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Osten prägte Vereinigung der Schwulen

Ringo Rösener über Diskriminierung und Gleichberechtigung, die Offenherzigkeit der DDR-Kirche und das letzte Tabu

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22 Jahre nach der Premiere von »Coming Out« folgt Ringo Rösener zu Beginn seines Dokumentarfilms »Unter Männern - Schwul in der DDR« den Spuren des Dramas am Alexanderplatz und in Prenzlauer Berg, um damit in die Porträts schwuler Männer aus dem Osten Deutschlands einzusteigen, die zwischen 1932 und 1960 geboren wurden. Obwohl der Homosexuelle diskriminierende Paragraf schon 1968 aus dem Strafgesetzbuch der DDR getilgt worden war, verhinderten gesellschaftliche Ächtung und Vorurteile lange das öffentliche Eingeständnis ihrer sexuellen Orientierung.
Autor Rösener - als Heiner Caros »Coming Out« Premiere hatte, war er sechs Jahre alt.
Autor Rösener - als Heiner Caros »Coming Out« Premiere hatte, war er sechs Jahre alt.

nd: Herr Rösener, was hat Sie an den Geschichten homosexueller Männer aus der DDR interessiert?
Rösener: Meine eigene Biografie und die Erzählungen von Homosexuellen, mit denen ich in Leipzig konfrontiert wurde, haben die Idee reifen lassen. Da ich selbst nie auf einer Filmhochschule war, wollte ich mit Markus Stein als Regisseur zusammenarbeiten. Wir ergänzen uns gut - er hat filmische Erfahrung, ist älter, kommt aus dem Westen und ist mit einer tollen Frau verheiratet.

Welchen Stellenwert hat Carows »Coming Out« für junge Homosexuelle?
»Coming Out« ist ein Meilenstein. Erstmals setzte sich ein abendfüllender Spielfilm der DEFA mit dem Lebensgefühl von Homosexuellen auseinander, er zeigt eine Atmosphäre, von der ich sonst nichts mitbekommen hätte. Es ist ein Wendefilm, nicht nur durch die Premiere am 9. November 1989. Die noch heute überzeugende Geschichte des Films trägt den Geist des Aufbruchs in sich und bietet Bilder, die man sonst nicht findet.

Sie erzählen die Biografien homosexueller Männer über vier Jahrzehnte. Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt?
Der gängige Blick ist, die DDR nur über die 1980er Jahre zu erzählen. Ich wollte sie in ihrem Wandel über einen längeren Zeitraum erzählen. Bei den Recherchen habe ich schnell gemerkt, dass die einzelnen Jahrzehnte von unterschiedlichem Geist geprägt wurden. Zunächst war es das Gefühl des Aufbruchs und des Neuanfangs, das bald davon überlagert wurde, was in der Sowjetunion galt. In den ersten Honecker-Jahren hat die Schwulenbewegung in Berlin mit Michael Unger und Charlotte von Mahlsdorf neuen Schwung bekommen. In den 1980ern wurde sie dann von staatlichen Stellen in die Oppositionsbewegung einsortiert, sie hat sich dann auch selbst in den kirchlichen Aufbruch eingeordnet. Die große Zäsur war aber die Abschaffung des Homosexuelle diskriminierenden Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch 1968. Es gibt eine klare Trennung zwischen der Vor-68er und der Nach-68er Periode.

Wobei die gesetzliche Legitimierung das Eine war, die tägliche Diskriminierung aber nicht aufhörte?
Genau dieses Spannungsfeld macht die Biografien so interessant. Diese Kleinbürgerlichkeit hat die DDR über 40 Jahre geprägt, und Meinungen ändern sich ja nicht schlagartig mit einer Liberalisierung von Gesetzen.

Kannten Sie vor dem Dreh die so genannte Klappenszene in Leipzig, das heißt die heimlichen Treffpunkte homosexueller Männer in Toiletten und Unterführungen, die Sie im Film aufsuchen?
Sie war mir bekannt, mit einigen Abwandlungen existiert sie noch heute in deutschen Großstädten an verschiedenen Orten. Was mir nicht bewusst war, dass die Klappen im Osten lange der einzige Treffpunkt für homosexuelle Männer waren, wo es aber nicht nur um Sex, sondern auch um soziale Kontakte ging.

