Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Verkaufte Illusionen

Der Berliner Arne Jysch hat den ersten Bildroman über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan veröffentlicht

Der Bildroman »Wave and Smile« (Winken und Lächeln) von Arne Jysch ist eine realistisch gezeichnete und auf Recherchen basierende Einführung in die Lebenswelt der Bundeswehr in Afghanistan und in die politische Gemengelage dort. Mit Arne Jysch sprach RALF HUTTER.
Verkaufte Illusionen

nd: Der Titel »Wave and Smile« steht für ein Motto, das die Bundeswehr am Anfang in Afghanistan verfolgte, als sie der Bevölkerung zuwinken und zulächeln sollte. Diese Zeit kommt in dem Buch aber gar nicht vor. Warum heißt das Buch dann so?
Jysch: Es geht um die tragische Entwicklung dieser Grundidee, freundlich und aufgeschlossen der Bevölkerung gegenüberzutreten. Meine Geschichte fängt 2009 an. Damals kam ja erst der Begriff »kriegsähnlicher Zustand« zustande. Für die Soldaten fühlte sich das aber schon längst wie Krieg an und von Lächeln war da nun weiß Gott kaum noch die Rede.

Sie lassen viele Kritiken am Bundeswehreinsatz zu Wort kommen, aus den Mündern von deutschen und amerikanischen Soldaten ebenso wie von Einheimischen und einer deutschen Zivilistin. Welche dieser Kritiken teilen Sie selbst?
Das sind tatsächlich viele verschiedene Kritiken, die ich da teile. Aber ich bin da auch immer wieder hin- und hergerissen, was jetzt eigentlich das Richtige und was das Falsche ist, und wer da eigentlich wo wie Fehler gemacht hat. Das ist wahnsinnig kompliziert. Das ist eigentlich auch die Quintessenz meiner Recherche. 2007 war ich noch eher optimistisch. Jetzt, wo ich die vielen Probleme und Widersprüche kenne, bin ich doch eher sehr pessimistisch. Es ist einfach zum Verzweifeln, wenn man sich damit beschäftigt. Wenn man sich fragt: Wo soll das hinführen, wie soll das weitergehen?

Die Bundeswehr war ja in eher befriedeten Provinzen eingesetzt, und sollte auch keine Terroristen suchen. Sie hatte also keinen Grund, von vorne herein offensiver aufzutreten. In dem Buch wird vielmehr erklärt, dass die massive Gewalt, die sie dann traf, durch eine Verlagerung des Konflikts aus anderen Landesteilen bedingt war. Hatte die Bundeswehr also gar keine Chance? Musste es so kommen, wie es gekommen ist?
Ja, ich denke schon. Das teile ich insofern, als da vielleicht von vorne herein gelogen wurde. Dass dort nach einem Krieg gegen die Taliban plötzlich alles ganz friedlich sein würde - ich glaube, das war eine Illusion, die einem hier verkauft wurde.

Von wem?
Von der Politik.

Dann hätte die Bundeswehr also doch eine andere Chance gehabt? Sie sagen, die Politiker und alle, die sich vor Ort auskennen, hätten schon wissen können, dass man das von Anfang an nicht als reine Friedenssicherung bezeichnen durfte?
Ja. Die Politiker hätten das wissen müssen. Vielleicht haben sie es verdrängt. Aber ich glaube, dass gerade auch die militärische Führung das hätte wissen müssen. Die vielleicht noch am ehesten.

Sie sagen, dass nur die Lektüre unterschiedlicher Quellen ein halbwegs realistisches Bild von der Situation dort vermittelt. Ihre Quellen haben Sie am Ende des Buches aufgeführt. Welche waren für Sie die wichtigsten?
Am wichtigsten für mich waren sicherlich die Bücher von Achim Wohlgethan und Heike Groos. Die beschreiben aus einer sehr persönlichen Motivation heraus die Zeit zwischen 2001 und 2004.

Achim Wohlgethan war zweimal da im Einsatz. Er beschreibt auch, wie ihn das psychisch beeinflusst hat. Heike Groos beschreibt sehr gut den Moment, wo es für sie gekippt ist, wo für sie aus dem Hilfseinsatz der Krieg wurde. Das war ein Anschlag auf einen Transportbus der Bundeswehr mit sehr vielen Toten.

Ansonsten war es für eine kritische Haltung gegenüber der Bundeswehr sehr spannend, auch englische Bücher zu lesen. Ein sehr wichtiges Buch ist da das von James Fergusson: »A Million Bullets«. Da gibt es ein paar Seitenhiebe auf die Bundeswehr aus Sicht der britischen Soldaten.

Haben Sie auch Kritik an Ihrer Herangehensweise erfahren?
Nein, und darüber bin ich doch sehr erstaunt. Die einzige Kritik, die kam, war, dass vielleicht zu viele Themen angerissen werden. Dabei habe ich sogar noch viel weggelassen, weil es sonst zu viel geworden wäre.

Arne Jysch: Wave and Smile, Carlsen 2012, geb., 208 S., 24,90 EUR.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln