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Ökonomie der Schulden-Sklaverei

David Graeber versucht eine neue Erklärung der Klassengesellschaft

»Lasst sie doch Kredite fressen«, hatte der ehemalige IWF-Chefökonom Raghuram Rajan vor über zwanzig Jahren den Regierungen angesichts der Programme zur Absenkung von Löhnen und Transferleistungen zugerufen, die die Lebensgrundlagen von immer mehr Menschen in Frage stellten. Hunderttausende leer stehender Häuser in den USA, von Sicherheitsdiensten und Polizei schwer bewacht, um die teilweise obdachlos gewordenen ehemaligen Besitzer am Wiedereinzug zu hindern, legen beredtes Zeugnis vom Ende einer Epoche ab. In dieser konnten durch die Aufkündigung der Goldpreisbindung der Währungen 1971 nicht nur massenweise neue Schuldtitel geschaffen werden, sondern wurde auch der Lebensstandard der nichtbesitzenden Klassen vor allem in den alten Metropolen der Weltwirtschaft - aber beileibe nicht nur hier - zunehmend über die private Ver- und Überschuldung aufrecht erhalten.

Diese »Perversion eines Versprechens« vom Leben jenseits des Überlebens bildet den historischen Ausgangspunkt der bereits vor ihrem Erscheinen breit rezipierten Studie des an der Londoner Goldsmith University lehrenden US-Anthropologen und anarchistischen Aktivisten David Graeber über die Geschichte der Schulden. Frank Schirrmacher titulierte das über 500-seitige Buch in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« gar als »Offenbarung«. In expliziter Absetzung von den Theorien der klassischen Politischen Ökonomie, vor allem von Adam Smiths Annahme, dass sich aus dem Tauschhandel zur Vereinfachung der Geldverkehr entwickelt habe, sieht Graeber in der Verschuldung und der damit einhergehenden Entwicklung monetärer Rechnungseinheiten den historischen Wendepunkt hin zu Klassengesellschaften. Nicht mehr der Austausch dringend benötigter Gebrauchswerte habe den Austausch zwischen Gesellschaftsmitgliedern bestimmt, sondern der in Geld berechenbare Kredit. Die Abgabenordnungen Mesopotamiens und die Steuereintreibungen des alten Ägypten stellen dabei für ihn die Epochenwenden dar, in denen die staatliche Gewalt - die »Ursprünge des Geldes liegen in Verbrechen und Entrechtung« - zwei Ur-Klassen geschaffen habe: Schuldner und Gläubiger.

Schulden als »moralisches Prinzip und moralische Waffe« bilden damit für Graeber den Kern des Prozesses der Enteignung bis hin zur »kommerziellen Ökonomie« des modernen Kapitalismus, in dem die Enteigneten letztlich immer auf den Status von Sklaven herabgedrückt worden seien. Eine Entwicklung, die auch derzeit sichtbar werde: »Als Ergebnis (der Verschuldungskrise, A. B.) werden alle, auch in Ländern wie den USA, effektiv zu Schuldsklaven degradiert«, schreibt Graeber. Nachdem sich so der Mythos des »doppelt freien Lohnarbeiters« (Marx) zunehmend erledigt habe - ein Status, der im Kapitalismus ohnehin nie der Normalfall war -, sei es somit an der Zeit, endlich »unsere eingeübte Moralität in Frage zu stellen und neu zu beginnen«. Dass es »bei den meisten Aufständen, Revolten, politischen Massenmobilisierungen in der Geschichte der Menschheit um Schulden« ging, wie bereits der marxistische Althistoriker Moses Finley festgestellt hatte, könnte dabei hilfreich sein. Auch wenn in Graebers Buch manch differenzierende Gesellschaftsanalyse, insbesondere in Hinsicht auf die konkreten Bedingungen der jeweiligen Subsumtion der Arbeit unter die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse und die gelegentliche Verklärung vormoderner »humaner Ökonomien«, auf der Strecke bleibt, so wird sein abschließender Appell doch hoffentlich nicht ungehört verhallen: »Niemand hat das Recht uns zu sagen, was wir wirklich wert sind.«

David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 536 S., geb., 26,95 €.

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