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Die gute LINKE und die bösen Medien

Sahra Wagenknecht, Kurioses beim radikalen Flügel und »Kungelkreise«

»Links immer nur diese Mauern gegen die Welt; wer Einspruch erhebt, steht unter Verdacht, er wolle Steine aus dieser Mauer der einzig geltender Wahrheit herausreißen.« ERNST TOLLER
»Links immer nur diese Mauern gegen die Welt; wer Einspruch erhebt, steht unter Verdacht, er wolle Steine aus dieser Mauer der einzig geltender Wahrheit herausreißen.« ERNST TOLLER

Keine Politikerin und kein Politiker der LINKEN ist in den Medien so präsent wie Sahra Wagenknecht. Interviews mit ihr erschienen in den letzten Monaten in der Süddeutschen Zeitung, spiegel online, Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Die Welt, Der Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Leipziger Volkszeitung, Stuttgarter Nachrichten, Thüringer Allgemeine, Mitteldeutsche Zeitung, Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, sogar in Provinzblättern wie Donaukurier und Uetersener Nachrichten - natürlich auch in neues deutschland, der taz und junge Welt. Hörfunk und Fernsehen reißen sich gleichermaßen um Interviews. Und kaum eine TV-Talkrunde verzichtet mehr auf Sahra Wagenknecht als Gesprächsgast: Sie war bei »Anne Will«, »Menschen bei Maischberger«, »Beckmann«, »hart aber fair« (Frank Plasberg), »Harald Schmidt« und »Günther Jauch« im Ersten, bei »Maybrit Illner«, »Markus Lanz« und »Zu Gast bei Peter Hahne« im ZDF, bei »Unter den Linden« und »Im Dialog« auf phoenix, bei »vis-a-vis« auf 3sat, Heiner Bremers »Das Duell« auf n-tv und im »Studio Friedmann« auf n24, bei »2+Leif« und »Leute night« im SWR, »eins zu eins« im WDR und »Fakt ist« im MDR, bei manchen wiederholt.

Diese stattliche Bilanz findet eine bemerkenswerte Krönung darin, dass zeit-online, Focus, FAZ und Financial Times Deutschland die Vizevorsitzende von Linkspartei und Linksfraktion nicht nur kritisch befragen, sondern als Autorin im eigenen Blatt schätzen. Wäre etwa Dietmar Bartsch von ihnen ähnlich begehrt, gar zu Gastartikeln gebeten, der radikale Flügel der LINKEN würde dies wohl als den letzten noch fehlenden Beleg werten, wie sehr er mit dem politischen Gegner verbandelt sei.

Sahra Wagenknecht bleibt von solchen Verdächtigungen aus den eigenen Reihen bislang verschont. Dabei lässt sich durchaus vermuten, dass das spektrale Autoreninteresse an ihr auch von ihrer neuerlichen Erkenntnis beeinflusst ist, Ludwig Erhard sei ein von links verteidigungswerter Politiker. Jedenfalls wird das Handelsblatt solche Einsicht mit bedacht haben, als es zum Lob auf ihr aktuelles Buch »Freiheit statt Kapitalismus« anhob: »Sahra Wagenknecht zeigt ein tieferes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge als viele Politiker aus Parteien, denen man gemeinhin Wirtschaftsnähe und -kompetenz zuspricht.«

Und sicher hätte auch die »Bild«-Zeitung Sahra Wagenknecht nicht mit Michail Gorbatschow zu einem Mediengespräch zusammengebracht, wenn dieser für sie immer noch das Schreckbild und der Verursacher eines »konterrevolutionären« Herbstes '89« wäre, der der »Zersetzung der sozialistischen Ideologie« und des »offenen Revisionismus« schuldig sei (so in ihrem Aufsatz »Marxismus und Opportunismus - Kämpfe in der Sozialistischen Bewegung gestern und heute«, 1992).

Beim von »Bild« arrangierten Treffen Ende November 2011 attestierte die einst heftige Gorbatschow-Kritikerin dem letzten Staatsoberhaupt der Sowjetunion, dass er »in die Geschichte eingegangen (ist) als jemand, der für Abrüstung, für Demokratie, für Frieden gestanden hat«. Befriedigend resümierte »bild.de«, dass beide »in ihren Positionen gar nicht so weit auseinander« lägen.

