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Von der Westküste ins Dorf Berlin

»Pacific Standart Time - Kunst aus Los Angeles 1950 bis 1980« im Martin-Gropius-Bau Berlin

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Edward Kienholz: »The Future as Afterthought«, 1962, Gemälde und Harz auf Plastik, Puppenteile mit Metallblech, Dreiradpedale, Holz, Onnasch Collection, Nancy Reddin Kienholz
Edward Kienholz: »The Future as Afterthought«, 1962, Gemälde und Harz auf Plastik, Puppenteile mit Metallblech, Dreiradpedale, Holz, Onnasch Collection, Nancy Reddin Kienholz

Der Spritzer im Pool ist das einzige Lebenszeichen einer in flirrendem Licht erstarrten Mittagsstimmung mit Regiestuhl. Als Bungalow und Palme gliedern die Geraden der Moderne - horizontal und vertikal - die Komposition des Gemäldes »A Bigger Splash« (1967) des Briten David Hockney, den es in den Sechzigern nach Los Angeles gezogen hatte. Das Bild ist eine Ikone der Pop-Art, und mit ihm wird das Ausstellungsprojekt »Pacific Standart Time« beworben. Die Mitteilung heißt: Es geht nicht um eine lokale Kunst, sondern um eine vitale Kunstszene von internationalem Rang. Neben David Hockney gehören dazu John Baldessari, Edward Kienholz, Ed Ruscha, der Pilot und Lichtkünstler James Turrell, Bruce Naumann. Letzterer schickt den Besucher mit der Installation »Four Corner Pieces« (1971) auf einen videoüberwachten Weg. Man rennt in der Versuchung, sein Abbild zu beobachten, genau dieser Illusion hinterher. Insgesamt sind es 70 Werke von 50 Künstlern, die jetzt gezeigt werden. Dabei auch bislang in Europa weniger bekannte Namen. Überdies mehr als 200 Briefe, Ausstellungsplakate und Fotografien, die die Entwicklung des »Netzwerkes Kunst« sowie die Protestkultur der Sechziger dokumentieren, im vom Getty Research Institut eingerichteten Kabinett »Grüße aus Los Angeles«.

Die Ausstellung resultiert aus einem umfangreichen kulturhistorischen Rechercheunterfangen und soll für die Kunstgeschichte der Stadt mit ihrer Beatnik-, Pop-, und Hippiekultur wie auch für die Metropole selbst als ein weit ausstrahlendes Kunstlabor werben. Die Einwandererstadt am Pazifik, eine zersiedelte disparate Megacity, durchfurcht von Autobahnen, glänzend und funkelnd, ein flirrendes Lichtmeer über fragilen geologischen Platten errichtet und bis heute von massiven sozialen Spannungen geprägt - diese Stadt könnte der überschaubaren Spreemetropole eine erfahrene, große Schwester sein. Lernen von L.A.!, so der emeritierte Museumsgeneraldirektor und Ausstellungsanreger Peter-Klaus Schuster. Berlin sei, verglichen mit den Herausforderungen, welche die Pazifikmetropole zu meistern hat, ein Dorf. Ein Jahrzehnt komplexer Arbeit: 60 Kulturinstitute waren beteiligt, Nachlässe zu erwerben, Dokumente und Geschichten zu sammeln. Sechzig Ausstellungen wurden im Ergebnis in L.A. gezeigt. Das Paul-Getty- Center, Christa-Wolf-Lesern als »das CENTER« vertraut, war unter Leitung von Thomas Gaethgens federführend.

Die auf thematischen und historischen Überblick angelegte Schau im Gropius-Bau - exclusiv nur in Berlin zu sehen - behält in charmanter Weise hypothetischen Charakter und gewährt Denkfreiraum. Gleichzeitig wird die Emanzipationsfrage gestellt: Was ist anders in L.A. als in New York, der berühmteren Künstlerschmiede? Die Sonne! Das Licht! Die aus der erstaunlichen Symbiose mit der ansässigen Hochtechnologie (Auto, Rüstung und Raumfahrt) entwickelten Materialinnovationen mit ihren makellosen Glanzoberflächen. Orangenplantagen, Autokolonnen und die ewigen Wellen des Ozeans - Willkommen in der pazifischen Zeitzone!

