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Der Echte: Im Spiel

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit dem »Zweiten« sieht man besser. Und sinkt besser. So jedenfalls assoziieren es diese lauen Ostseewellen, auf denen der Weltklassetorwart keinen Halt findet, obwohl er Kahn heißt. Er kann nur leben zwischen zwei Pfosten, das ZDF aber stellte ihm für die EM-Garnierung nur einen einzigen Pfosten zur Verfügung, Kathrin Müller-Hohenstein. Nun zimmert er und zimmert, der Sender nennt's Kommentar. Aber hölzerner als hölzern geht sein Reden nicht. Er klebt an Sakko und Ambition und wird doch nicht Klaus Kleber. Halt, gelbe Karte! Schluss mit Kalauern!

Anders die ARD. Sie hat Mehmet Scholl (Foto: dpa). Er ist kein Reihum-Rhetoriker, er ist: echt. Erinnerung: Scholl, FC Bayern München, beendet am 19. Mai 2007 seine Karriere. Letztes Spiel, gegen Mainz, ein Sieg; Scholl dreht eine Ehrenrunde, wirft seine Töppen ins Publikum, kämpft gegen sein Gefühl und lässt sich doch auch von ihm überwältigen. Er kam immer über außen. Nun würde er, fußballerisch, nie mehr kommen. Uli Hoeneß weinte.

Scholl, ein Großer: diese Finten, diese Läufe, diese perfekten Freistöße, diese intelligenten Tore. Seine Sätze übers Spielfeld waren einer der sympathischsten Beweise für Schiller: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Scholl spielt nun mit seiner TV-Rolle, zwischen scheuer Frechheit und aufsässiger Nonchalance.

Man kann ja nicht dauernd den unbegreiflichen Zauber des Fußballs beschwören und dann immer sagen, wie was genau zustande kam oder eben nicht zustande kam, da unten auf dem Rasen. Davon erzählt er. Er war als Spieler der vollendet Unvollendete, er ist es auch im Fernsehstudio. Seine damalige Beliebtheit wirkt nach: zu empfindsam für den Betrieb. Knöchel, Bandscheiben, Muskeln, Sprunggelenke arbeiteten damals böse gegen die wunderbare Beiläufigkeit dieses Sportlers, der Geniales zu vollführen vermochte, ohne je bedeutungsschwer zu werden. Er war der »Spargeltarzan«, der sich so unnachahmlich den langen Trikotärmel über die Hand zog, als suche er eine zusätzliche Schutzhaut. Das bleibt, das geht in Sprache ein, ins Urteilsvermögen.

Aus dem Sieger Scholl (er spielte bei Bayern!) sprach immer auch die Erfahrung eines mit Verletzlichkeit Geschlagenen. Das genau ist jenes Heldentum, das einem zuschauenden Herzen nicht nur weh-, sondern auch guttut. Für das Erlebnis dieses Gefühls verlassen wir gern den Alltag und gehen dorthin, wo Kunst geschieht oder Fußball gespielt wird. Und schauen sogar fern - in diesen blödsinnigen Füll-Zeiten vor, zwischen und nach den Spielen. Ein TV-Programm, dessen Erfinder Blähboys sind, erfüllt von der Mission, jede TV-Sekunde mit Palaver zu füllen. Scholls jungenhafte, fühlende, souverän im Vermuten tanzende Denkart versöhnt.

Wenn ihn und den unglücklich steifen Kahn denn doch eines verbindet, dann ist es beider Allianz gegen die Kultur jener fliehenden, flachen Stirn, wie sie von menschheitlich dumpfen Frühtypen überliefert sind. Von den einen Neandertaler genannt, von den anderen »Waldis WM-Club«.

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