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Parteibeschluss: Haare ab!

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Ja, so war das in den sechziger und siebziger Jahren bei uns: Auch viele Männer trugen lange Haare. Das war modern und zugleich auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Haltung. Wir waren APO. Und ich gehörte dazu. Schulterlang waren meine Haare, blond, lockig und immer wieder wurde mir auch mal zugeflüstert: Das steht Dir gut.

Dann kam 1970. Ich feierte noch meinen 30. Geburtstag bei uns zuhause. Und danach ging's zusammen mit meiner Frau Doris zum Studium nach Moskau. An die Leninschule. Das war damals die Hochschule für sozialistische Revolutionäre aus aller Welt. Und Doris und ich hatten ein Stipendium. Das war schon ein Knüller - für uns eine riesige Auszeichnung. Dort, in einer völlig anderen Welt, studierten mit uns Kommunisten und Kommunistinnen aus 52 »nicht-sozialistischen Ländern«.

Wir lernten, lernten und lernten. Jeden Tag wurden uns die Augen neu geöffnet. Immer wieder gab's neue Erkenntnisse - auch bei unseren fast täglichen Erkundungstouren durch Moskau. Nur eines fiel mir immer wieder auf und machte mir - ehrlich gesagt - auch ein wenig zu schaffen: Immer wieder blieben die Leute auf der Straße stehen, zeigten auf mich und lachten mir oft auch hinterher. Der Grund: Meine langen Haare. Aber gut: Damit konnte ich leben.

Bis Anfang Oktober. Da waren meine Haare plötzlich ein Thema an der Schule. Und das kam so: Wir Studenten der Leninschule waren ja Gäste der Sowjetunion und noch konkreter - der KPdSU. Und dazu gehörte dann auch, dass wir an der traditionellen Festveranstaltung zum Jahrestag der Oktoberrevolution im Kreml teilnehmen sollten. Eigentlich ganz toll und für uns eine große Ehre. Aber...

Mit einem »Aber« hatte eigentlich keiner gerechnet. Und doch: Bei mir stellte sich so ein »Aber« in Gestalt unseres Dolmetschers ein: »Genosse Klaus, Du sollst morgen früh um elf Uhr zum Direktor kommen. Ich begleite dich.« Irgendwie war das schon komisch. Was sollte ich, ausgerechnet ich, beim Direktor? Keiner meiner Genossen, auch nicht meine Doris, ahnte etwas.

Also machte ich mich am nächsten Morgen, den Dolmetscher im Schlepptau, auf zum Direktor. Aber ich war wohl nicht der Einzige, der dort um elf Uhr einen Termin hatte. Im Vorzimmer saßen schon etwa zehn Genossen - aus mindestens zehn Ländern dieser Erde. Und jeder hatte einen Dolmetscher mitgebracht. Wir schauten uns verdutzt an. Und sicherlich bemerkte es der eine oder andere sofort - es gab eine Verbindung zwischen uns: Wir hatten allesamt lange Haare.

Dann wurden wir reingebeten - zum Direktor. Der machte nicht viele Worte und kam gleich zur Sache: »Genossen, in der kommenden Woche ist im Kreml die Oktoberfeierlichkeit. Ihr seid zu dieser Feier eingeladen. Dazu gehört natürlich, das wir alle festlich angezogen sind. Und dazu gehört auch, dass die Haare ordentlich sind. Und ordentlich bedeutet: Eure langen Haare müssen ab.«

Der Direktor sagte noch viel mehr und er pries - wie immer - natürlich die Bedeutung der Oktoberrevolution und die Erfolge der Sowjetunion. Aber an mir ging das jetzt alles vorbei - war mir in diesem Augenblick auch völlig egal. Mir ging es nur immer wieder durch den Kopf »Meine Haare, meine Haare«, und das die jetzt abgeschnitten werden sollten. Ich war fix und fertig. Meine Doris versuchte mich zu beruhigen. Es nutzte nichts. Ich sah nur noch rot: »Wenn ich meine Haare abschneiden muss, reise ich ab. Das ist ein Eingriff in meine persönliche Freiheit. Nein, nein, nein.« Ich ging zu meinem Parteisekretär (die Genossinnen und Genossen der DKP hatten an der Leninschule eine eigene Parteigruppe). Doch da lief ich ins Leere. Mehr noch: Die Parteigruppe forderte mich - per Beschluss - auf, meine Haare »auf normal« zu bringen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich war fassungslos. So etwas in meiner geliebten Sowjetunion. Was sollte ich machen? Abreisen - und meine Frau zurücklassen? Gar wegen der Haare mit meiner Weltanschauung brechen? Doris kämpfte um mich: »Komm', ich schneid' Dir die Haare. Wir kriegen das hin. Wir machen das ganz vorsichtig.« Am Ende ließ ich mich auf Doris' Vorschlag ein. Sie kam mit der Schere, und machte alles »ganz vorsichtig«. Aber am Ende war ich kahl, meine lange Lockenpracht lag auf dem Boden.

Ich hätte heulen können. Aber ich hab's dann doch überstanden. Im Kreml war ich mit »normalen« Haaren. Der Genosse Breshnew - er war um diese Zeit der Generalsekretär - hat nichts gemerkt. Und ich machte eine Faust in der Tasche.

Alles schien schon fast vergessen, eine Geschichte von gestern zu sein - da passierte es: Am Abend des Revolutionsfeiertages gab's auch bei uns in der Leninschule ein öffentliches Oktober-Happening. Genossen und Genossinnen aus aller Welt beteiligten sich an der Programmgestaltung. Wir aus der Bundesrepublik gingen mit unserer Songgruppe nach vorne und schmetterten Kampflieder. Da kam der Direktor rein, stellte sich zu den Zuhörern und applaudierte am Ende kräftig. Als die letzten Töne verklungen waren, kam er auf mich zu - und sagte in gebrochenem Deutsch: »Genosse Jann, wenn ich gewusst, Du bist Künstler - Du hättest die Haar behalten können.«

Ich war sprachlos. Meine Genossen lachten. Für sie war die Welt wieder in Ordnung. Und ich? Nie mehr habe ich - in den jetzt vergangenen vierzig Jahren - so schöne blonde und lockige Haare gehabt. Fast könnte ich sagen: »Die Sowjetunion hat mir das Schönste genommen«. Doch dann würde ich lügen. Denn nach wie vor gehört mein Aufenthalt in der Sowjetunion zu den Höhepunkten meines Lebens - auch mit kurzen Haaren.

Klaus H. Jann
42489 Wülfrath

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