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Gebrandmarkt, verbannt, verbrannt

Eine Gedenkstätte in der hessischen Kleinstadt Hadamar bewahrt die Erinnerung an Nazi-Verbrechen gegen Behinderte

Die Gedenkstätte im hessischen Hadamar erinnert an die Opfer der Euthanasie-Verbrechen der Nazis. Sie versteht sich als ein Ort des Gedenkens, der historischen Aufklärung und politischen Bildung und richtet sich dabei an Kinder, Jugendliche und Erwachsene.Veranstaltet werden Rundgänge, Studien- und Projekttage oder auch Theaterworkshops.
Meldebogen eines in Hadamar eingelieferten Kranken: Auf Basis eines solchen Papiers entschied in vielen Fällen ein Ferngutachter über Tod und Leben. Abbildung: Materialsammlungen für Lehrerinnen und Lehrer; Hg. LWV Hessen, Gedenkstätte Hadamar
Meldebogen eines in Hadamar eingelieferten Kranken: Auf Basis eines solchen Papiers entschied in vielen Fällen ein Ferngutachter über Tod und Leben. Abbildung: Materialsammlungen für Lehrerinnen und Lehrer; Hg. LWV Hessen, Gedenkstätte Hadamar

Ein geheimer Erlass Hitlers, datiert vom 1. September 1939 und eine im April 1940 in Berlin installierte, halbstaatliche »Zentralstelle T4« haben während der Nazi-Diktatur die planmäßige Tötung vieler besonders wehrloser Menschen veranlasst. Hunderte Ärzte, Pflegerinnen und andere Helfer beteiligten sich daran und ermordeten bis Mai 1945 über 70 000 Psychiatrie-Patientinnen und Patienten. Die Gedenkstätte im hessischen Hadamar dokumentiert an einem der Orte der »Euthanasie«-Verbrechen Fakten und Leidenswege. Und sie erinnert somit an eine bisher oft wenig beachtete Gruppe von Opfern des faschistischen Terrors.

Verlogene Briefe

Hadamar ist eine idyllisch gelegene Kleinstadt im Landkreis Limburg-Weilheim und hat eine lange psychiatriegeschichtliche Tradition. Doch während der Nazi-Diktatur befand sich dort eine von den im damaligen Deutschen Reich insgesamt sechs Gasmordanstalten der »T4«. Der Name leitet sich von dem Ort des Beschlusses zur Vernichtung »lebensunwerten Lebens« in der Berliner Tiergartenstraße 4 her.

Das Töten war perfekt organisiert: von der Erfassung der Patienten über ihren Transport durch mehrere Zwischenstationen mit gefälschter Krankenakte bis zur Gaskammer und zum Verbrennungsofen. Zwischen 1939 und 1941 wurden zunächst über 10 000 Kranke und Behinderte, stigmatisiert als »Ballastexistenzen«, aus den hessischen und anderen Pflegeeinrichtungen im regionalen Umkreis nach Hadamar verschleppt.

Das Leben der Schutzlosen endete gewaltsam in einem als Dusche ausgegebenen Kellerraum. Ein Arzt legte den Hebel zum Einleiten von Kohlenmonoxid um und beobachtete das Sterben durch ein Guckloch.

Die Angehörigen erhielten dann die postalische Nachricht vom Ableben infolge Darmkatarrh, Lungenentzündung oder einer Infektion. Eine plötzliche Erkrankung ihres Kindes, Ehepartners oder Vaters habe das Verlegen in die Anstalt Hadamar erfordert, aus Seuchenschutzgründen sei der Körper sofort verbrannt worden, stand im so genannten Trostbrief. Nur auf ausdrücklichen Wunsch erhielten die Hinterbliebenen auch eine Urne. Gefüllt wurde diese mit Asche aus der jeweiligen »Tagesproduktion« des Verbrennungsofens. Nach 1942 ermordeten ausgesuchte, gut entlohnte »Pflegekräfte« weitere 5000 Menschen mit der Injektionsspritze.

14 000 Besucher jährlich

Wer heute diesen Mord-Ort besucht, der 1983 als bundesweit erste »Euthanasie«-Gedenkstätte eingerichtet wurde, ist meist über die historischen Tatsachen vorab informiert. Ehrenamtliche Aktive des Fördervereins bieten in den Ausstellungs-, Gruppengesprächs- und Seminarräumen regelmäßig Bildungsveranstaltungen an - speziell jeweils für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, für Behinderte oder für Auszubildende in den Erziehungs-, Heil- und Pflegeberufen. Insbesondere Schüler ab Klassenstufe 9 gehören zu den jährlich über 14 000 Besuchern.

