Wettrüsten 2.0

US-Experte: Atommächte modernisieren Bestände

Berlin. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden große Reden über Denuklearisierung geschwungen. Die früheren Erzfeinde USA und Russland haben ihre Kernwaffenbestände auch stark verringert - doch im Schatten des numerischen Rüstungsabbaus würden durch Modernisierung neue Kapazitäten geschaffen, sagte der Atomwaffenexperte Hans M. Kristensen jetzt in Berlin. Dies betreffe auch Deutschland, wo nach aktuellen Plänen im Jahr 2019 rundum erneuerte US-amerikanische Atombomben stationiert werden sollen. Der aus Dänemark stammende Kristensen leitet seit sieben Jahren das nukleare Informationsprojekt des Bundes amerikanischer Wissenschaftler (Federation of American Scientists). Seine Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit mit Analysen und Hintergrundwissen über Nuklearwaffen- und Streitkräfte zu beliefern.

Kristensens Aussagen nach hat die Obama-Regierung zwar eine »erhebliche Reduzierung« der Nuklearbestände versprochen, doch um dies im US-Kongress durchzusetzen, musste man einer Modernisierung zustimmen. »Eine schizophrene Politik«, meint Kristensen, der auch für das Jahrbuch des Stockholmer Friedensinstituts SIPRI schreibt. Nach seinen Informationen geben die USA in den nächsten zehn Jahren für die Erneuerung der Atombomben, Trägermittel und Produktionsstätten rund 215 Milliarden Dollar aus.

Dies hätte auch Folgen für die NATO-Verbündeten in Europa. Eines der »Lebensverlängerungsprogramme« wurde für die Atombombe B61 beschlossen. Die taktische Version dieser Kernwaffe ist an sechs europäischen Standorten, darunter in Büchel (Rheinland-Pfalz), stationiert. Diese Bestände sollen nun aufwendig erneuert werden. Um deren Sprengköpfe auszutauschen, sind vier Milliarden Dollar nötig, sagt Kristensen. Weitere 800 Millionen Dollar würde ein neues Raketenheck kosten. Dies könnte auch direkte Kosten für Deutschland verursachen. Eine neue Version der Bombe, die B61-12, würde nicht mehr auf die Tornado-Kampfflugzeuge passen und zum Umstieg auf die moderneren Eurofighter zwingen, so der US-Experte. Die Entscheidung läge beim Bundestag.

Die Kritik des 51-Jährigen bezieht sich nicht nur auf die USA und die NATO. »Alle Atommächte sind damit beschäftigt, neue Waffensysteme einzuführen und zu bekräftigen, dass sie Kernwaffen bis zu einem unbestimmten Zeitpunkt haben werden.« Russland wolle in den nächsten zehn bis 15 Jahren seine schrottreifen ballistischen Raketen aus der Sowjetzeit austauschen, auch China modernisiere sein Arsenal und die jüngsten Raketenversuche in den Nachbarländern Indien und Pakistan zeugten vom regen Rüstungsaufbau. »Es geht nicht mehr wie im Kalten Krieg um Zahlen, sondern um Qualität«, betont Kristensen. Größere Reichweite, höhere Zielgenauigkeit, bessere Flexibilität seien die Vorgaben im neuen nuklearen Wettlauf, dessen Startschuss schon gefallen ist.


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