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Der Traum vom irdischen Paradies

nd STECKBRIEF - Einer war's (174)

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Der Traum vom irdischen Paradies

Der Sohn eines Juristen trat, nachdem er die Lateinschule besucht hatte, in den Dienst eines hochrangigen Klerikers. Weil er seine Aufgaben dort mit Fleiß erfüllte, erhielt er ein Stipendium für die Universität Oxford, an welcher er Latein und Griechisch studierte. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte er zusätzlich eine juristische Ausbildung und war danach als Rechtsanwalt tätig. Außerdem schrieb er Verse in lateinischer und englischer Sprache und hielt Lehrveranstaltungen an der Universität ab.

Mit 26 Jahren wurde er Mitglied des Parlaments, in dem er nicht nur seines jungen Alters wegen rasch für Aufsehen sorgte. Mit bestechender Eloquenz wandte er sich gegen eine vom König geforderte Steuererhöhung und machte sich damit am Hofe zahlreiche Feinde. Eine Zeit lang spielte er mit dem Gedanken, Mönch zu werden, und lebte zu diesem Zweck als Laie in einem Kartäuserkloster. Doch dann änderte er seine Lebensplanung und heiratete die 17-jährige Tochter eines Landedelmannes. In kurzen Abständen brachte seine Frau vier Kinder zur Welt, drei Töchter und einen Sohn, die er alle mit gleicher Hingabe erzog. Nach sechs Jahren starb überraschend seine Frau, und er wartete nicht lange, bis er sich erneut vermählte. Diesmal war seine Gattin acht Jahre älter, und die Ehe blieb kinderlos.

Mit der Thronbesteigung eines neuen Königs kam auch seine politische Karriere erneut in Schwung. Er wurde zu einem von zwei sogenannten Untersheriffs ernannt und war als Diplomat auf dem europäischen Kontinent tätig. Hier begann er mit der Niederschrift eines Werkes, das seinen Namen für alle Zeiten im Gedächtnis der Menschheit verankert hat. Er schildert darin das Leben in einer fiktiven Gesellschaft, in der völlige materielle Gleichheit herrscht. Niemand besitzt Privateigentum und die Interessen des Einzelnen sind denen der Gemeinschaft untergeordnet. Jeder hat den gleichen Zugang zur Bildung, aber jeder muss auch arbeiten.

Kurz nach der Veröffentlichung des Werkes, in dem er überdies für religiöse Toleranz warb, trat er in den Dienst des Königs. Er wurde in den Geheimen Rat aufgenommen und später zum Ritter geschlagen. Am Ende schaffte er sogar den Aufstieg zum Lordkanzler und gehörte damit zu den höchsten Würdenträgern des Staates. In allen politischen Wirren blieb er stets ein treuer Katholik, der namentlich die protestantische Bewegung, die sich damals in Europa auszubreiten begann, als Ketzerei verdammte. Es fiel ihm daher auch nicht sonderlich schwer, gleichsam als Ghostwriter für seinen König eine Streitschrift gegen Martin Luther zu verfassen, die sogar der Papst in höchsten Tönen lobte.

Aber dann trennte sich der König aus persönlichen Gründen von der römisch-katholischen Kirche - und der von uns Gesuchte legte sein Amt als Lordkanzler nieder. Dies geschah vermutlich nicht nur aus Gewissensgründen, sondern auch in der Hoffnung, er könne dadurch sich und seiner Familie ein schlimmeres Schicksal ersparen. Doch seine Rechnung ging nicht auf. Nachdem er sich geweigert hatte, den König als Oberhaupt einer neuen Kirche anzuerkennen, wurde er in den Kerker geworfen, vor Gericht gestellt und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.

Üblicherweise war ein solches Urteil mit dem Hängen, Ausweiden und Vierteilen des Delinquenten verbunden. Der König ließ im Falle seines ehemaligen Kanzlers aber »Milde« walten und begnadigte diesen zu einfacher Enthauptung ohne Folter. Nach der Hinrichtung, die ihn mit 57 Jahren ereilte, wurde sein Kopf aufgespießt und an einem prominenten Ort zur Schau gestellt. Seiner ältesten Tochter gelang es jedoch, das vormals geliebte Haupt durch die Zahlung eines Bestechungsgeldes zu retten und in Sicherheit zu bringen. Als sie selbst neun Jahre später starb, wurde sie zusammen mit dem Kopf ihres Vaters beerdigt.

Wer war's?


Für drei Gewinner dieser Folge stellt der Verlag Thorbecke den Band »Ein Sonnentag im Freien. Die besten Rezepte für Frühling und Sommer« zur Verfügung.

Der Maler, nach dem wir letztes Mal fragten, war: Lyonel Feininger.

Gewonnen haben: Ruth Kohl, Freital; Margret Raetzer, Berlin; Dieter Krieg, Weimar. Die Gewinner sind damit einverstanden, dass ihr Name veröffentlicht wird.
Poststempel: 28. Mai 2012

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