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Ist die Leere zumutbar?

Zum 150. Geburtstag des Schriftstellers Arthur Schnitzler

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.
ARTHUR SCHNITZLER. Geboren am 15. Mai 1862 in Wien, in kleinen jüdischen Verhältnissen. Promotion zum »Doktor der gesamten Heilkunde«. Medizinischer Hospitant und Aspirant. Redakteur der »Internationalen Klinischen Rundschau«. 1891 Uraufführung seines ersten Stückes im Wiener Theater in der Josefstadt. Eröffnung einer eigenen Arztpraxis. Novellen (»Sterben«), Romane.
Vor allem aber Stücke ( »Liebelei«, »Anatol«, »Der einsame Weg«, »Reigen«, »Professor Bernhardi«, »Der einsame Weg«, »Fink und Fliederbusch«).
Arthur Schnitzler stirbt am 21. Oktober 1931 in Wien. Nach wie vor ist er einer der meistgespielten Autoren auf deutschsprachigen Bühnen.
ARTHUR SCHNITZLER. Geboren am 15. Mai 1862 in Wien, in kleinen jüdischen Verhältnissen. Promotion zum »Doktor der gesamten Heilkunde«. Medizinischer Hospitant und Aspirant. Redakteur der »Internationalen Klinischen Rundschau«. 1891 Uraufführung seines ersten Stückes im Wiener Theater in der Josefstadt. Eröffnung einer eigenen Arztpraxis. Novellen (»Sterben«), Romane. Vor allem aber Stücke ( »Liebelei«, »Anatol«, »Der einsame Weg«, »Reigen«, »Professor Bernhardi«, »Der einsame Weg«, »Fink und Fliederbusch«). Arthur Schnitzler stirbt am 21. Oktober 1931 in Wien. Nach wie vor ist er einer der meistgespielten Autoren auf deutschsprachigen Bühnen.

Luc Bondy inszenierte ihn mit der Heiterkeit des unbelehrbaren Romantikers, der noch in schlimmer Zuspitzung das Komödienherz eines Tschechow bewahrt. Martin Kusejs Regie sezierte, schnitt in Nervenstränge und schälte das Böse aus den Texten. Andrea Breth malte mit Farben der Geduld ein Panorama geschlechtlicher Spannungen. Michael Thalheimer behauptete überzeugend kühn: Wer wahr erscheinen will, ist selten aufrichtig. Und Christian Petzold holte den Paarungskampf zwischen Lustprinzip und Todestrieb auf die Bühne.

Arthur Schnitzler, der höchst lebendige Theaterautor. Unbestechlich, weitsichtig vergegenwärtigt seine Dramatik die Philosophie eines Zeitalters, das im Bewusstsein seiner Überfälligkeit lebt, das fortwährend mit seinem Abruf rechnet und das mit den Vorstellungen dieses künftigen Untergangs - spielt.

Alles nimmt man wichtig, aber nichts völlig ernst. Worte bedeuten: Man spricht etwas aus, aber löst nichts ein. Sprache ist Ausdruck grauenhafter Sprachlosigkeit; Gebärden denunzieren, was der Ton übermalt. Freimütig, mit einem gewissen Selbstgenuss offenbaren Schnitzlers Stücke Gedanken, an die von den Gestalten dieser Stücke nur noch mit Vorbehalt geglaubt wird. Auf das Unglaubliche zählt man mit schwelgerischem Zynismus - in der Vermutung, jede Existenz beruhe ohnehin nur auf Fiktionen.

Die Liebelei, der Ehebruch, die politische Verlogenheit, das Altern und der Tod: Schnitzlers Themen, und des Dichters Zauber besteht in der Trauer darüber, dass man unweigerlich zum Abrechner werden muss, wenn man die eigene Welt, an den Abschiedsrändern des Monarchischen, zu beschreiben versucht. Dieser Schriftsteller sieht sich als Autor für »Schwindelfreie«, als Erzähler von Geschichten für eine Zeit nach dem »Tod Gottes«. Deshalb greift er seinen Freund Hugo von Hofmannsthal als »ethischen Parvenü« an - und umgekehrt wirft ihm dieser mangelnde Tiefe vor. Aber beide sind sie der Verzweiflungsmotorik der Moderne ausgeliefert, die nur die natürliche Folge des rationalen Fortschritts ist. Schnitzler ist radikaler - und unglücklicher.

