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Hilft Keynes? Hilf Marx? Hilft Beten?

Die Ökonomen Yanis Varoufakis und Paul Mattick ordnen die Krise in die Geschichte des Kapitalismus ein

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Warum haben wortführende Ökonomen die aktuelle Krise nicht vorausgesehen?
Warum haben wortführende Ökonomen die aktuelle Krise nicht vorausgesehen?

Manchmal verdeutlichen einzelne Szenen tatsächlich historische Prozesse. Im November 2008 war dies der Fall, als die britische Queen Elisabeth II. von den selbsternannten Expertinnen und Experten der London School of Economics Rechenschaft darüber verlangte, warum niemand von ihnen die Krise vorausgesehen hatte. Ratloses Schweigen. Erst acht Monate später waren die Ökonomen in der Lage, die Frage zu beantworten. Das dreiseitige Antwortschreiben gipfelte in der Aussage, es habe sich um »ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen« gehandelt.

Yanis Varoufakis: Der Globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft. Übersetzt von Ursel Schäfer. Antje Kunstmann Verlag, München 2012, 288 S., 19,95 €.
Yanis Varoufakis: Der Globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft. Übersetzt von Ursel Schäfer. Antje Kunstmann Verlag, München 2012, 288 S., 19,95 €.

Der desolate Zustand zumindest großer Teile eines Wissenschaftszweiges hätte auch von Brecht kaum besser szenisch dargestellt werden können. »Sinnlos« sei es angesichts der Kriseneinbrüche im vergangenen Jahrzehnt, »Diskussionen weiterzuführen, die sich auf die konventionelle Wirtschaftswissenschaft stützen«, hatte kurz zuvor bereits James K. Galbraith, einer der führenden Kritiker innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, prognostiziert.

Paul Mattick: Business as Usual. Krise und Scheitern des Kapitalismus. Übersetzt von Felix Kurz. Edition Nautilus, Hamburg 2012, 160 S., 12,90 €.
Paul Mattick: Business as Usual. Krise und Scheitern des Kapitalismus. Übersetzt von Felix Kurz. Edition Nautilus, Hamburg 2012, 160 S., 12,90 €.

Tatsächlich sind die Beispiele der völligen Ignoranz der in den vergangenen Jahrzehnten vorherrschenden neoklassischen Wirtschaftstheorie und ihrer politischen Sachwalter, nach der Märkte nicht nur Wachstum, sondern auch Stabilität gewährleisten würden, Legion. Drei sollen hier genügen. So beschrieb noch kurz nach Ausbruch der Finanzkrise die Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, Christina Romer, die aktuellen Entwicklungen als lediglich kurzfristige Störungen des Wirtschaftsprozesses, sah aber ansonsten »keinen Grund dafür, warum überhaupt Zyklen auftreten sollten«. Sie konnte sich auf zwei nicht weniger bedeutende Kronzeugen berufen. 2004 hatte der heutige Vorsitzende der US-amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, sein Konzept der »Great Moderation« des Kapitalismus vorgestellt, demzufolge eine unendliche Stabilität dieses Systems allein durch die Kontrolle der Inflationsrate erreicht würde. Und Gregory Mankiw, Autor des mit Abstand meistverkauften Lehrbuchs der Volkswirtschaftslehre und von 2003 bis 2005 Berater von George W. Bush, erklärte das Zeitalter der Krisen gar ganz für beendet.

Wenig verwunderlich also, dass die Unzufriedenheit mit der Zunft auch öffentlich wächst. Einen »Angriff auf den Elfenbeinturm« forderte zuletzt selbst die Wochenzeitung »Die Zeit«. Insbesondere die Ideen des zeitweise verfemten John Maynard Keynes erleben in den letzten Jahren so eine Wiederauferstehung. Eine »Renaissance des Keynesianismus« konstatierten in ihren Titeln selbst der »Focus« oder das »Handelsblatt«. Hier führte Nicole Walter diese wiedergewonnene Attraktivität auf das Eingeständnis zurück, »dass die wirtschaftlichen Aktivitäten in der Realität nicht absolut reibungslos vonstatten gehen, sondern dass es Friktionen« gäbe. Keynesianer, wie etwa der Nobelpreisträger Paul Krugman, Heiner Flassbeck, unter Oskar Lafontaine 1998 und 1999 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und seit 2000 Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD), oder Max Otte, der in seinem Buch »Der Crash kommt« die Krise vorhergesagt hatte, sind seitdem gefragte Gesprächspartner oder Kommentatoren. Ihr gemeinsames Credo: Was nach dem Zweiten Weltkrieg funktionierte, nämlich das von Keynes vorgeschlagene Deficit spending der Staaten, um zur Stabilisierung ihrer Volkswirtschaften die Nachfrage anzukurbeln, könne auch heute den Ausweg darstellen.

Dumm nur, dass auch die von ihnen geforderten öffentlichen Konjunkturprogramme, die teilweise Verstaatlichung von Banken und die starke Senkung der Leitzinsen die Krise bisher nicht haben eindämmen können. Zwar sind die Kontraktionen des Welthandels aufgrund dieser Maßnahmen bisher weniger stark als in der Weltwirtschaftskrise - zwischen 1929 und 1932 schrumpfte der Welthandel auf fast ein Drittel seines Volumens, während es zwischen 2008 und 2011 lediglich um elf Prozent zurückging -, doch dafür ist ein Ende der Rezession noch lange nicht in Sicht. Zudem sind viele Forderungen eben nicht nur längst umgesetzt worden, sondern bewirkten entgegen den Intentionen der Ökonomen häufig genug die Sozialisierung der Verluste.

