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Wie ein Engel

Barbara Ludwig aus Berlin

Regelmäßig schreibt die 74-jährige frühere Handelskauffrau für das Seniorenmagazin »Spätlese«.
Regelmäßig schreibt die 74-jährige frühere Handelskauffrau für das Seniorenmagazin »Spätlese«.

Sonnenklar war der Tag. Kein Lüftchen wehte. So hatte es die Wärme leicht, über Berge und Täler zu ziehen. Dieser Oktober trieb Schabernack, denn er hatte sich einen Sommertag als Gefährten ausgesucht. Nun, die Menschen, Urlauber zumal, freute es. Der Kälte und Nässe vergangener Wochen waren sie bereits überdrüssig. Wanderer und Spaziergänger, auch Radfahrer trieb es aus den Häusern, um am Fuße der imposanten Bergwelt Garmisch-Partenkirchens den wunderbaren Tag zu erleben. Mein Weg führte an einem steilen, hoch aufgetürmten Bergrücken vorbei. Da oben am Hang bemerkte ich Menschen. Wie waren sie dahin gekommen? Ich schaute genauer und sah, dass serpentinenartige Wege weit hinauf führten. Nun interessierten mich diese Wege näher. Ich wollte ergründen, ob sie auch für mich geeignet wären. So stand ich, schaute zum Berg, war bald überzeugt, dass ich es schaffen würde, dann wieder hatte ich Bedenken. Ich zögerte und war traurig so allein zu sein, keine Hand zu haben, an der ich mich hätte festhalten können.

Als wären diese Gedanken nach außen gedrungen, stand plötzlich, wie vom Himmel gefallen, in unmittelbarer Nähe ein fremdländisch aussehendes, dunkelhaariges, junges Mädchen und lachte mich strahlend an. Ich war etwas irritiert. Meinte sie mich, denn es standen noch einige Wanderer in Grüppchen zusammen? Jetzt kam sie auf mich zu und fragte, ob ich da hinauf wolle? Ich zuckte mit den Schultern und sagte ihr, dass ich nicht so recht weiß, ob ich es tun solle. Etwas hilflos lächelte ich zurück. »Kommen Sie mit mir, ich weiß einen leichteren Weg«, meinte sie in gebrochenem Deutsch und wies in eine bestimmte Richtung.

Ich mit ihr? Sie muss doch gerade aus dieser Richtung gekommen sein? Ich verstehe nicht. Wirr gingen mir diese und einige nicht so gute Gedanken durch den Sinn. Wieder klangen ihre freundlichen Worte, die sie mit einladender Handbewegung verband: »Kommen Sie«, und lief einige Schritte. Unentschlossen blieb ich zurück. »Ein fremdes Menschenkind, keine Deutsche. Sie so jung, ich schon Rentnerin«, schwirrte es in mir. »Kommen Sie, kommen Sie«, klang es erneut. Mit einem überaus gewinnenden Lächeln kam sie wieder auf mich zu, und ich sah in ihre dunklen strahlenden Augen. Schon griff sie leicht nach meinem Arm und ich - ging mit. Tatsächlich, der Weg war leicht zu gehen. Sie zeigte mir schöne Ausblicke auf das Tal. So gut es ging unterhielten wir uns, auch mit Händen und Füßen. Das wiederum reizte uns zum fröhlichen Lachen. So verstanden wir uns immer besser, nicht nur sprachlich. Ich erfuhr, dass sie als Au-pair-Mädchen in Garmisch-Partenkirchen arbeitete und aus der Ukraine stammte. Ihr Vater sei Seemann und auf allen Weltmeeren schon gewesen. Von ihm habe sie die Sehnsucht, fremde Länder und Menschen kennenzulernen. Wir liefen hinauf bis zu einem Bergsee. Dort lud ich sie in die Gaststätte zu einem Erfrischungsgetränk ein. Sie wollte die Einladung nicht annehmen, aber jetzt war ich diejenige, die darauf bestand. Danach setzten wir unsere Wanderung fort.

Ich glaube, wir beide fühlten uns recht wohl dabei. Und zu guter Letzt stellten wir fest, dass sie in derselben Straße, in der ich mein Urlaubsquartier hatte, arbeitete und wohnte. Ich wollte sie gerne wiedertreffen. Leider war es unmöglich, denn am übernächsten Tag reiste sie zurück in ihre Heimat. Ich wünschte ihr alles Gute und wünsche es ihr noch heute. Dieses liebenswürdige Mädchen vergesse ich nie.

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