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Folter oder Flucht

Geschichten aus dem Lager Mai-Aini

  • Von Philipp Hedemann, Mai-Aini
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eritrea im Nordosten Afrikas gehört zu den wichtigsten Herkunftsländern von Flüchtlingen. Wer von dort kommt, der flieht vor Folter oder dem Tod - und landet oft in dem Flüchtlingslager Mai-Aini, in der Region Tigray in Nordäthiopien.
Der eritreische Flüchtling Habtu Russom mit anderen Campbewohnern.
Der eritreische Flüchtling Habtu Russom mit anderen Campbewohnern.

»Ich wollte nur noch weg. Weg oder sterben«, flüstert Yonas. Yonas ist nicht gestorben. Er ist weg. Weg aus Eritrea, weg aus einem der ärmsten und brutalsten Länder der Welt. Jetzt lebt er im Flüchtlingslager Mai-Aini im Norden Äthiopiens. Doch angekommen ist Yonas noch nicht. Er ist immer noch auf der Flucht. Yonas ist einer von Millionen Flüchtlingen weltweit.

Nach Schätzungen des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen sind weltweit 43,7 Millionen Menschen auf der Flucht. Mit dem heutigen Weltflüchtlingstag will die UNO auf das Schicksal der Vergessenen aufmerksam machen.

Yonas liegt auf dem festgestampften Lehmboden, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die Beine angezogen. »So haben sie mir im von den Italienern erbauten Foltergefängnis Arme und Beine zusammengebunden. Stundenlang. Sie nannten es ›otto‹, Italienisch für ›acht‹, weil der Körper eine Acht bildet«, sagt Yonas mit kaum wahrnehmbarer Stimme. Narben an seinen Hand- und Fußgelenken zeugen noch heute von den Qualen.

Immerhin hat der 36-Jährige noch beide Hände. Einem Mithäftling sind nach dem Blutstau, der durch die bestialische Fesselung verursacht wurde, beide Hände abgefault. Yonas landete im Foltergefängnis, weil er nach 14 Jahren Wehrdienst desertierte und versuchte, nach Sudan zu fliehen. Nach einem Jahr und zwei Monaten Haft war er körperlich gebrochen - doch sein Wille, dem totalitären Regime von Präsident Isayas Afewerki mit seinem nie endenden Militärdienst zu entfliehen, war fest.

Yonas rannte erneut davon, versteckte sich vier Monate im Haus seines Onkels in der eritreischen Hauptstadt Asmara, dann wagte er einen zweiten Fluchtversuch. Diesmal mit einem Menschenschmuggler, »Pilot« genannt. 50 000 Nakfa, 2500 Euro, verlangte der Schlepper. Freunde, denen die Flucht bereits gelungen war, schickten das Geld über informelle Kanäle aus Schweden, den USA und der Schweiz nach Asmara.

Tagsüber versteckten Yonas und der Schlepper sich in Höhlen, nachts liefen sie zwischen Landminen und eritreischen Grenzsoldaten, die ohne Warnung scharf schießen. Sie erreichten den Merebe-Fluss, die Grenze zu Äthiopien. Dort gab Yonas dem »Piloten« seine Hälfte eines in der Mitte durchgerissenen Nakfa-Scheines. Die andere Hälfte hatte Yonas' bester Freund in Eritrea behalten, ebenso wie die Prämie für den Schleuser. Erst wenn der Schlepper ohne Yonas, aber mit der passenden zweiten Hälfte des Scheines zurückkehrte, sollte er die 50 000 Nakfa bekommen.

Als der Schleuser den Rückweg antrat, durchquerte Yonas den ausgetrockneten Grenzfluss, wurde von äthiopischen Soldaten aufgegriffen und ins Flüchtlingslager Mai-Aini im äthiopischen Hochland gebracht.

Drei Jahre ist das her. »Ich kann nicht schwimmen und die Boote nach Italien sinken oft. Seitdem Gaddafi gestürzt ist, glauben die Revolutionäre, wir seien seine Söldner gewesen und töten uns. Wer es über den Sinai nach Israel versucht, trifft oft auf Banditen, die uns töten, um unsere Organe zu verkaufen. Für eine Niere soll es Tausende Dollar geben. Mein Freund Ambesajer hat gesagt, ich soll es nicht versuchen. Zu gefährlich«, sagt Yonas. Er bleibt. Vorerst.

Habtu Russom jedoch erschienen die Verheißungen des Lebens im Westen größer als die Risiken der Flucht. Sieben Jahre lang versuchte der 30-jährige Informatikstudent zu fliehen. Immer wieder landete er in Foltergefängnissen, mehrmals wäre er beinahe gestorben, einmal hätte er es fast ins vermeintliche Paradies geschafft. Fast.

Bei seinem vorerst letzten Versuch, nach Europa zu gelangen, überquerte Russom zu Fuß die sudanesische Grenze. Auf der anderen Seite traf er auf Menschenhändler. 300 Dollar, 240 Euro, die er sich von seiner Familie geliehen hatte, zahlte er den Schmugglern, damit sie ihn in die sudanesische Hauptstadt Khartoum bringen. Dort werde er gut bezahlte Arbeit finden oder könne die Reise nach Europa fortsetzen, hatten die skrupellosen Geschäftemacher ihm erzählt. 24 Männer und Frauen, die auf das Versprechen reinfielen, pferchten sie auf der Ladefläche eines Toyota zusammen. Die menschliche Schmuggelware deckten sie mit einer Plane ab und rasten mit den blinden Passagieren jenseits der Hauptstraßen gen Westen, nach Khartoum.

Nur 23 der 24 Passagiere erreichten das erste Ziel ihrer Odyssee lebendig. »Eine Frau erstickte unter der Plane. Sie hieß Tsigue. Sie war 24 Jahre alt«, erzählt Russom. Mit anderen Schmugglern ging es bis nach Libyen. Dort sollte das Schlimmste noch kommen. In der Nähe der libyschen Küstenstadt Zliten ging Russom nachts an Bord eines schrottreifen Fischerboots. 518 andere Flüchtlinge will er gezählt haben.

Nach rund 20 Stunden Fahrt geriet das völlig überladene Boot in einen Sturm und in Seenot. Weil der irakische Kapitän und seine drei Besatzungsmitglieder kein Wort Englisch sprachen, war es Russom, der per Funk einen Notruf absetzte. »Nach mehreren Stunden kamen endlich Schiffe. Doch sie hatten Angst vor uns. Erst als die Frauen die Babys in die Höhe hielten, nahmen sie uns an Bord«, erinnert sich Russom, der schon fest damit gerechnet hatte, auf der Flucht zu ertrinken.

2009 gelang ihm erneut die Flucht. Diesmal blieb er im Flüchtlingslager in Äthiopien. Die Odyssee durch die Wüste und übers Meer will er nicht noch einmal wagen. Wie die anderen rund 15 000 Bewohner des Flüchtlingslagers Mai-Aini hofft er, dass der eritreische Diktator Isayas Afewerki irgendwann gestürzt wird und er in ein demokratisches Eritrea zurückkehren kann.

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