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Zehn Tropfen Hoffnung

Über die wechselvolle Geschichte der Homöopathie in der DDR

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Obwohl die Homöopathie in der DDR offiziell als Placebobehandlung galt, war sie von Staats wegen zu keiner Zeit »verboten«. Bis zuletzt fanden homöopathische Ärzte und Heilpraktiker in der Bevölkerung großen Zuspruch, wie eine Historikerin jetzt faktenreich belegt.

Es war zunächst schlichter Ärztemangel, der die Gesundheitsbehörden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später in der DDR bewog, auch homöopathische Ärzte weiter praktizieren zu lassen. An der Universität Greifswald erhielt der Mediziner Heinrich Scheuffele 1949 sogar einen Lehrauftrag für Homöopathie. Sein Antrag auf Einrichtung eines Lehrstuhls wurde dagegen abgelehnt.

Das Zentrum der Homöopathie im Osten Deutschlands war traditionell Leipzig. Hier hatte von 1811 bis 1821 auch Samuel Hahnemann gewirkt, der Begründer der Homöopathie, bei dem sich unter anderem Friedrich Wieck, der Vater von Clara Schumann, medizinisch behandeln ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg konstituierte sich in Leipzig ein homöopathischer Ärzteausschuss, der das Ziel verfolgte, interessierte »Schulmediziner« zum selbstständigen Führen einer homöopathischen Praxis zu befähigen. Bei Erfolg durften die Absolventen ihre neu erworbene Qualifikation auch auf ihren Praxisschildern der Öffentlichkeit kundtun.

Von solchen und anderen Maßnahmen ermutigt, gingen einige Homöopathen dazu über, ihre Art der Patientenbehandlung mit der damals ideologisch hochgelobten Lehre des sowjetischen Physiologen Iwan Pawlow in Einklang zu bringen. So erklärte ein homöopathischer Arzt 1959 auf einer Tagung in Weimar, dass ausgehend von Pawlow, der im Sinne »des dialektischen Materialismus Geist und Körper als verschiedene Aspekte ein- und desselben Vorgangs« betrachtet habe, auch ein Weg zur Lehre Hahnemanns zu finden sei. Wie sich leicht denken lässt, blieben solche vordergründigen Versuche ohne nennenswerte Resonanz.

Geschmäht, aber geduldet

Stattdessen traten nun verstärkt die Kritiker der Homöopathie auf den Plan, wie Anne Nierade in ihrer jetzt erschienenen Geschichte der Homöopathie in der DDR detailliert aufzeigt. Dabei hebt sie zwei Personen besonders hervor: den Pharmakologen Friedrich Jung und den Gerichtsmediziner Otto Prokop, die beide als Professoren an der Berliner Humboldt-Universität lehrten.

Namentlich Prokop ließ an der Homöopathie kein gutes Haar. Er zählte sie zu den paramedizinischen Verfahren, die der Gesundheit der Patienten häufiger schadeten als nützten. Auch bemängelte er den fehlenden wissenschaftlichen Nachweis der von Hahnemann aufgestellten medizinischen Lehrsätze. In der Tat ist es bis heute nicht gelungen, eine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung homöopathischer Hochverdünnungen in kontrollierten wissenschaftlichen Experimenten zu verifizieren.

Andererseits ist der Placeboeffekt die Quelle für eine der wirkungsvollsten Heilkräfte, die der Mensch besitzt. Jung plädierte daher für die Duldung der Homöopathie zumindest in der Hand des Arztes. Homöopathische Heilpraktiker, die es in der DDR ebenfalls bis zuletzt gab, hielt er hingegen für Kurpfuscher.

Und obgleich es Prokop war, der 1958 die Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität drängte, eine Stellungnahme zur Homöopathie abzugeben, fiel diese überraschend moderat aus. Nicht anders als Jung sahen auch so berühmte Ärzte wie Theodor Brugsch (Innere Medizin) und Anton Waldeyer (Anatomie) keinen Anlass, bei der Behandlung von leichten Erkrankungen auf die psychotherapeutische Wirkung der Homöopathie zu verzichten. Sie warnten jedoch ausdrücklich davor, die Homöopathie »klinisch oder prophylaktisch bei der Behandlung von schweren, insbesondere Organerkrankungen« anzuwenden.

