Ein Zweifelnder und Suchender

Zum 70. Todestag von Heinrich Vogeler

Sein bewegtes Leben begann 1872 mit einer wohlbehüteten Bremer Kindheit und fand ein tragisches Ende in Kasachstan. Seit 1931 lebte und arbeitete Heinrich Vogeler in Moskau, von wo er aus Reisen in entlegene Teile der Sowjetunion unternahm und Hunderte von Bildern mit politischem Inhalt malte. Nach dem Überfall der Deutschen am 22. Juni 1942 auf die UdSSR evakuierte man ihn, der auf einer Sonderfahndungsliste der Nazis stand, mit anderen Deutschen nach Karaganda. Als seine Rente ausblieb und er nichts mehr zu essen hatte, war er zum Betteln gezwungen. Am 14. Juni 1942 starb er an Entkräftung in einem Krankenhaus. Niemand weiß, wo sein Grab ist.

Vogeler ist nicht nur als Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Buchillustrator und Bühnenbildner, sondern auch als Pädagoge, Publizist und Schriftsteller hervorgetreten. 1893 schließt er sich der Künstlerkolonie Worpswede an, zu deren überragenden Vertretern er neben Paula Becker-Modersohn wird. 1901 gründet er mit Martha Schröder, die ihm oft Modell steht, eine Familie. Wie ein »Märchenprinz« lebt Vogeler auf seinem »Barkenhoff« und gilt schon bald als bedeutende Gestalt der Jugendstilbewegung. Er kommt in Kontakt mit Dichtern, u. a. mit Rainer Maria Rilke. Das Bürgertum verhätschelt ihn als sein »liebstes Kind«, während er sein Leben und seine »Residenz« als Kunstwerk inszeniert. Doch die Realität holt den Ausnahmekünstler ein.

Das Scheitern seiner Ehe und nachlassende Aufträge führen in eine tiefe Krise. Freiwillig zieht er im August 1914 in den Krieg, glaubt der deutschen Unschuldspropaganda und erlebt die Grausamkeit des Völkermordens. Aus ihm wird, wie er schreibt, ein »glühender Pazifist«, der nur noch ein Streben kennt: »Es muss endlich Frieden sein.« Vogeler hofft nach der russischen Oktoberrevolution auf einen Frieden im Osten ohne Annexionen. Doch in den Verhandlungen zeichnet sich rasch das Gegenteil ab. Fortan engagiert er sich für eine neue Welt, fernab von Gewalt, sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Als ihn die »Vossischen Zeitung« fragt, warum er (damals noch ohne Parteibuch) Kommunist ist, antwortet er in der Ausgabe vom 4. April 1919: »Der Krieg hat mich zum Kommunisten gemacht.« Und er begründete, warum er sich für eine freie Gesellschaft einsetzen will, »ohne Profitdenken und Besitzstreben, für Frieden und Freiheit. Ich ertrug es einfach nicht mehr, einer herrschenden Klasse anzugehören oder ihr Vertreter zu sein, die Millionen Menschen in den Tod getrieben hat.«

Vogeler engagiert sich nach 1918 für eine Politik auf der Grundlage einer neuen Ethik. Doch der Ebert-Groener-Pakt ermöglicht es den Militärs, ihre Politik- und Gewaltkonzepte in die »neue Zeit« hinüberzuretten. Vogeler hingegen zeigt mit seinen Antikriegsbildern, wohin mit ihnen die Reise geht. 1919 wird er gleich fünfmal verhaftet. Doch trotz der Verleumdungen und Versuche, ihn zu kriminalisieren, geht er seinen Weg als Revolutionär und Pazifist weiter. Im Sommer 1919 gründet er auf dem »Barkenhoff« eine Kommune und Arbeitsschule, was eine regelrechte Hetzkampagne gegen ihn und seinen »kommunistischen Miniaturstaat« nach sich zieht. Später macht er aus dem Anwesen ein Erholungsheim für Kinder gefallener Soldaten und inhaftierter Sozialisten und Kommunisten. Schließlich schenkt er das Haus der »Roten Hilfe«, deren Zentralvorstand in Berlin er seit 1924 angehört. Im selben Jahr tritt er der KPD bei. Nach seiner Scheidung von Martha heiratet er im Herbst 1926 Sonja Marchlewska, Tochter eines polnischen Kommunisten sowie des Begründers der »Internationalen Roten Hilfe«. Bereits im Oktober 1923 kommt ihr gemeinsamer Sohn Jan zur Welt. Doch auch die zweite Ehe hält nicht.

Nach außen wirkt Vogeler stark, im Innern bleibt er ein Suchender, der zweifelt, mit sich und seiner Kunst ringt. In ihrem gerade erschienenen Vogeler-Roman »Adieu Märchenprinz« (Donat Verlag, 14,80 €) schreibt Renate von Rosenberg: »Heinrich Vogelers Fähigkeit zu unbeirrbarer Kritik und Selbstkritik, sein Mut, mit dem er wagte, sich gegen vorherrschende Meinungen zu wenden, heben ihn aus der Menge der Anpasser und Mitmacher heraus.«

In Bremen und Worpswede würdigen zurzeit gleich mehrere Ausstellungen Vogelers Leben und Werk. Alles ist übersichtlich präsentiert und sehenswert. Nichts aber erfährt der Besucher darüber, wie ablehnend sich beide Orte in Hinblick auf den politischen Künstler über viele Jahrzehnte hinweg verhalten haben.

Über Vogeler sind im Donat Verlag Bremen des Weiteren erschienen von David Erlay »Von Gold zu Rot«, von Bernd Küster »Heinrich Vogeler im Ersten Weltkrieg« sowie der Ausstellungskatalog »Heinrich Vogeler - Künstler, Träumer, Visionär«.

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