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»Es ist wieder Zeit, etwas zu sagen«

Ihre Hymnen des Straßenkampfes sind legendär, nun veröffentlicht die Punkband Slime ein neues Album

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Den Einen galt die Musik der Hamburger Punkband Slime mit Titeln wie »Bullenschweine« und »Legal-Illegal-Scheißegal« als zu platt. In weiten Teilen der linksradikalen Szene sind die Hymnen des Straßenkampfes vergangener Jahre aber noch immer beliebt. Zum 30. Bandjubiläum vor zwei Jahren ist Slime mit Dirk Jora (Gesang), Michael (»Elf«) Mayer (Gitarre), Christian Mevs (Gitarre) und den zwei neuen Bandmitgliedern Nici (Bass) und Alex (Schlagzeug) auf die Bühne zurückgekehrt. Ohne den einstigen Liedtexter Stephan Mahler und Eddi Räther hat dieses neue Slime nun auch ein Album eingespielt. »Sich Fügen Heißt Lügen« ist die erste Platte nach der Bandauflösung 1994. Mit Michael Mayer und Christian Mevs sprach Katja Herzberg für »nd« über die Texte von Erich Mühsam und wie sich die Band weiterentwickelt hat.
Nicht nur äußerlich haben sich die Bandmitglieder von Slime verändert.
Nicht nur äußerlich haben sich die Bandmitglieder von Slime verändert.

nd: Nach 18 Jahren haben Sie ein neues Album eingespielt. Was war die Motivation dafür?
MEVS: Wir wollten nach dem Rerelease unserer Platten auf dem eigenen Label 2009 nur ein paar Konzerte machen und sind dann in einen Strudel geraten. Als Band, die seit 16 Jahren nicht mehr aufgetreten ist, spielt man die Sachen noch einmal und hat Spaß. Dann entwickelte sich aber eine Eigendynamik. Wir haben gemerkt, dass das Publikum wesentlich jünger ist, als wir erwartet haben, dass es jungen Leuten wichtig ist, uns jetzt zu hören. Letztlich haben wir festgestellt, dass es wieder an der Zeit ist, etwas zu sagen.

Was ist das? Und warum sagen Sie es in den neuen Liedern mit Texten von Erich Mühsam?
MAYER: Die über allen Texten stehende Botschaft des Albums ist schon im Titel enthalten. »Sich Fügen Heißt Lügen« ist vielleicht sogar die Überschrift für das Werk und Leben Erich Mühsams. Sich nicht den herrschenden Verhältnissen unterzuordnen, sondern mit geöffneten Augen die Welt kritisch zu betrachten war auch immer die Idee hinter der Band Slime. Wenn man sich dem beugt, was heutzutage in der Welt an Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und Kriegen vor sich geht, belügt man mindestens sich selbst.

Was genau passt an den Texten Erich Mühsams so gut zu Slime?
MAYER: Mühsam ist Anarchist gewesen, Literat, ein geiler Dichter. Und er war damals eigentlich auch schon fast so etwas wie ein Punkrocker, ein Outlaw, der sich gegen das System ausgesprochen hat. Würde er heute noch leben, wäre er einer von uns.

MEVS: Seine Antikriegstexte wie »Kriegslied« - wir haben es »Bett aus Lehm und Jauche« genannt - oder »Soldatenlied« sind zeitlose Kritik an der gnadenlosen Kriegsmaschinerie, die von Regierungen zum Vorteil ihres Landes in Gang gesetzt werden. Die Lüge gehörte schon immer zum Handwerk der Politiker. »Bürgers Alptraum« beschreibt damals wie heute, wie es dem gutgläubigen Bürger ergehen kann, wenn er sich kritiklos dem Kapitalismus bzw. den Finanzmärkten ausliefert und dieser Ideologie des Egoismus folgt. In dem Text »Freiheit in Ketten« kritisiert Mühsam das Führerprinzip, das ja nicht nur bei den Nazis vorherrscht, sondern eben auch bei den Kommunisten, weswegen er sich nach kurzer Zeit wieder von der KPD verabschiedet hat.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Musik und der darin enthaltenen Kritik an Krieg und Kapitalismus? Die Revolution?
MEVS: »Nicht ich, ihr müsst euch selbst befreien« ist ein zentraler Satz bei Mühsam und das war auch immer unsere Auffassung als politische Band. Den Hörern unserer Songs Denkanstöße zu geben, um über das was auf der Welt an Schweinereien passiert, zu reflektieren und dann selbst vielleicht in Aktion zu treten.

