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Ich will nicht, ich muss

In Deutschland leiden rund 1,5 Millionen Menschen an einer Zwangsstörung

Der menschliche Wille ist frei, heißt es. Für Personen mit Zwangsstörungen gilt das jedoch nur bedingt. Denn diese müssen - einem inneren Drang folgend - bestimmte Handlungen in fast schon ritualisierter Form ständig wiederholen. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, hilft häufig nur eine Therapie.

Habe ich die Tür auch wirklich abgeschlossen? Ist der Gasherd aus? Läuft vielleicht der Fernseher noch? Solche oder ähnliche Fragen hat sich wohl jeder schon einmal gestellt und ist daraufhin in die eigene Wohnung zurückgeeilt, um es nachzuprüfen. Man weiß eben nie. Und auch wer sich bei einer Grippeepidemie mehrmals am Tag die Hände wäscht, handelt vernünftig. Es gibt allerdings auch Menschen, die solche Handlungen ohne ersichtlichen Grund so oft wiederholen, dass ihnen für andere Dinge des Lebens kaum noch Zeit bleibt. Sie leiden im Wortsinne unter einer sogenannten Zwangsstörung, die heute den psychischen Erkrankungen zugerechnet wird. Zwar erkennen die meisten Betroffenen die Nutzlosigkeit ihres Tuns. Doch sie sehen sich außerstande, ihren Kontroll-, Wasch-, Ordnungs- oder sonstigen Zwang dauerhaft abzulegen.

Was sind die Ursachen für diese früher auch als »Zwangsneurose« bezeichnete Erkrankung? Mediziner vermuten, dass Stoffwechselstörungen im Gehirn eine wichtige Rolle spielen. Aber auch genetische Faktoren sowie psychische Belastungen (zum Beispiel Stress) werden als Auslöser in Betracht gezogen. Die ersten Symptome machen sich häufig schon in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter bemerkbar und nehmen anschließend an Häufigkeit und Intensität zu. Frauen und Männer sind von Zwangsstörungen gleichermaßen betroffen, jedoch treten diese bei Männern in der Regel etwas früher auf. Und obwohl die Erkrankung in zwei von drei Fällen chronisch verläuft, kommt es eher selten vor, dass jemand deswegen frühzeitig einen Arzt aufsucht.

»Die Erkrankten offenbaren sich erst, wenn der Leidensdruck unerträglich wird«, berichtet der Hamburger Psychiatrieprofessor Iver Hand. Bei manchen sei sogar der Arbeitsplatz oder der Familienzusammenhalt gefährdet, weil sie vor lauter Putzen und Kontrollieren kaum noch Gelegenheit fänden, das Haus zu verlassen.

Bei der Behandlung von Zwangsstörungen vertrauen Ärzte auf den kombinierten Einsatz von Medikamenten (etwa Antidepressiva) und Psychotherapie. »Medikamente helfen erst einmal, den Druck zu nehmen. Die Wirkung hält aber meist nur so lange, wie die Mittel eingenommen werden. Nach dem Absetzen kommt es in bis zu 90 Prozent zu Rückfällen«, sagt Hand und ergänzt: »Von einer Verhaltenstherapie profitieren 50 bis 70 Prozent der Patienten längerfristig.« Oft sind Zwangshandlungen nur Ausdruck von tiefer liegenden psychischen Problemen wie Depressionen oder diversen Persönlichkeitsstörungen. Darüber hinaus werden die Zwänge vielfach von Angstzuständen begleitet, die sich heute erfolgreich behandeln lassen - indem man zum Beispiel die Patienten schrittweise an Situationen gewöhnt, die für sie angstauslösend sind. Zwar verschwinden die Zwangssymptome nach einer Verhaltenstherapie nicht immer vollständig. Aber sie stellen für die Betroffenen im Alltag zumindest keine unerträgliche Belastung mehr dar.

Anders als »richtige« organische Krankheiten werden psychische Störungen in unserer Gesellschaft mitunter noch immer belächelt oder gar als Charakterschwäche gedeutet. Psychisch Kranke scheuen sich daher häufig, in ihrem persönlichen Umfeld freiheraus über ihre Probleme zu sprechen. Seit 2004 gibt es für solche Fälle den Verein »Pro Psychotherapie e.V.«, der es auch Menschen mit Zwangsstörungen ermöglicht, Kontakt zu Psychotherapeuten, Psychologen oder psychotherapeutischen Heilpraktikern in ganz Deutschland aufzunehmen. Außerdem bietet der Verein umfangreiche Informationen über Diagnose- und Therapiemöglichkeiten bei Zwangserkrankungen.

Internet: www.therapie.de
Telefon: (089) 72 99 75 36

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