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Anderthalb Milliarden Tonnen

Das Saarland verabschiedete sich nach 250 Jahren Bergbaugeschichte von der Steinkohle

  • Von Oliver Hilt, Saarbrücken
  • Lesedauer: 3 Min.
Am Wochenende haben sich 10 000 Bürger und 500 Gäste aus Politik und Wirtschaft vom Saar-Bergbau verabschiedet.

Mehr als 10 000 Menschen haben am Samstag auf dem Bergwerk Saar in Ensdorf Abschied vom Saar-Bergbau genommen. Einen Tag zuvor hatten die letzten von insgesamt rund 1,5 Milliarden Tonnen Kohle aus der über 250-jährigen Bergbaugeschichte des Landes den Standort Duhamel verlassen. Bergbaubedingte Erderschütterungen im Februar 2008 hatten das vorzeitige Ende des Bergbaus besiegelt.

Vor einem Volksfest und einer nächtlichen »Mettenschicht« hatten 500 geladene Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Abschied vom Bergbau genommen. In der Belegschaft selbst war dieser Festakt ebenso umstritten wie zwei Wochen zuvor eine »Kabinettssitzung unter Tage« in rund 1700 Metern Tiefe am »Nordschacht«, dem tiefsten begehbaren Punkt Europas.

»Jetzt kommen noch die, die uns beerdigen, zum Schmaus. Das ist schon ein bisschen makaber«, hatte der Betriebsratschef des Bergwerks Saar, Hans Jürgen Becker, die Stimmung der Kumpel wiedergegeben. Aber es gehöre sich nun mal, dass man den Bergbau »anständig verabschiedet«.

Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) verteidigte den Festakt. »Die Politik kann und muss heute hier präsent sein, weil sie die Verantwortung trägt für das, was sie in der Vergangenheit beschlossen hat.« Es sei »kein Tag der Gleichgültigkeit«, betonte sie. Es gehe »sehr viel mehr zu Ende, als die Produktion in einem bestimmten Industriezweig«.

Dass die Meinungen über den Stollen-Stopp höchst unterschiedlich bleiben, wurde auch am Tag des Abschieds klar. »Ich hoffe sehr, dass wir den Verzicht auf die einzige heimische Energiequelle neben der Braunkohle nicht eines Tages bitter bereuen«, sagte RAG-Vorstandschef Bernd Tönjes. Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (BCE) kritisierte das für 2018 in der ganzen Republik beschlossene Ende der Steinkohle: »Wir halten das gerade auch in der aktuellen Energie- und Rohstoffsituation nach wie vor für falsch.«

Als sich der »Kohlekompromiss« 2007 auf das Datum 2018 verständigt hatte, war man im Saarland sicher, bis dahin weitermachen zu können. Das Bergwerk Saar galt als die rentabelste deutsche Förderstätte mit Kosten von nur 90 Euro pro Tonne - fast auf Weltmarktniveau. Die vier Kohlekraftwerke im Land wurden direkt aus der Grube beschickt, ein Vorteil für den Industriestandort. Die Lagerstätten hätten weit über 2020 ausgereicht.

Aber die Lagerstätten unter der Primsmulde sorgten für schwere Erschütterungen, der Rückhalt in der Bevölkerung nahm ab. Nach FDP und Grünen hatte sich schließlich auch die allein regierende Peter-Müller-CDU auf einen Ausstieg festgelegt. 1350 Bergleute wechselten von der Saar nach Ibbenbüren (Nordrhein-Westfalen).

»Der Bergbau geht zu Ende, die RAG bleibt«, sagte Tönjes und sprach von einer »neuen Ära«. Es geht etwa um die Folgenutzung von etwa 2350 Hektar Bergbauflächen, die das Unternehmen teils für Neue-Energien-Projekte nutzen will. Auf der Halde der Grube Lusienthal soll ein »Energiepark« entstehen, für den »Nordschacht« laufen Vorstudien zur Nutzung als Pumpspeicherkraftwerk. Und auf der Bergehalde Ensdorf soll mit der Plastik »Saarpolygon« eine weithin sichtbare Landmarke das Erbe wach halten.

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