So wie das Album endet, wollen Sie die Leute aber nicht wieder einfach auf die Straße schicken. Dann nämlich hätte doch nach »Zum Kampf« mit den Zeilen »Auf Brüder zu den Waffen! Lasst uns Platz zur Freiheit schaffen, erhebt euch Mann für Mann. Zum Kampf für Anarchie!« Schluss sein müssen. Doch es folgen noch drei recht düstere Titel. Warum?
MEVS: Das zeigt die Ambivalenz, mit der wir mittlerweile an die Musik und das Leben herangehen. Man kann gewisse Dinge nicht ignorieren - und das hat auch Erich Mühsam nicht getan. Dazu gehört zum Beispiel das Alter. Oder die Veränderung, die ein Mensch durchmachen kann, wenn er sich etwa als käuflich herausstellt. Oder einfach Mensch ist und auf das scheißt, was er vorher mal gewesen ist. Und man kann sich auch erst Gedanken machen und dann entscheiden, was man tut.

MAYER: Ich finde »Das Beil« als Abschluss passend. Es ist ein sehr kurzer Song, ein bretthartes Stück, bei dem Dirk den Text schreit. Er wollte den Titel unbedingt dabei haben. Auch er merkt, dass einiges nicht mehr so geht wie früher. Aber die Pistole setzen wir uns noch lange nicht an den Schädel, machen trotzdem weiter, auch nach 18 Jahren.

»Sich Fügen Heißt Lügen« schließt sich musikalisch an Ihre früheren Alben an. Warum haben Sie auf den bekannten Slime-Sound zurückgegriffen?
MEVS: Slime gibt einen gewissen Rahmen vor. Wir hätten auch etwas ganz anderes machen können mit den Fertigkeiten und Möglichkeiten, die uns mittlerweile zur Verfügung stehen. Das wäre aber nicht mehr Slime gewesen. Dann hätten wir uns umbenennen müssen. Das wollten wir aber nicht. Wir wollten die Schlagkraft unserer Geschichte nutzen. Das, was wir da machen - Punkrock im weitesten Sinne - hat natürlich auch über die Musik eine Kraft, vor allem die verzerrte Gitarre. Sie ist per se Rebellentum.

Gepaart mit Dirk Joras kraftvoller Stimme?
MAYER: Seine Stimme hat einen hohen Wiedererkennungswert. Das ist fast wichtiger, als dass jemand jeden Ton trifft, gerade bei dieser Musik. Und sie ist mit der Zeit noch besser geworden, sagen wir gereift. Uns war vorher auch nicht klar, dass er den Gesang so gut hinkriegt, auch wenn er live schon Durchhaltevermögen bewiesen hat.

Christian, Sie sind Musikproduzent. Michael, Sie haben kontinuierlich in Bands wie Elf, CIA und Rubberslime gespielt. Wollen Sie mit dem Album zeigen, dass Sie sich trotz persönlicher Weiterentwicklung treu geblieben sind?
MAYER: Ich habe immer Musik gemacht, war aber zwischendurch auch auf Jobs angewiesen, um Geld zu verdienen wie Taxifahren und Ladenbau. Eine Zeit lang bin ich auch mit einem Kumpel als Kinderlieder-Rock'n'Roll-Band in Kindergärten aufgetreten.

MEVS: Das, was wir machen wollen, fällt uns heute viel leichter, weil wir unsere jugendlichen Hörner abgestoßen haben. Was die Produktionswerkzeuge betrifft, haben wir uns stark weiter entwickelt. Aber in unserem persönlichen Leben hat sich nicht viel geändert. Wir folgen alle Lebensentwürfen, die häufig mit dem bürgerlichen Leben oder dem, was als normal gilt, kollidieren. Das hat es so leicht gemacht, zu sagen, wir können ein neues Slime-Album machen, das authentisch ist.

Ab dem 15. Juni ist »Sich Fügen Heißt Lügen« (People Like You Records) erhältlich, vorgestellt wird das Album am Sonntag beim »Ruhrpott Rodeo«-Festival in Hünxe. Weitere Termine unter: www.slime.de

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