In seinem Kopf tobt der Tinnitus. Dies sägende, brausende, pfeifende Tosen, dies unstillbare Geräusch verdüstert seine späten Lebensjahrzehnte. Ein Gleichnis - als bestimme das Organische das Existenzielle: Außen und Innen sind für das bedrohte Individuum ununterscheidbar geworden. Wie lässt sich unter solchen Bedingungen Frieden mit dem Leben schließen? Außen ist die Welt des Bürgers unter den Angriffen des Massenzeitalters zusammengebrochen, und in seinem Inneren findet er auch keine Ruhe mehr vor dem Sturm, den er so gern aussperren würde.

Schnitzlers Einstellung zur Zeit, als einem kalten fühllosen Ablauf des Lebens, ist rein negativ. »Zeit ist nur ein Wort, aber Altern ist ein Faktum.« Der Erste Weltkrieg verstärkt dieses Gefühl der Bedrohung, bis zur höllischen Furcht. Sie provoziert den immer größeren Rückzug in den Bunker - das Tagebuchwerk, die Autobiografie: befestigte Vergangenheiten.

Das Altern: Die Interessenkraft schwindet, und sie hat alle Gründe dafür; die Jungen wollen nicht wirklich etwas von dir wissen, und ihr ungebremster Weltblick gibt ihnen recht; du bist in allem, was du tust, ein retardierendes Moment und solltest das nicht als Zeichen missverstehen, deine Tragödie liefe nicht auf ihren Höhepunkt zu. Merkst du nicht, wie sich schon in geringster Bewegung ein heftiger werdendes Zittern sammelt, in dem dein Körper Abschiede ankündigt?

Schnitzlers Werke bieten »Gefühlserkenntnisse« (Robert Musil). Sie decken in Berührungen den Hang zur Einsamkeit auf und lassen erkennen, wie in Zuneigungen Abneigung keimt, wie leidenschaftlichste Zuwendungen doch von unbezwingbarem Widerwillen infiziert sind. Spannungsmomente sind das, denen der Keim des Wahnsinns eingepflanzt ist. Sinnliche Begierden entpuppen sich als frostige geistige Vorhaben. Freimütige Geständnisse dienen lediglich der raffinierten Maskierung des Wesentlichen, das hartnäckig verschwiegen wird. Gewissensqual vereint sich mit Leichtsinn, Selbstsucht mit Melancholie. Jeder Aufbruch ist nur Teilstrecke eines endlosen Fluchtweges. Unterredungen täuschen darüber hinweg, dass man sich verständnislos begegnet. Vertraute Begegnungen entlassen in verhängnisvolle Entdeckungen.

Es zählt zum Eigentümlichsten dieses Werkes, wie unaufdringlich, kaum vernehmlich das Grausame und Unbegreifliche sich äußert - eine Unterbrechung bloß, oder ein kleiner Zwischenfall, und lautlos öffnet sich der Abgrund. Die Menschen klammern sich an Verhältnisse, deren Hinfälligkeit längst zur täglichen Erfahrung wurde. Man klammert nur um so krampfiger. Man genießt die reizvollsten Verführungen in dem verhängnisschweren Traum, alles Kommende läge schon weit hinter einem. Es ist dies die Wahrheit. Sie sei dem Menschen zumutbar, wird die Dichterin Ingeborg Bachmann später sagen. Aber ist dem Menschen auch die Leere zuzumuten? Fragt Arthur Schnitzler, und er wird inszeniert, weil es die bebende Angst vor der Antwort gibt.

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