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Tödlicher Krieg gegen den Terror

IPPNW schätzt Zahl der Todesopfer allein im Irak-Konflikt auf 1,5 Millionen

In den Kriegen in Irak, Afghanistan und Pakistan sind im letzten Jahrzehnt 1,7 Millionen Menschen gestorben, so die Medizinerorganisation IPPNW in ihrer am Freitag vorgestellten Schätzung.

Wie viele Opfer haben die von westlichen Staaten geführten Kriege in Irak und Afghanistan gefordert? Die Friedensorganisation »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges« (IPPNW) hat sich an der Beantwortung dieser brisanten Frage versucht und kommt zum Ergebnis, dass sich diese Zahl um die 1,7 Millionen bewegt. Alleine 1,5 Millionen davon sind laut IPPNW dem Konflikt in Irak zuzurechnen, der 2003 mit der Invasion der US-geführten Koalition begann und Ende 2011 mit dem Abzug der letzten US-amerikanischen Kampftruppen noch nicht befriedet ist. In Afghanistan seien bis zu 150 000 Menschen, in Pakistan bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Militanten 60 000 Menschen gestorben.

Für die Autoren des neuen Reports gehe es um »Annäherung an realistische Opferzahlen von Kriegen gegen den Terror«, sagte Jens-Peter Steffen von IPPNW. Der Vorstellungstermin sei nicht zufällig vor den anstehenden G8- und NATO-Gipfeln in den USA gewählt worden. In Camp David und Chicago wird der Krieg in Afghanistan ein Thema sein.

Die Studie »Body Count - Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror« könnte die Debatte um eine exakte Todesstatistik wieder entfachen. Der Grund: Die Medien sprechen in der Regel von etwas mehr als 100 000 Getöteten im Irak-Krieg, im Vergleich zu der IPPNW-Hochrechnung ergibt sich dadurch eine Differenz von mindestens Faktor 10. Auch im Falle Afghanistans sei die Zahl der »direkt getöteten Zivilisten« dreimal größer als die amtliche Statistik, sagte Lühr Henken, einer der Co-Autoren.

Die Problematik der Statistik beruht auf dem Tatbestand, dass auf Kriegsschauplätzen eine funktionierende Bürokratie fehlt. Man kann nicht einfach zu den Behörden gehen, um etwa Totenscheine auszuwerten. Stattdessen werden meistens zwei Methoden angewandt: zum einen passive Beobachtung von Todesmeldungen und zum anderen aktive Befragung der Betroffenen. Es ist also oft eine Frage des Verfahrens. So wird auch die omnipräsente Zahl 100 000 von glaubwürdigen Quellen, wie dem Projekt Iraq Body Count, vertreten.

IPPNW stützt sich bei ihrer Hochrechnung auf die sogenannte Lancet-Studie aus dem Jahr 2006, die sich für die zweite Methode entschied. Ein Forscherteam unter Leitung US-amerikanischer Wissenschaftler von der angesehenen Johns Hopkins University befragte knapp 2000 irakische Haushalte, ob Familienangehörige zwischen 2002 und Juni 2006 gestorben sind. Anhand dieser von Tür-zu-Tür gesammelten Daten hat man berechnet, das die Sterblichkeit in Irak von 5,5 pro tausend Einwohner vor Kriegsbeginn auf 13,3 in der Zeit danach wuchs. Davon seien mehr als 90 Prozent dieser »zusätzlichen Sterblichkeit« Gewaltfällen zuzuordnen. Die Studie löste heftige Gegenwehr aus, die Kritikpunkte reichten von einer unrepräsentativen Stichprobe bis zur Parteilichkeit der Forscher.

Joachim Guilliard, einer der Autoren des IPPNW-Berichts, gibt zu, dass die 1,5 Million Todesopfer im Falle Iraks »etwas spekulativ« sind und durch Hochrechnung ermittelt wurden. Die Lancet-Studie wurde vor mehr als sechs Jahre veröffentlicht. Auch 2012 gibt es noch keine wissenschaftlich belastbaren Zahlen. Laut Guilliard ist dies mit politischem Unwillen zu erklären: »Man will es in Irak nicht so genau wissen.« Kommentar Seite 4

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