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»Zum Sieben war keine Zeit ...«

Die Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau vor 90 Jahren - ein furchtbares Menetekel

  • Von Erwin Könnemann
  • Lesedauer: 6 Min.

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Berlin, den 24. Juni 1922, vormittags 11 Uhr 15: Walther Rathenau besteigt sein weinrotes Cabriolet, das ihn wie üblich vor seiner Villa in Grunewald erwartet. In diesem Moment nähert sich in rascher Fahrt ein schwerer grauer Tourenwagen. Straßenbauarbeiter geben später zu Protokoll, ihnen sei die nagelneue Lederbekleidung der Insassen aufgefallen. Als der graue Wagen das Cabriolet überholt, hebt einer der Männer eine Maschinenpistole. Mehrere Feuerstöße treffen den Reichsaußenminister tödlich, der andere wirft zusätzlich noch eine Eierhandgranate in dessen Wagen. Dann prescht das Mörderauto davon.

Antisemitismus und Antikommunismus

»Christus im Frack!« hatte die spitzzüngige feine Berliner Gesellschaft den Minister wegen seiner sozial-liberalen Theorien und seiner Kritik an gesellschaftlichen Zuständen genannt. Der Präsident der AEG, des größten Elektrokonzerns in Europa, war ein erfolgreicher Großunternehmer, Mitglied in 87 Aufsichtsräten, Autor zahlreicher Bücher und Traktate, glänzender Mittelpunkt exklusiver Gesellschaften, ein universal gebildeter Geist, der sich über Kunst und Literatur, Politik und Wissenschaft in blendender Form zu äußern vermochte. Aus jüdischem Haus stammend - sein Onkel war der Maler Max Liebermann -, empfand Rathenau sich jedoch als »Bürger zweiter Klasse« in Deutschland.

Als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung im Preußischen Kriegsministerium bewahrte er Deutschland im Ersten Weltkrieg vor einem wirtschaftlichen Fiasko. Ins Fadenkreuz der sogenannten vaterländischen Kräfte geriet er 1921, als er in der Funktion des Wirtschaftsministers im Kabinett des Reichskanzlers Wirth für die Erfüllung der Reparationsforderungen der Siegermächte eintrat, um guten Willen und zugleich die eigentliche Unerfüllbarkeit der drückenden Lasten zu demonstrieren. Die nationalistische Presse verleumdete ihn als »Gerichtsvollzieher der Entente« und »Fremdling aus Judäa«.

Allgemeine Zustimmung hingegen erfuhr der Reichsaußenminister, als er im April 1922 mit den Sowjets den Vertrag von Rapallo abschloss, ein Abkommen, das die diplomatische Isolierung Deutschlands durchbrach. Hinter ihm stand nicht nur die deutsche Großindustrie, die ihre Vorkriegsinvestitionen retten wollte, sondern auch die Reichswehrführung. Sie beabsichtigte, natürlich streng geheim, die Erprobung von Junckers Ganzmetallflugzeugen, Giftgasgranaten und Panzern in Russland. Umso unverständlicher ist es, dass ausgerechnet Angehörige einer der Reichswehr nahstehenden Organisation den Reichsminister wenige Wochen nach Abschluss des Rapallo-Vertrages ermordeten.

Die Seeoffiziere der Organisation Consul, Erwin Kern und Heinrich Fischer, hatten als ihren Fahrer Ernst Werner Techow ausgewählt, weil dessen Familie mit den Rathenaus bekannt war. Vor Gericht erklärte Techow später, zu den Motiven seiner Tat befragt, Rathenau sei einer der »300 Weisen von Zion und verfolgte die Ziele des internationalen Judentums«. In den »vaterländischen« Kreisen wurde damals ein gehässiges Lied gesungen, dessen letzte Zeile lautete: »Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!«

Antisemitismus verband sich mit Antikommunismus. Mit einer Serie von Attentaten sollten die Kommunisten, wie einer der Chefs der Organisation Consul 1933 im Artikel »Ministermorde« ausplauderte, zum Losschlagen gegen die Weimarer Republik provoziert werden. Der Staatsapparat müsste dann die alten Freikorps wieder zu den Waffen rufen, so das Kalkül der Rechten. Das wäre die Gelegenheit, die verhasste Demokratie abzuschaffen und eine nationale Diktatur zu errichten, um »Deutschlands Größe« wieder herzustellen. Die Strategie der militantesten Kräfte der deutschen Konterrevolution ging indes nicht auf. Die Rathenau-Mörder Kern und Fischer, die sich eine Zeit noch in Berlin aufhielten, um sich vom erhofften Aufstand zu überzeugen, erlebten Massenproteste gegen das schändliche Attentat. Enttäuscht irrten sie hernach quer durch Deutschland; Mitte Juli 1922 fanden sie Zuflucht auf der Burg Saal-eck, die dem nationalistischen Schriftsteller Hans-Wilhelm Stein gehörte. Dort wurden sie entdeckt. Beim Schusswechsel mit der Polizei wurde Kern getötet, Fischer erschoss sich danach selbst.