Das zentrale Hindernis für die Umsetzung nachfrageorientierter Programme stellt aber die schwindende finanzielle Handlungsfähigkeit der Staaten selbst dar. Als die USA 1971 beschlossen, das Bretton-Woods-System aufzukündigen, betrugen ihre Schulden weniger als 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Mittlerweile liegen sie bei über 100 Prozent des BIP, in den meisten anderen OECD-Ländern sind die Raten noch weitaus höher. Konnte der beständige Rückgriff auf Konjunkturanreize seitens der Staaten bisher immerhin noch Prosperität zum Preis einer wachsenden Verschuldung vorgaukeln, hat die Staatsschuldenkrise auch diesem Trugbild endgültig den Garaus gemacht.

Diesem Dilemma haben sich nun zwei Ökonomen in großen Essays gewidmet, die den meisten Krisenbüchern - ein Genre, das in den vergangenen Jahren den Buchmarkt überschwemmt hat - voraushaben, dass sie die derzeitigen Krisenerscheinungen nicht nur beschreiben, sondern sie, auch in bewusst linker Diktion, in die Dynamiken des Kapitalismus seit 1929 einzuordnen suchen. Das erste stammt von dem Athener Ökonomen Yanis Varoufakis. Keynesianer durch und durch, umgeht er allerdings die in seiner Schule ansonsten so populäre Verklärung der Nachkriegsepoche, die er intensiv analysiert. Vielmehr stellt er einen kaum noch rezipierten Gedanken des Lehrmeisters in den Vordergrund: Die Instabilität des Welthandels werde vor allem durch unausgeglichene Außenhandelsbilanzen hervorgerufen.

Für Varoufakis gliedert sich die Nachkriegsgeschichte in zwei Phasen - die des US-amerikanischen »Überschussrecyclings« bis 1971, in der die USA ihre Überschüsse neben der Versorgung ihrer Exportindustrie auch zum Ausbau regionaler Wirtschaftsmächte wie Japan oder Deutschland verwendeten, und die Phase der Vorherrschaft des »Globalen Minotaurus«, so auch der Titel des Buches, bis heute. Die Verschuldung der USA in Folge des Vietnamkrieges und die zunehmende Unrentabilität der amerikanischen Industrie hätten durch die monetäre und militärische US-Hegemonie einen »gewaltigen Recyclingmechanismus« zur Folge gehabt, »der die globalen Handels- und Kapitalströme umkehrte«. In dessen Zentrum stand die Wall Street, die bis zu 70 Prozent der weltweiten Profite aufsog und so das doppelte Defizit der USA aus Außenhandelsbilanz und Staatshaushalt finanziert habe - Geld, das zunehmend in rein spekulative Geschäfte geflossen sei.

Die Krise habe die »endgültige Abdankung« des Minotaurus nun zur Gewissheit gemacht. Eine langfristige Stabilisierung und Entschuldung der Staaten erhofft sich Varoufakis dagegen von der Etablierung eines »globalen Mechanismus zum Überschussrecycling«, einer internationalen Steuer für Länder, die Überschüsse erwirtschaften. Diese Einnahmen könnten dann als Entwicklungszuschuss an die Defizitländer fließen. Die Idee geht auf Keynes’ Vorschlag der Bildung einer »International Clearing Union« zurück, die auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 von den USA zurückgewiesen wurde. Derzeit wäre eine Akzeptanz durch die Exportweltmeister Deutschland und China allerdings vermutlich ebenso unwahrscheinlich, wie der Autor selbst zugesteht.

Aber nicht nur die realpolitischen Kräfteverhältnisse könnten Varoufakis’ Hoffnung auf den »Beginn eines neuen, authentischen Humanismus« in der internationalen Zusammenarbeit zerstören. Der in New York lehrende marxistische Philosoph und Ökonom Paul Mattick weist in seinem Essay »Business as Usual« - in einem an der Dichte der Argumentation kaum zu überbietenden Tempo - auf die Grenzen der Kapitalakkumulation und die daher rührende Desorientierung der divergierenden Schulen der Wirtschaftslehre in den vergangenen Jahrzehnten hin. In Anlehnung an die Arbeiten seines Vaters, der bereits Ende der 1960er Jahre das mit dem Namen Keynes verbundene »gemischte Wirtschaftssystem« als Ausdruck der Schwäche der Kapitalakkumulation dargestellt hatte, wirft Mattick die Perspektive des »Niedergangs des privatwirtschaftlichen Systems« auf, in dessen Sichtbarwerdung er, wenn auch sehr vorsichtig, die Hoffnung auf »nicht weniger als die Konstruktion eines neuen Systems von Produktion und Verteilung« setzt.

Trotz aller Etappensiege verweise insbesondere die Steigerung der Staatsquote, in den vergangenen 80 Jahren betrieben von rechten wie linken Regierungen, darauf, dass »der Kapitalismus letztlich nicht die erforderlichen Profitmassen (habe) erzeugen können, um einen Großteil der Weltbevölkerung … integrieren« zu können, sondern stattdessen die Märkte künstlich hätte befeuern müssen.

So gesehen, hätte die Sprachlosigkeit der Londoner Spitzenökonomen System gehabt.

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