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Ihre Hoheit, der Undankbare

Die Wettiner nehmen ihre Ex-Untertanen in Sachsen erst aus - und beschimpfen sie nun

  • Von Hendrik Lasch, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.

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Unfreundlich und gedrückt - so sieht das designierte Oberhaupt der Wettiner die Sachsen. Die jedoch haben noch von der Raffgier der Adligen die Nase voll und lassen die Vorwürfe abperlen.

Wie erzeugen Adlige eine revolutionäre Situation? Zum Beispiel, indem sie Untertanen verhöhnen. Königin Marie Antoinette riet den darbenden Franzosen einst, wenn sie kein Brot hätten, sollten sie halt Kuchen essen. Die Unverschämtheit führte sie auf die Guillotine. In Sachsen wurden solcherart rabiate Bräuche nie gepflegt; hier straft man impertinente Adlige mit einer anderen Höchststrafe: Sie werden von der Kaffeetafel verstoßen.

Das widerfuhr jetzt Alexander Prinz zu Sachsen. Der 58-Jährige ist der Adoptivsohn des bisherigen Oberhaupts der Wettiner, also des Geschlechts, dessen Ahnen 1089 Markgrafen von Meißen wurden und das an der Macht blieb, bis 1918 König Friedrich August III. den Sachsen empfahl, sie sollten ihren »Dreck alleene« machen. In der gleichen Woche, in der sein Adoptivvater starb und er zum designierten Nachfolger wurde, zog Alexander nun in einem Interview der »Zeit« über die Sachsen her. Es fehle an gutem Benehmen und Sprachkenntnissen, war zu lesen; er konstatierte eine »ruppige und unfreundliche Umgangsart«, die er sich aus »jahrzehntelangem Eingesperrtsein hinter Grenzen« erkläre; auch sei der »liebevolle Geist der Aufbaujahre« verschwunden.

Sollte der Wettiner, der mit seiner Familie meist in Mexiko lebt, derlei unschönes Verhalten an den Sachsen beobachtet haben, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen, dass es seinen Ursprung weniger im Eingesperrtsein haben könnte, sondern eher in der Raffgier von Alexander und Seinesgleichen. Es gehörte zu den unschönen Erfahrungen der Sachsen in den letzten Jahren, dass die Wettiner die Museen in Dresden nicht besuchen, um sich dort an Kunstschätzen zu ergötzen, sondern nur, um ellenlange Forderungslisten zu erstellen.

Das Land war durchaus entgegenkommend: 1999 wurde ein Vertrag geschlossen, wonach das Haus Wettin 6000 Kunstwerke aus den 1945 enteigneten königlichen Sammlungen zurück erhielt und für weitere 12 000 Stück mit elf Millionen Mark entschädigt wurde. Die Adligen beschieden sich nicht damit, sondern nutzen eine Klausel, um in guter alter Tradition aus den vermeintlichen Untertanen noch mehr herauszupressen. So wurde eine Liste mit 7395 Objekten nachgereicht: Skulpturen, Porzellan, Gemälde. Die Sachsen erinnerten daran, dass etwa manche chinesische Porzellanvase nur in den Besitz der Wettiner gelangte, weil diese sie gegen Soldaten eingetauscht hatten. Trotzdem ging das Land auf Forderungen ein - nur um erleben zu müssen, dass einige der Porzellane umgehend bei Auktionen versilbert wurden.

Dennoch kümmerten sich die Sachsen aus alter Anhänglichkeit weiter um ihre Adligen, namentlich um Prinz Alexander. Der wurde 2003 von der Staatsregierung unter Georg Milbradt als »Ansiedlungsbeauftragter« bestallt; später firmierte er als Sonderbeauftragter und Berater. Binnen vier Jahren erhielt er 400 000 Euro an Honoraren - für eine »mehr als umstrittene Amtsbilanz«, sagt Holger Zastrow, der FDP-Fraktionschef.

Beim liberalen Bürgertum, das Zastrow vertreten will, fand man das ungerechtfertigt und hat nach den jüngsten Beschimpfungen die Nase endgültig voll. Sollte es überhaupt noch ein »aus der Historie stammendes ideelles Band« zwischen Wettinern und Sachsen gegeben haben, donnert Zastrow, so sei es »jetzt zertrennt«. Der Wettiner habe offenbar ein Problem damit, dass sich Sachsen gut entwickle - »und das ohne Fürst und König«.

Für die seit jeher alles andere als königstreuen Sozialisten erklärte LINKE-Landeschef Rico Gebhardt, jetzt sei das »Tischtuch zerschnitten« - vulgo: Verbannung von der Kaffeetafel. Der Wettiner, so Gebhardt, solle in Mexiko seinen Geschäften nachgehen; die Sachsen blieben, wie Mundartdichterin Lene Voigt formulierte: »helle, heeflich, heemdiggsch«.

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