Olaf Neumann, der eine 21-köpfige Realschulklasse und ihren Lehrer in der Gedenkstätte Hadamar begleitet, beginnt mit den Vorboten der Erniedrigung und Entrechtung. Eine seit den 1920er Jahren unter Medizinern weithin akzeptierte Sozial- und Rassenhygienelehre habe Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen als Parasiten und Schädlinge im »Volkskörper« stigmatisiert und Zwangssterilisierungen rechtfertigen helfen.

»Behinderung kann jeden treffen«, erklärt Olaf Neumann. Ja, mehrere der jungen Besucher kennen Menschen mit Symptomen wie Seh- und Hörschwäche, Altersdemenz, Burn-out, Depression oder Downsyndrom. Dann zeigt Neumann einen Meldebogen aus dem Jahre 1941, den die damals zuständigen medizinischen Fachleute zu jedem Heimbewohner und Klinikpatienten ausfüllen mussten. Erfasst sind zum Beispiel die Daten eines »Falles« mit der Diagnose »Beginnende arteriosklerotische Demenz«, anzukreuzen war, ob der Kranke dauerhaft arbeitsunfähig ist. Auszufüllen war auch, ob der Heimbetreute regelmäßigen oder keinen Angehörigenbesuch bekommt.

»Traf letzteres gleichfalls zu, entschied der Gutachter von fern ohne Untersuchung für die Auslöschung«, sagt Olaf Neumann. Aufgeteilt in Lerngruppen erkunden die jugendlichen Besucher dann jeweils eines der Schicksale, die in der Ausstellung dokumentiert sind. Psychisch Kranke, geistig Behinderte und sozial Unangepasste, »vernutzte«, erschöpfte Zwangsarbeiterinnen, Kinder »halbjüdischer« Abstammung oder widersetzliche Kinder inhaftierter Eltern, zuletzt auch kriegstraumatisierte Soldaten und nach Bombenangriffen Verwirrte - ihnen allen war das Lebensrecht durch die Nazis abgesprochen worden.

Angekarrt mit grauen Bussen, gerieten die Menschen in der verriegelten Busgarage von Hadamar endgültig in die Todesfalle - die Gaskammer war gleich in der Nähe. »Spürt aufmerksam wie es euch dort geht. Und vielleicht nehmt ihr lieber die Treppe zurück ins Freie«, sagt Neumann den jugendlichen Besuchern vor dem Abstieg in den Keller mit der Gaskammer, dem Seziertisch und dem Krematorium.

Bevor die Mädchen und Jungen den Friedhof mit dem Ehrenmal besuchen, macht sie Olaf Neumann auf Menschen aufmerksam, die sich dem Töten widersetzt haben. Es waren ihrer zu wenige, und sie blieben allein. Ein Geistlicher der mächtigen katholischen Kirche, der Münsteraner Bischof von Galen, hielt am 3. April 1941 eine mutige Predigt »gegen den Mord an unproduktiven Menschen«. Er erreichte damit zwar den Stopp der Vergasungen in Hadamar. Doch danach griffen die Mörder zum verdeckten Töten - mit nächtens verabreichten Giftspritzen.

Auch der evangelische Pastor und Anstaltsleiter im brandenburgischen Lobetal, Paul Braune, setzte sich gegen die Krankenmorde ein - und büßte mit Gestapo-Haft. Eine Hadamarer Bürgerin, die 22-jährige Verkäuferin Paula F., zeigte Zivilcourage in jenem Städtchen, wo süßlich riechender Rauch aus dem Anstaltsschornstein sich in Nasen und Gewissen ätzte und zweideutige Redensarten über den »Backofen von Hadamar« kursierten. Die junge Frau sprach offen über die Schande, wurde denunziert, 1941 verhaftet und ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt.

Lange Zeit kaum beachtet

Den Überlebenden der »T4«-Aktion, zwangssterilisierten Frauen und Männern oder Menschen, die sich durch Flucht oder dank des energischen Einschreitens ihrer Angehörigen retten konnten, wurde erst spät gesellschaftliche Beachtung und Gerechtigkeit zuteil, informiert die Ausstellung. Sieben Jahrzehnte danach zeigt der wachsende Besucherstrom in die Gedenkstätte Hadamar, dass das Bedürfnis nach Wissen über die Geschichte und Hintergründe der Krankenmorde wächst - und das auch dieses Kapitel der faschistischen Barbarei einer gründlichen Aufarbeitung bedarf.

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