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Wiege dreier Kulturen

Die usbekische Wüstenstadt Chiwa gleicht einem Freiluftmuseum

  • Von Hubert Thielicke
  • Lesedauer: 6 Min.

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Chiwa mit seinen etwa 40 000 Einwohnern ist über 2500 Jahre alt und liegt in der Großoase Choresmien. 1920 wurde in Chiwa die Volksrepublik Choresmien ausgerufen. Heute gehören Teile der Landschaft zu Usbekistan, andere zu Turkmenistan.
Buntes Treiben am Minarett Kalta-Minor
Buntes Treiben am Minarett Kalta-Minor

Im Palast Tasch Hauli könnte Scheherazade sitzen und dem Sultan ihre Märchen erzählen, durch eines der vier Tore der Altstadt Itschan-Kala eine Karawane einziehen, um Rast an diesem Knotenpunkt der uralten Seidenstraße zu machen. Innerhalb der Lehmmauern von Chiwa glaubt man sich ins Mittelalter versetzt. Mehr noch als ihre großen »Schwestern« Buchara und Samarkand hat die Stadt im Nordwesten Usbekistans ihre orientalische Altertümlichkeit bewahrt.

»So alt ist das Ensemble der Innenstadt aber gar nicht«, nimmt uns Stadtführer Sarwa sofort die Illusionen. »Die meisten Gebäude wurden erst im 18. und 19. Jahrhundert errichtet, als der Khan von Chiwa diesen Teil des heutigen Usbekistans beherrschte.« Die Oase von Choresm ringsum ist uraltes Kulturland. Vor mehr als 2500 Jahren entstanden hier die ersten Städte, später hinterließen Eroberer wie Alexander der Große und Dschingis Khan ihre Spuren. Letzterer zerstörte 1221 Gurgantsch, die nahe Hauptstadt der Choresm-Schahs; Chiwa entwickelte sich zum wichtigsten Ort der Oase am Rande der Wüste Kysyl-Kum.

Sarwa beeindruckt nicht nur durch seine Kenntnisse des alten Chiwa, er spricht auch ein ausgezeichnetes Deutsch, studierte Germanistik an der Universität der Nachbarstadt Urgentsch. Gern erinnert er sich an seinen Besuch in Deutschland, wo ihm Weimar besonders gefiel. Sein nächstes Ziel - das Studium in Wien fortsetzen. Er hofft auf viele Touristen, um die nötigen Mittel zu sparen. Die meisten Reisegruppen haben aber ihren Führer dabei, der Individualtourismus entwickelt sich nur langsam.

»Hier wurde Geld gewaschen«

Vor der Festung Kunja-Ark verkauft Sarwa sonst Teppiche, bunte Schals, Schnitzereien und andere Souvenirs, es ist einer von mehreren Ständen, die seine Mutter betreibt. »Wir gehören zu etwa zweihundert Familien, die noch in der Altstadt Itschan-Kala wohnen, insgesamt rund 3000 Menschen. Die meisten Einwohner leben in der äußeren Stadt Dischan-Kala«, erzählt er. Beide Stadtteile trennt die mehr als zwei Kilometer lange Stadtmauer aus Lehm - bis zu zehn Meter hoch und etwa acht Meter dick.

Eine Stadt in der Stadt ist die Festung Kunja-Ark. Ihr höchster Punkt - die Bastion Ok-Scheikh-bobo, der »Weiße Scheich« - bietet einen grandiosen Blick auf Alt- und Außenstadt. Über den niedrigen Häusern recken sich die Kuppeln der Moscheen und Mausoleen sowie die hohen Eingangspforten der Medresen - der Koranschulen. Ins Auge fallen die darüber hinaus ragenden Minarette und das Wahrzeichen Chiwas, der blau glänzende Stumpf des Minaretts Kalta-Minor.

Im Inneren erweist sich die alte Festung als ein Gewirr von kleinen Innenhöfen. In einem stand die Jurte, in welcher der Khan die Gesandtschaften der Nomadenvölker empfing. Feierlicher ging es aber wohl im Thronsaal zu. Der Thron allerdings, ein aus Holz geschnitztes, mit Silber bedecktes Meisterwerk, befindet sich heute in der Moskauer Rüstkammer; die Kopie kann sich jedoch sehen lassen. Beeindruckend die zu den Höfen geöffneten Aiwans - Terrassen, deren Vordächer von Holzsäulen gestützt werden und deren Wände reich mit Majolika-Kacheln verziert sind. »Die farbig glasierten Kacheln und die kunstvoll geschnitzten Holzsäulen sind ein ganz besonderes Merkmal von Chiwa«, erklärt Sarwa. »Die Farben der Kacheln - Weiß, Grün und Blau - stehen für Sauberkeit, Natur und den Himmel.« Auf eine weitere Besonderheit macht er aufmerksam: Gleich neben dem Kerker befand sich die Münzstätte, wo man nicht nur Geldstücke prägte, sondern auch Geldscheine aus Seide färbte, sozusagen »Geld wusch«.