Hat die Angst vor AIDS die Klappen-Szene in den 1980ern nicht zerstört?
Die Arbeitskreise Homosexualität haben sich mit der Krankheit und der Ansteckungsgefahr auseinandergesetzt und aufgeklärt, auch die staatlichen Stellen waren sich des Problems bewusst. Trotz des Sextourismus zwischen Ost und West wurden in der DDR nur 15 oder 17 AIDS-Fälle dokumentiert. Die Verantwortlichen im Gesundheitswesen erklären sich dies mit der Meldepflicht für sexuelle Krankheiten - jeder wurde aus dem Verkehr gezogen, der die ersten Symptome zeigte. Ausländer wurden ausgewiesen, das Fehlen einer Drogenszene hat die Ausbreitung der Krankheit verhindert. Der alte Spruch, die DDR war unser Kondom, trifft sicher zu. Trotzdem war allen klar, dass es auf Grund der langen Inkubationszeit nur eine Frage der Zeit war und die Zahl der Erkrankten zugenommen hätte.

Sie sprechen die Arbeitskreise Homosexualität der Evangelischen Kirche an. Die Toleranz der Kirche ging aber nicht so weit, einen homosexuellen Pfarrer zu beschäftigen?
Die Geschichte von Eduard Stapel hat mich in zweierlei Hinsicht unheimlich enttäuscht. Stapel ist ein starker Mann: Wenn er durchgesetzt hätte, mit einem homosexuellen Partner in ein Pfarrhaus einzuziehen, wäre das eine Revolution gewesen. Das hat die evangelische Kirche verhindert. Er war dann Angestellter der Stadtmission, hat die materiellen Ressourcen der Kirche nutzen können, was heute gerne geleugnet wird. Die Kirche hat in der DDR sehr viel Offenheit gezeigt und ein Miteinander propagiert, das sich mit der Wende relativ schnell erledigt hatte.

So wie ja allgemein gerne vergessen wird, was nicht ins Bild der grauen DDR passt?
In den vergangenen Jahren hat sich so ein graues Bild von der DDR in den Köpfen festgesetzt. Filme wie »Traum in Erdbeerfolie« über die alternative Modeszene, »ost! Punk! too much future« über den Underground-Punk oder »This ain't California« über die Subkultur der Skater versuchen, diese Sicht aufzubrechen. Sie zeigen, es war in der DDR nicht so bunt wie im Westen, aber nicht so komplett grau, wie es heute gerne dargestellt wird.

Die von Ihnen porträtierten Männer eint, dass sie ohne Zorn auf ihre Zeit in der DDR zurückblicken.
Ja, sie haben sich mit wenigen Abstrichen angenommen, auch Eduard Stapel, der die meisten Lädierungen davon getragen hat. Heute ist er Bürgermeister des Örtchens Bismarck. Frank Schäfer hakt jeden Rückschlag sowieso schnell ab, aber auch John Zimmer, der in Lauscha geblieben ist und seine Heimat und Familie nicht aufgeben musste, hat seinen Platz gefunden.

Hatte die Gleichberechtigung Homosexueller in der DDR Auswirkungen auf das vereinte Deutschland?
Der Schwulenverband der DDR, den Eduard Stapel 1990 gegründet hat, wurde bald umbenannt in Schwulenverband Deutschlands, aus dem wurde später der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland. Da lief die Vereinigung andersherum - die Westdeutschen fanden plötzlich eine zentrale Anlaufstelle. Die Bewegung in der kleinen DDR hatte sich zentral organisiert, während sie im Westen eher lokal begrenzt war. Auf Initiative der Menschen aus dem Osten wurde auch die Gesetzgebung der DDR übernommen. Vor allem ist mein Eindruck, dass die Schwulenbewegung der BRD eher auf Präsentation setzte. Sie wollte betonen, dass Schwule anders sind. Die Schwulen in der DDR wollten dazugehören. Das Humanitätsideal, ein Miteinander aufzubauen, Homosexualität als Normalität zu betrachten, hat die Bewegung geprägt. Das hat sich dann in Deutschland durchgesetzt.

Wird bald das letzte Tabu gebrochen und sich ein Fußballer outen?
Ich würde es mir wünschen, würde es im Moment aber keinem Aktiven raten. Spieler der Nationalmannschaft und der Bundesliga stehen schon so unter enormen Druck, der würde durch ein Outing noch verstärkt. Es widerspricht einer Fankultur, die bestimmte tradierte Männerbilder des Fußballers verabsolutiert. So hat ein Spieler zu sein, was dazu nicht passt, wird nicht akzeptiert. Daher ist es schwierig, diese Mauer einzureißen.

Interview: Katharina Dockhorn

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