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Verweigerte Schweigeminute

London 2012 - Teil drei der »nd«-Serie: Das Attentat während der Sommerspiele in München 1972 ist immer noch ein Politikum

Es sind viele Größen. Aus dem Osten und aus dem Westen. Die deutschen Leichtathleten, die 1972 an den Olympischen Spielen in München teilgenommen hatten, kamen im Juni bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid zusammen, 40 Jahre danach. Damals waren sie gegeneinander angetreten, im Klassenkampf, Sozialismus gegen Kapitalismus, aber sie alle einte: das Attentat. Die Entführung der israelischen Sportler durch eine palästinensische Terrorgruppe namens »Schwarzer September«. Elf Israelis kamen damals ums Leben. »The Games must go on«, proklamierte der US-Amerikaner Avery Brundage, damaliger Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dennoch während der Trauerfeier. Jener Brundage, von dem man heute weiß, dass er ein Judenfeind war, den Ideen des Nationalsozialismus zugeneigt. Die Spiele gingen damals tatsächlich weiter. Aus den Köpfen der Sportler gingen die schrecklichen Ereignisse nie.

Schon in Wattenscheid hatten die ehemaligen Sportler der Israelis gedacht. Sie hatten einen Kranz an der Synagoge in Bochum niedergelegt, zum Gedenken an die Opfer. Die Idee einer öffentlichen Petition, sagt Sylvia Schenk, die 1972 über 800 Meter gestartet war, sei erst danach entstanden. Sie schrieben einen öffentlichen Brief an Dr. Thomas Bach. Die zentrale Forderung war, während der Olympischen Spiele 2012 in London mit einer Schweigeminute an die Opfer zu erinnern.

»40 Jahre danach ist es Zeit für eine große Geste der Olympischen Bewegung«, heißt es in der Erklärung. »Wir schließen uns dem international geäußerten Wunsch nach einer Trauerminute bei den diesjährigen Olympischen Sommerspielen in London an und bitten Sie als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Vizepräsident des IOC und als olympischer Athlet, sich ebenfalls dafür einzusetzen.« 35 Leichtathleten unterzeichneten den Brief. »Inzwischen sind es noch mehr«, sagt Schenk, einige Sportler hätten sich urlaubsbedingt erst später gemeldet.

Die Bitte entspricht der ewigen Forderung von Ankie Spitzer, Witwe des Fechttrainers Andrei Spitzer, der zu den elf israelischen Opfern des Attentats von München gehörte. Spitzer hatte sich schon vor Montreal 1976 beim IOC um eine Schweigeminute während der Eröffnungsfeier bemüht, gemeinsam mit Ilana Romano, der Frau eines getöteten Gewichthebers. Ohne Erfolg. »Damals haben sie uns deutlich gemacht: Da sind 21 arabische Delegationen, die die Spiele verlassen würden, wenn wir etwas über die israelischen Athleten sagen würden«, berichtet Spitzer nun im »Guardian«.

Noch heute ist die Angelegenheit sportpolitisch äußerst delikat für das IOC. Dem israelischen IOC-Mitglied Alex Gilady zufolge kann eine offizielle Trauerminute der olympischen Einheit schaden und »den Boykott einiger Länder begründen«. Und diese Länder aus dem arabischen Raum, etwa aus Katar, sind heute einflussreicher und finanzkräftiger als noch vor 40 Jahren. Womöglich deshalb hat IOC-Präsident Jacques Rogge letzte Woche erklärt, in München habe es bereits eine Trauerminute gegeben, die Eröffnungsfeier in London müsse von »Fröhlichkeit und Heiterkeit« geprägt sein.

»Seit Jahrzehnten sagen sie mir, dass eine Schweigeminute im Protokoll der Eröffnungszeremonie nicht vorgesehen ist«, erzählte die 66-jährige Spitzer. Sie empfindet das als Zynismus. »Es war aber auch nicht im Protokoll vorgesehen, dass mein Mann in einem Sarg heimkommt.« Außerdem weiß sie, dass Eröffnungsfeiern nach 1972 durchaus als politische Bühne missbraucht wurden, etwa bei den Winterspielen 2002, nach dem Anschlag auf das World Trade Center, als US-Sportler eine angebrannte US-Flagge ins Stadion von Salt Lake City trugen. Und die Zuschauer der Opfer des 11. September drei Minuten gedachten. Ohne Protokolländerung.

Und was macht Bach? Der Mann, der sonst an keinem Mikrofon vorbeigeht? Er schweigt. Bei Nachfragen ruft der Pressesprecher zurück. Bach werde den Leichtathleten antworten, aber nicht öffentlich. Alles, was dazu zu sagen sei, stünde auf der Homepage des DOSB. Die Haltung des DOSB sei »in enger Abstimmung mit dem NOK Israels und dem IOC-Mitglied in Israel getroffen«.

Bach lehnt eine Schweigeminute also ab. Darin dürfte auch ein Machtkalkül liegen. Spräche sich Bach für eine Schweigeminute aus, dann würden Kollegen wie der kuwaitische Scheich Ahmad Al Fahad Al Sabah, Chef der Vereinigung der asiatischen Nationalen Olympischen Komitees, Sturm laufen. Und dann wäre die Kandidatur Bachs 2013 bei den Wahlen zum IOC-Präsidenten, von der auch Rogge ausgeht, entscheidend geschwächt.

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