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Die Furcht wird größer

Umkämpfte neunte WM-Partie zwischen Boris Gelfand und Viswanathan Anand endet remis

  • Von Dagobert Kohlmeyer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bei der Schach-Weltmeisterschaft in Moskau hat der Israeli Boris Gelfand in der neunten Partie die Chance zur erneuten Führung verpasst. Mit den weißen Steinen fand der Herausforderer gestern im Spielverlauf nicht die mögliche Gewinnfortsetzung, so dass sich der indische Titelverteidiger Viswanathan Anand mit Glück und Geschick ins Remis retten konnte. Nach 49 Zügen einigten sich beide Kontrahenten auf das Unentschieden. Im Gesamtklassement steht es jetzt 4,5:4,5.

Der Weltmeister hatte Schwarz und wählte mit der Nimzoindischen Verteidigung eine neue Eröffnung. Dieser Partieaufbau bereitete Gelfand keinerlei Probleme, nach etwa 20 Zügen besaß er gute Siegchancen. Dann aber verlor er etwas den Spielfaden, worauf Anand seine Stellung verbesserte. Mit Turm und Springer errichtete er eine Festung, die Gelfand mit seiner Dame zu erstürmen versuchte.

Dabei musste der israelische Großmeister vorsichtig zu Werke gehen. Er war gewarnt. Mit seinem Sieg in der 7. Partie hatte er den schlafenden Tiger von Madras geweckt. Dieser zeigte tags darauf seine Krallen, als er die Dame des Herausforderers fing und den Ausgleich im Match erzielte. Am Ruhetag musste Gelfand diesen Schock verdauen und an einer neuen Strategie basteln. Das gelang ihm zumindest teilweise.

Bei Halbzeit hatte Garri Kasparow mit einem Besuch der Weltmeisterschaft für Schlagzeilen gesorgt. Der ehemalige Weltmeister kennt beide Finalisten sehr lange und kreuzte früher oft mit ihnen die Klingen. Er stellte fest, dass Anands Energie und Spielstärke nachgelassen haben. »Ich denke, er hat einfach Angst zu verlieren, und Gelfand geht es ähnlich.« Die nervliche Anspannung und die Furcht, Fehler zu machen, würden bei beiden Spielern mit jeder Partie größer.

Was das russische Schach angehe, so habe es seine Vorherrschaft in der Welt verloren. Das sehe man an den Ergebnissen der WM-Kämpfe, der Olympiaden und anderer Wettbewerbe. Computer spielten heute eine immer größere Rolle in der Vorbereitung der Top-Spieler, weshalb andere Nationen aufholten und vor allem junge Spieler nachdrängten.

Die Frage, ob er gern die WM in Moskau spielen würde, beantwortete Kasparow, der seine Karriere 2005 beendet hat, mit einem klaren Nein. »Ich möchte meine Bilanz im klassischen Schach mit den beiden nicht verderben«, scherzte der Exweltmeister. Gegen Anand stehe es 15:3 für ihn, gegen Gelfand sogar 9:0. Wenn man jahrelang pausiert habe, arbeitet das Gehirn nicht mehr so gut, wie auf diesem Top-Level nötig. Im Blitzspiel aber könne er sicher noch mithalten.

Eine politische Frage wurde Kasparow bei seinem Ausflug in die Tretjakow-Galerie auch gestellt. So wollte eine russische Journalistin wissen, wie er das intellektuelle Klima im Land einschätzt. Die Antwort fiel negativ aus. Kasparow verwies darauf, dass viele junge Leute Russland verlassen, weil sie keine rechte Perspektive sehen. Das gelte auch für manche Schachspieler.

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