegend rund um Oranienstraße und Kottbusser Tor an diesem Tag mittlerweile polizeiliche Sperrzone für alle, die an der linken Demonstration teilnehmen. Stattdessen dürfen sich dort beim vom Bezirk organisierten »Myfest« Anwohner, Betrunkene und konsumwillige Touristen tummeln, darunter nicht wenige sensationslüsternde Besucher, die die Aussicht auf ein wenig Krawall lockt. Die Polizei tut regelmäßig alles, um den Zustrom von Demonstranten zum Myfest zu verhindern. Im vergangenen Jahr versperrte ein Polizeiriegel auf der Kottbusser Brücke allen den Weg, die nach der in Neukölln beendeten Demonstration zurück nach Kreuzberg wollten. Das erinnerte an das Jahr 1987, als die Polizei im Juni den »Risikobezirk« absperrte, um einen reibungslosen Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan zu gewährleisten – auch hier gab es einen Sperrgürtel an der Kottbusser Brücke. Damals durfte kein Linksradikaler raus aus dem Kiez, heute darf am 1. Mai kein Linksradikaler rein.

Die Befriedung durch das Myfest-Spektakel und polizeiliche Repressionstaktik sind eng miteinander verzahnt. Während im Vorjahr auf der bezirklichen Festmeile in der Oranienstraße munter Getränke verkauft wurden, setzten in der Neuköllner Karl-Marx-Straße Polizeihundertschaften den Teilnehmern der gerade aufgelösten 1. Mai-Demo nach. Dieses Jahr soll die Demonstration raus aus dem Kiez in Richtung des Regierungsviertels gehen. Sie darf jedoch nicht wie von den Organisatoren gewünscht zum Brandenburger Tor führen, sondern wird auf Abstand gehalten und muss am Bebelplatz enden. Mit Frank Henkel von der CDU gibt es einen neuen Innensenator in Berlin. Ob nun wieder das unter CDU-Innensenatoren übliche Rasenmäherprinzip des »Viel Feind viel Ehr« praktiziert wird, bleibt abzuwarten.

Auch für die linke Szene ist der 1. Mai ein ambivalentes Ereignis. Schon vor 25 Jahren gab es Stimmen, die vor ritualisierter Wiederholung warnten. Die Sinnhaftigkeit von Krawallen nach der Demo, bei der sich zum Teil alkoholisierte Jugendliche austoben, von denen einige zu linken Politikinhalten ein eher diffuses Verhältnis haben dürften, wird von vielen bezweifelt. Immer wieder gab es daher Versuche, den 1. Mai zu repolitisieren und »aus dem eigenen Saft« herauszuholen, wie etwa die Mayday-Paraden mit ihrem bunten, spielerischen Charakter, die prekarisierte Arbeitsverhältnisse in den Mittelpunkt stellten.

Der 1. Mai greift für die Szene wichtige politische Entwicklungen auf und ist zugleich Ausdruck von Verschiebungen ihrer Agenda. So führte die Demonstration Anfang der 90er nach Friedrichshain in den damals neuen Besetzerkiez. 2004 gab es im Zuge der Spaltung und Auflösung diverser politischer Gruppen insgesamt fünf Demonstrationen. Immer wieder spielten Blockaden gegen Nazi-Aufmärsche in Berlin und anderswo eine zentrale Rolle für das 1. Mai-Geschehen. Die Entscheidung, in diesem Jahr Kreuzberg zu verlassen und ins politische Zentrum nach Mitte zu ziehen, kann schließlich als Ausdruck eines veränderten Selbstverständnisses im Zuge der Antikrisenproteste gelesen werden.

Unabhängig von der Demonstration wird in Berlin dieses Jahr auch zu dezentralen militanten Aktionen rund um den 1. Mai mobilisiert. Der Aufruf zu den sogenannten Insurrection Days wird in Internetforen und der autonomen Zeitschrift »Interim« kontrovers diskutiert. Er kann als Beleg einer neuen Protestkultur verstanden werden, der sich am »Aufstand« (insurrection) als dem aktuellen linken Theorie-Fetisch abarbeitet, was offensichtlich nicht nur postmarxistische Theoriegrößen tun müssen, sondern auch die autonome Gruppe vor Ort. Die Aktionen orientieren sich zudem am »out of control«-Konzept, wonach Demonstrationen zwar angekündigt, aber nicht offiziell angemeldet werden, um so immer rigider werdende Polizeimaßnahmen wie Spalierlaufen, untersagte Wegstrecken, lückenlose Kameradokumentation und Vorkontrollen zu umgehen.

Wie politisch dieser 1. Mai wird, entscheidet sich nicht nur in Berlin. Im kalifornischen Oakland, wo die Occupy-Bewegung zusammen mit Gewerkschaften im November über Stunden einen der wichtigsten Häfen der amerikanischen Westküste dicht gemacht hatte, wird am 1. Mai demonstriert, um den Protestfrühling 2012 wirkmächtig zu eröffnen. Auch in New York sind Aktionen geplant. Zehn Tage später wird in Spanien zum Jahrestag der »Indignados«-Bewegung landesweit protestiert. Und in Frankfurt am Main finden Mitte Mai breite Anti-Krisenproteste statt. Der Kreuzberger revolutionäre 1. Mai ist 2012 kein regionales Ereignis, sondern sollte im Kontext eines sich ausbreitenden antikapitalistischen Protests gesehen werden.


»1. Mai 1987: Aufstand im Kiez oder zügelloser Krawall?« darüber diskutieren am 26. April in Berlin Christoph Albrecht, 1987 taz-Redakteur, Sibylle Albrecht, Lehrerin und Anwohnerin, Hartmut Moldenhauer, leitender Polizeidirektor a. D. und Georg Uehlein, ehemaliger Instandbesetzer, der den Tag in Kreuzberg aus der Perspektive eines Demonstranten erlebte (19 Uhr, Kreuzberg Museum, Adalbertstr. 95A).

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