Ein generelles Verbot der Homöopathie war damit vom Tisch. Doch Prokop ließ nicht locker. Von 1959 bis 1963 wurde in der DDR die von ihm fachlich betreute Wanderausstellung »Aberglaube und Gesundheit« gezeigt, die nicht immer fair mit der Homöopathie umging. So hatte man, um ein Beispiel zu geben, die Hahnemannsche Ähnlichkeitsregel in der Ausstellung wie folgt illustriert: »Erkrankung: Überfahren mit Auto. Behandlung: Überfahren mit Leiterwagen.«

Auch wenn sie nicht verboten war, führte die Homöopathie in der DDR vielerorts ein Schattendasein. Umso erstaunlicher ist, dass unter anderem das VEB Leipziger Arzneimittelwerk durchgängig homöopathische Einzel- und Komplexmittel herstellte, wobei, wie in der DDR üblich, der Bedarf meist größer war als das Angebot.

Insgesamt dürfte es zu DDR-Zeiten kaum mehr als 60 homöopathische Ärzte gegeben haben, von denen in den 80er Jahren nur noch wenige praktizierten. Gleichwohl blieb die Homöopathie ein Art Geheimtipp für Menschen, die eine »sanfte« Alternative zur vermeintlich seelenlosen »Schulmedizin« suchten. Und wo kein homöopathischer Arzt erreichbar war, probierten es viele mit einer Selbstmedikation à la Hahnemann. Die Arzneien dafür erwarben sie entweder in der Apotheke oder besorgten sich diese aus dem Westen. Die Beschäftigung mit der Homöopathie wurde so zunehmend zu einer Privatangelegenheit, resümiert Nierade mit Blick auf die 60er und frühen 70er Jahre.

Psychologie statt Tabletten

Dann jedoch kam es zu einem überraschenden Wandel. Angesichts des steigenden Tablettenkonsums, der für die DDR auch eine ökonomische Belastung darstellte, erwachte in der Ärzteschaft das Interesse an traditionellen Heilverfahren wie Akupunktur und Homöopathie. Selbst Jung, ein scharfer Kritiker der Alternativmedizin, bedauerte öffentlich das fehlende Bewusstsein vieler »Schulmediziner« für die Bedeutung der psychologischen Patientenführung. In einigen Zeitschriften entwickelte sich daraufhin eine rege Leserdiskussion über das Für und Wider der Homöopathie, die womöglich mit dazu beitrug, dass immer mehr Menschen eine homöopathische Selbstbehandlung bevorzugten. Wie weit dadurch »schulmedizinisch« nötige Behandlungen versäumt wurden, lässt sich im nachhinein natürlich nicht mehr feststellen.

Im August 1989 machte das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR den unerwarteten Vorschlag, die Homöopathie auch in der medizinischen Ausbildung zu berücksichtigen. Dabei hatte Prokop noch im Jahr zuvor seine harsche Kritik an der Homöopathie bekräftigt - mit den Worten: »Die wesentlichen Säulen der Homöopathie-Lehre sind widerlegt.« Folglich sei der Erklärung der Humboldt-Universität vom Oktober 1958 nichts hinzuzufügen.

Erst nach dem Ende der DDR blühte die Homöopathie im Osten Deutschlands auf und wurde für viele zum Bestandteil der medizinischen Grundversorgung. In dieser Entwicklung spiegele sich »die Kraft einer tief verwurzelten Tradition« wider, meint die in Meißen praktizierende Homöopathin Anne Nierade. Zu einer ähnlichen Einschätzung, die ihn allerdings eher ratlos machte, war bereits 1958 Friedrich Jung gelangt: »Es gibt eben auch in der Medizin Phänomene - in Deutschland die Homöopathie - gegen die selbst Götter vergeblich kämpfen dürften.«

Anne Nierade: Homöopathie in der DDR. Die Geschichte der Homöopathie in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR 1945 bis 1989. KVC Verlag, 320 S., 34,90 €.

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