Aus den Fünfzigern leuchten Lee Mullicans kosmisch-fantastische Strahlenbilder auf. Die Pop-Art ist mit einem fast heraldisch anmutenden Ed Rusha, »Standart Station« (1963), und einem frühen figurativ-homoerotischen David Hockney, »Man in Shower«, präsent. Eine säuberlich abgegrenzte Farbfeldmalerei, »Hard Edge«, folgt, die an Joseph Albers oder Olga Rosanowas geometrische Kompositionen denken lässt. »Keine Ablenkung von irgendetwas Besonderem im Bild«, das ist Malerei gewordene Zen-Meditation von John Mc Laughlin, einem weniger bekannten Künstler. Karl Benjamin zerlegt Obelisken in suggestive Prismen und Helen Lundeberg harmonisiert biomorphe Flächen zum »Blue Planet« (1965). Alle drei bekennen sich zu einer »klassischen Abstraktion«. In diese Ära gehören auch archaisch anmutende monumentale Keramiken. Die zupackende Formung von Tonmassen ist dem blauen Wandbild von John Mason deutlich abzulesen. Im Dialog dazu sind immensen Mohnkapseln ähnliche Kugelvasen (Henry Takemoto, 1959), mit vitalen Urformen bemalt und vierzig Kilo schwer, drapiert.

Los Angeles und (West-)Berlin - das war eine Nachkriegsliaison, ein Aufwind für den Postmodernismus an der Spree. Ein »BerlinRaum« mit der 8 mal 12 Meter großenLeinwand »Berlin Red« von Sam Francis und Installationen von Ed Kienholz erinnert an die programmatische Beziehungsgeschichte beider Städte. Sam Francis malte zur Eröffnung der Neuen Nationalgalerie (1969) im Westteil der Viermächtestadt vier Rotbuntfarbfelder, die zart wie Blüten und solitär wie Inseln um eine Sonnenform drapiert sind. (Dass es Auftragskunst auch hier nicht immer leicht hat, erfährt man dabei: Die Monumentalleinwand wird nur selten aufgespannt.) Vom DAAD-Stipendiat Ed Kienholz stehen diverse »Volksempfängers« ordentlich in Reihe.

Die Veredlungsindustrie boomte, und Polyester- und Epoxydharze sind Erfindungen, die auch Künstlern zu Inspirationen verhalfen. Ein poliertes »High Finish« wurden zum Symbol der L.A.-Kunst, die von New York aus als zu oberflächenorientiert abgekanzelt wurde. Einige dieser designnahen Objekte verzaubern in der Ausstellung mit ihrer Transparenz und Perfektion. Sie präsentieren sich mal als reine Farbe in neuer Materie, ein andermal als pure Materie in farbiger Gestalt - Malerei oder Skulptur. So konkret auch ihre Form ist - Kugel, Kreis, Rechteck -, dank technischer Raffinesse ist ihnen jeweils eine zusätzliche magische Dimension mitgegeben. So hat der Bildhauer De Wain Valentine die Faszination der Sonnenuntergänge quasi in die Geometrie des »Red Concave Circle« (1973) eingeschmolzen. Das Auge des Betrachters mag frei assoziieren und folgt einer inneren Spur zur Naturversenkung bei Caspar David Friedrich und spannt den Bogen zu Olafur Eliassons temporärer Sonnenperformance in der New Tate Gallery.

Und wer umkreist wen? Hatte nicht Brecht hier seinen Galilei geschrieben? Die Kunst aus Los Angeles hat die großen Erzählungen dem Kino überlassen. Mit ihren vielgestaltigen Ausdrucksformen erlebt man sie jedoch als ein multiples Energiefeld, dem man sich schwer entziehen kann.

Pacific Standard Time. Martin-Gropius-Bau, Berlin. Bis 10. Juni..

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