Was hat es nun aber mit der Organisation Consul auf sich? Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch hatte Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt seine berüchtigte Marinebrigade auflösen müssen. Er gründete als legalen Wehrverband den »Bund Wiking«, der etwa 5000 Mitglieder zählte, sowie einen elitären Geheimbund, die Organisation Consul, die sich aus Angehörigen der Offizierskompanie unter Befehl des Kapitänleutnants Manfred von Killinger rekrutierte und sich einem Netzwerk gleich über ganz Deutschland erstreckte. Deren Ziele hatte der badische Staatspräsident Trunk nach der Ermordung des Reichsfinanzministers Matthias Erzberger am 22. September 1921 im Landtag enthüllt: »Verbreitung des nationalen Gedankens, Bekämpfung des Judentums, der antinationalen Weimarer Verfassung und Einsetzung einer nationalen Regierung.« Und der sächsische Ministerpräsident Lipinski zitierte im Dezember 1922 aus den Satzungen der Organisation Consul: »Es können Fälle eintreten, wo entschlossene Männer vorübergehend gebraucht werden, Rädelsführern und Hetzern für alle Zukunft ihr Handwerk unauffällig zu legen ...; man ermordet diese Hunde durch Schuss oder Gift, jedes Mittel ist recht.«

Die Weimarer Justiz wollte jedoch das Bestehen einer Mörderorganisation nicht anerkennen, die hinter den Anschlägen auf Erzberger und Rathenau sowie den Ex-Reichskanzler Philipp Scheidemann stand, der ein Blausäure-Attentat am 4. Juni 1922 knapp überlebt hatte. Sie sah nur »Einzeltäter« am Werk, auf »Abwege geratene Söhne aus gutem Haus«, denen man »vaterländische Motive« zubilligte. Erst im Prozess gegen die Erzberger-Mörder Schulz und Tillessen, den die französische Besatzungsmacht 1947 erzwang, wurde die Organisation Consul als Auftraggeber enttarnt. Schulz gestand, von seinem Vorgesetzten Killinger einen Zettel bekommen zu haben, auf dem stand: »Gemäß der in der Leitung stattgefundenen Sitzung wurden Sie dazu bestimmt, den Reichsfinanzminister a. D. Erzberger zu beseitigen. Die Art der Ausführung bleibt Ihnen überlassen. Vollzugsmeldung ist nicht zu erstatten. Ihr könnt der Unterstützung des Ordens im Fall einer Entdeckung gewiss sein.«

»Consul« Erhardts Rechtfertigung

Nicht viel anders wird bei der Ermordung Rathenaus verfahren worden sein. Im Mai 1922 hatte die entscheidende Sitzung des inneren Rings der Organisation Consul in München stattgefunden; die Aktivisten erhielten ihren Auftrag und handelten dann selbstständig. Geld stand zur Verfügung, ebenso Maschinenpistole und der Wagen.

Noch 1963 leugnete »Consul« Ehrhardt die Existenz einer Mörderorganisation und rechtfertigte die Freikorps, die den Feind »nicht nur im Kommunisten, sondern auch in den internationalen Persönlichkeiten, den Vaterlandslosen, Ehrgeizlingen, den Würdelosen und Verrätern sahen. Diese zu beseitigen, hielten sie für ihre vaterländische Pflicht. Sie bedurften hierzu keiner Mörderzentrale und keiner Befehle. Vielleicht traf es dabei auch mal einen Unrechten, zum Sieben war keine Zeit, und es lag auch diesen Freikorpsmännern nicht.« Die Ermordung Rathenaus war ein Menetekel. Übersteigerter Nationalismus und Antisemitismus waren die Drachensaat, die in der Nazi-Zeit brutal aufging.

Über den einzigen jüdischen Außenminister in der deutschen Geschichte berichtet der neue Film von Eberhard Görner: »Von kommenden Dingen ... Walther Rathenau in Freienwalde« (DVD erhältlich über Tourismus GmbH Freienwalde); Filmvorführung mit dem Regisseur im Industriesalon Schöneweide am 24. Juni (18 Uhr, Reinbeckstr. 9, 12459 Berlin).

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