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Von Kopf bis Fuß

Vor 20 Jahren starb Marlene Dietrich

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Großer Günter Gaus! Er hatte es in der Hand gehabt: sie vor der Kamera. Marlene Dietrich in seiner TV-legendären Reihe »Zur Person«. Aber der Interviewer, selbstbewusst, stolz, lehnte ihre Order ab, die Fragen vorher eingereicht zu bekommen ...

Nach wie vor hören wir sie. »Ich bin von Kopf bis Fuß ...« Neben dem altershibbligen Kikeriki des Professor Unrat diese dünne, mädchenhaft-naive Stimme. Wir sehen die bestrapsten Beine, das hochgehobene Knie, sehen die wiegende Bewegung, den Blick aus dunklen Augen. So sah es früher also aus, das gewisse Etwas, und in einer einzigen Szene schien das noch gar nicht so alte, aber lustfeindliche Jahrhundert zu Bruch zu gehen ...

»Der blaue Engel«. Monatelang hatte Josef von Sternberg nach einer Darstellerin für die Rolle der Rosa Fröhlich gesucht. Die Dietrich saß 1930 im Ufa-Büro des Regisseurs, absolut desinteressiert, weil absolut gewiss, dass sie nie die Gesuchte sein würde. Wie eine Frau, die sich für eine gewöhnliche Arbeitssuchende hält und nicht weiß, dass sie eigentlich längst in den Gemälden und Zeichnungen eines Toulouse-Lautrec wohnt.

Wann immer Marlene Dietrich in ihren späteren Rollen Soldaten verführte, Staatsgeschäfte störte, ihr Vaterland verriet, wann immer sie lieber einem Habenichts in die Wüste folgte als bei einem reichen Mann zu bleiben - dann war es immer derselbe Wind der Unordnung, der in die verknöcherten Systeme blies. Hahnenfedern, Boas, Pelze, blonde dünne Locken, Spitzen, Schleier - sie spielte mit der Grazie des souveränen Nebenbei. Und wenn die Männer ihre Opfer wurden, dann waren sie nicht das Opfer einer Naturgewalt, sondern ihrer eigenen Einbildung.

Wenn sie eine Uniform anzog oder eine Fliegerkluft oder einen Cutaway - es hatte nie etwas kalt Phosphoreszierendes. Der dragonerhafte Gang, den sie einschlagen konnte, war wie die Spur, die preußisch militärische Vorfahren in ihr hinterlassen hatten. Sie war nicht nur eine Frau mit vielen Gesichtern, sie erschien auch als der Eros in vielerlei Gestalt. In den Armenkleidern der Huren, in den juwelenbesetzten Kostümen der Großmächtigen, in den Negliges im Boudoir, im Rausch der Pelzgarderoben, in den strengen Kostümen der Moralistin. Dass sie selbst so formbar war, entsprach dem Traum, den das junge Ding einst von sich selber hatte: »Ich wollte eine Elfe sein, mit langen Mannequinbeinen und schlanken Händen. Meine Hände waren kurz, und da ich immer mit meinen Händen arbeitete, waren sie nie elegant.« Aus dem Satz spricht noch die Schwelle des Beginns. Die Elfe gehört noch ins vergangene, das Mannequin schon ins 20. Jahrhundert. Ein Erlöser- und Verwandlungsmärchen steckt also auch im Lebenslauf dieser ungewöhnlichen Frau.

Als sie nach ihrer Filmkarriere lange schwieg und dann eines Tages doch wieder auf die Bühnen zurückkehrte, war sie der Star ihres eigenen Mythos. Wenn sie nun aus dem Vorhang trat, wiederbelebte sie Traumbild und Berühmtheit, und das in den fantastischsten Drapierungen. Sie erschien im eng anliegenden, hautfarbenen Kleid, als lebe sie mit bestickter Haut; sie kam im Silberglanz, in wallenden Orgien weißer Pelze: eine leibhaftige Königin des Tages wie der Nacht.

Schönheit ist, weil sie so viel Plattheit verbergen kann, überhaupt kein Garant für Glück. Jenes junge Mädchen aus Berlin-Schöneberg, Maria Magdalena mit Namen, das - obwohl musikalisch und literarisch gebildet - sich sein erhofftes Leben als Geigerin dennoch nicht erfüllen konnte, dieses Mädchen hat sich auf Schönheit nie verlassen. Sie selber hat nur langsam begriffen, dass sie mit dem Kino ins Zentrum einer Industrie geriet, mit der sich das Jahrhundert seinen Traum von der Verschönerung des Menschen erfüllen wollte. Die Traummaschinerie suchte dafür mediale Aktricen. Und eine davon, und zwar eine ganz besondere, wurde jene Kleindarstellerin auf Berliner Bühnen, deren beide Vornamen, je mehr die Dietrich über die Jahre zum Leuchten kam, sich bis zur Liebesform »Marlene« verkürzten.

Sie ging von Deutschland nach Amerika, sesshaft wurde sie in ihrer Heimat nie wieder. Auf der halben Strecke des Rückweges, in Paris, hat sie ihren Lebensort hinter geschlossenen Jalousien gefunden. Zurückgewichen ins Alters-Dunkel, gleich einer einsamen, dem Kamera-Auge ganz allmählich entschwindenden Gestalt auf dem Boulevard der Dämmerung. Von Maximilian Schell dann noch einmal porträtiert, gleichsam in einem Dokumentarfilm des Schwarzbildes, der das Wunschbild nicht antastete. Das Wunschbild im amerikanischen Traum, der auch Europa erobert hatte. Gott ist ewig. Die Dietrich ist besser dran, sie ist unsterblich.

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