Unweit der alten Festung stellt sich der im 19. Jahrhundert erbaute Palast Tasch-Hauli als majestätische Alternative dar. Mit der großzügigen Anlage - den herrlichen Aiwans, dem Harems- und dem Gerichtshof - und prächtigem inneren Dekor wollte der Khan seinen Machtanspruch dokumentieren.

Moscheen, Minarette, Medresen

Eine Tschaichana - eine Teestube - bietet willkommene Gelegenheit, die bisherigen Eindrücke zu verarbeiten und mit Sarwa den weiteren Rundgang zu besprechen. Wir beginnen am Tor Ata-Darwasa. Auf hohem Sockel sitzt eine Denkmalsfigur, sinnierend über eine Schriftrolle gebeugt. »Muhammad ibn Musa al Choresmi war der berühmteste Sohn der Stadt. Als Mathematiker, Astronom und Geograf erlangte er mit seinen Werken vor etwa 1200 Jahren Weltruhm«, informiert Sarwa. Der Wissenschaftler übernahm das Rechnen mit Dezimalzahlen aus Indien und führte die Null in das arabische Zahlensystem ein, was wiederum Einfluss auf Europa hatte. Von seinem Namen leitet sich der Begriff »Algorithmus« ab.

Dann geht es durchs Tor in die Innenstadt. Neben der Medrese Muhammad Amin Khan, der größten Koranschule Chiwas, reckt sich ein dicker Turmstumpf, ganz mit Fliesen bedeckt. Das Minarett sollte bis zu 80 Meter erreichen und damit das höchste Mittelasiens werden. Der Auftrag gebende Khan starb jedoch während des Baus oder das Geld ging aus - vielleicht geschah auch beides, der Bau wurde eingestellt. Der Turm brachte es nur auf knapp 29 Meter, wurde deshalb Kalta-Minor - das kurze Minarett - genannt, ist heute wohl das meist fotografierte der etwa sechzig bedeutenden Baudenkmäler Chiwas. Weit ragt dahinter das Minarett Islam Chodscha in den Himmel, immerhin 57 Meter hoch. Einzigartig die tausendjährige Freitagsmoschee. Ihr riesiger, schlichter Saal soll bis zu 5000 Menschen fassen. Das Dach stützen 212 Holzsäulen, geschmückt mit filigranem Schnitzwerk. Irgendwie fühlt man sich an den »Säulenwald« der berühmten Mezquita im spanischen Córdoba erinnert. Von der Spitze des Minaretts eröffnet sich das Panorama der Stadt. Der Weg hinauf ist allerdings nicht ganz einfach, was weniger an den etwa achtzig Stufen als an deren Unregelmäßigkeit liegt. Mitunter muss man sich bei Abständen von einem halben Meter regelrecht hinaufwuchten, dabei auch auf die Pärchen achten, die an manch dunkler Stelle eng umschlungen stehen.

Sehenswert auch das prachtvolle Mausoleum des Helden und Dichters Pahlawon Mahmud und der Sommerpalast des Khans in Dischan-Kala; anschauen sollte man sich eine der Werkstätten für kunstvoll gearbeitete Holzmöbel oder eine Seidenweberei. Viele Ausblicke bietet ein Gang über die Stadtmauern bis zum bunten Markt vor dem Tor Tasch-Darwasa. Auf Hunderten von Metern wird so ziemlich alles angeboten, was man zum täglichen Leben braucht, vom Apfel über Teppiche bis zu Elektrogeräten. Den ereignisreichen Tag lässt man am besten mit einem ausgiebigen Mahl ausklingen, wozu natürlich unbedingt das Nationalgericht Pilaw gehört, Reis mit Fleisch und Gemüse.

● Das etwa 50 000 Einwohner zählende Chiwa ist Hauptort des gleichnamigen Bezirks in der usbekischen Provinz Choresm.

● Die UNESCO nahm 1990 die Altstadt Itschan-Kala in ihre Welterbe-Liste auf.

● Chiwa, seit dem 17. Jahrhundert Hauptstadt des gleichnamigen Khanats, wurde 1873 von Russland erobert.

● Anreise: mit dem Flugzeug von Taschkent nach Urgentsch, von dort mit Bus oder Taxi nach Chiwa.

● Beste Reisezeit: Frühjahr und Herbst.

● Übernachtung: z.B. Hotel Malika www.malika-khiva.com; Pension Mirzo Bashi E-Mail: mirzaboshi@inbox.ru

● Reisen nach Mittelasien, incl. Chiwa, bietet z.B. das Berliner Reisebüro Sputnik Travel www.sputnik-travel-berlin.de

Rosa - Dietz-Verlag

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