Jedenfalls ist die Feststellung nicht falsch, dass Sahra Wagenknecht in den letzten fünf bis zehn Jahren so manche ihrer ideologischen Einstellungen enthärtet hat. Das ist deswegen keine banale und gänzlich überflüssige Feststellung, weil der radikale Flügel der LINKEN zwischen Hinzulernen und Hinwegdenken gemeinhin wenig unterscheidet, das Aufgeben von Positionen innerparteilich sehr schnell und per se als verwerfliche Anpassung oder gar Verrat deutet.

Die hohe Frequenz von O-Tönen Sahra Wagenknechts selbst in stramm konservativen Medien hat indes (und neben anderem, wovon diese Medien sich gerne mit leiten lassen) noch einen anderen sachlichen Grund: Die Linkspolitikerin vertritt in Kernfragen, die in der jüngeren kapitalistischen Entwicklung ins Gerede und ins Wanken gekommen sind, recht klare und im Establishment ihrer Partei umstrittene Botschaften. Das mögen Journalisten und Medien, egal welcher Couleur. Und umgekehrt dürfte die LINKE über allen innerparteilichen Zwist hinweg eigentlich froh sein, wenn es einer klug argumentierenden Politikerin gelingt, linke Ideen in derart fremden Foren vorzustellen.

Umso kurioser klingt jedoch die Klage des radikalen Flügels der LINKEN gegen eine Medienblockade, die der Partei schwer zu schaffen mache. Und umso brüchiger wirkt die Behauptung, »die Medien« instrumentalisierten allein den sogenannten Reformerflügel gegen den oppositionellen Gehalt der LINKEN und dieser helfe auch bereitwillig bei solch frivoler Tat mit. Sahra Wagenknechts opulente Medienpräsenz ist dem radikalen Flügel demgegenüber kein Stein des Anstoßes oder auch nur Indiz einer möglichen Fehlwahrnehmung.

Die Genannte selbst beschwerte sich Mitte Juli 2009 in einem »Bild«-Interview: »Die Medien ignorieren vielfach unsere politischen Inhalte. Das nervt.« Soweit es jene Inhalte betrifft, die sie persönlich vertritt, dürfte sie dies angesichts der in ihrem Terminkalender notierten Presseanfragen nicht ohne leichtes Erröten wiederholen. Dennoch nannte auch Wagenknecht auf dem Strategietreffen des radikalen Flügels der LINKEN vor wenigen Wochen (Mitte Mai) in Berlin »eine flächendeckende Medienblockade« als mitverantwortlich für »die existenzielle Krise« der LINKEN.

Andere auf dem radikalen Flügel der LINKEN ziehen ein noch groberes Raster auf: In einem Huldigungstext »Offenes Lob. An Klaus Ernst« (junge Welt, 21. Mai) wetterten Diether Dehm und Wolfgang Gehrcke gegen »die feindseligen Konzernmedien«, die der LINKEN zu schaffen machen. Deren »Schreibagenten« würden tagsüber freundlich lächelnd Interviews führen und dann »mit Dunkelheitsanbruch, in der Meute des Großraumbüros« den Parteivorsitzenden demontieren. Die beiden Bundestagsabgeordneten und Mitglieder des Parteivorstands rechtfertigen gar ihre eigenen »Kungelkreise« damit, dass sie sich so vor - innerparteilichen - »Zuträgern der Kapitalmedien« schützen müssen.

Zweifellos gibt es eine ganze Menge medialer Gehässigkeiten gegen die Partei DIE LINKE, sie werden immer wieder auch in dieser Zeitung aufgespießt. Doch Denk- und Sichtweisen wie die zitierten haben wenig mit bitter nötiger, konkreter Medienkritik zu tun, sondern sie erheben eine Pauschalklage und erdichten eine große mediale Verschwörung als Grund dafür, dass die wackere Arbeit beim »Kurs halten« nicht so recht erfolgreich ist.

Die Einsicht, vor dem Hintergrund des linken Stimmungstiefs vorrangig das eigene politische Angebot zu überprüfen, statt den Blick auf äußere Faktoren zu konzentrieren, hat es immer noch schwer in der LINKEN. Letztlich wird nur solche »Selbstbeschäftigung« eine Basis für eine bessere mediale Kommunikation sein. Denn die Häme, die manche Journalisten vor allem in den erregungsorientierten Medien über die LINKE ausgießen, unterscheidet sich strukturell wenig von der, die auch andere Parteien trifft - und ebenso wenig von jener, die zum Beispiel die Berliner S-Bahn wegen ihrer Pannenserie oder Jogi Löw wegen der 3:5-Niederlage des DFB-Teams beim Spiel gegen die Schweiz aushalten müssen. Die richtige Antwort darauf wäre nicht das Lamento, sie hieße: Das Spiel verbessern.

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