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Kleine Ausfahrt ins Milliardengrab

Erstmals fährt ein Zug durch den Leipziger Citytunnel - für 3500 Baustellentouristen

  • Von Hendrik Lasch, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.
In einem Tunnel sollen bald Züge die Innenstadt von Leipzig unterqueren. Das teure Projekt liegt Jahre hinter dem Zeitplan. Zu einer Besichtigung strömten die Bürger jetzt in Scharen.

Der Leipziger Kabarettist Jürgen Hart besang einst eine etwas morbide Leidenschaft. »Der schönste Platz, den ich auf Erden hab«, bekannte er in einem Lied, »das ist der Schaukelstuhl vor meinem Grab.« Nicht im Schaukelstuhl, sondern im Pendelzug besichtigten rund 3500 Leipziger am Wochenende ein Grab der anderen Art: das Milliardengrab Citytunnel. Der ist etwas teurer als die Gruft, die sich Hart von einer Feierabendbrigade für 30 000 Mark mauern ließ: Der Tunnel kostet laut offiziellen Zahlen 960 Millionen Euro. Geplant waren einst nur 466 Millionen.

Auf dem umgebauten Bauzug, der die Neugierigen im Halbstundentakt durch die 1,4 Kilometer lange Röhre chauffierte, wurde die Kostenexplosion mit Schulterzucken kommentiert: »Es ist ja üblich, dass solche Projekte heruntergerechnet werden, bis sie genehmigt sind«, meinte ein Fahrgast - das Gespräch landete umgehend bei der Hamburger Elbphilharmonie und dem Berliner Großflughafen. Mit beiden Vorhaben gemein hat der Leipziger Tunnel auch den enormen Bauverzug: Das 2002 begonnene Projekt soll Ende 2013 und also vier Jahre später als geplant in Betrieb gehen.

Aus dem Kino ist bekannt, dass Verzögerung die Spannung in die Höhe treibt. Die Passagiere waren am Wochenende sehr gespannt - und zollten den Ingenieuren und Bauleuten durchaus Respekt. Binnen sieben Minuten durchfuhr der eigens mit Bänken ausgestattete, oben offene Bauzug die Betonröhre, die von einer riesigen Baumaschine namens »Leonie« knapp unter den Fundamenten des Bildermuseums und anderer Gebäude der Innenstadt in den Grund gefräst und ausbetoniert worden war. Auf der kurzen Strecke werden immerhin vier Bahnhöfe passiert, deren Wände in Altenburger Kalkstein und Terrakotta aus Portugal gehalten oder mit Glasziegeln und Alupaneelen verkleidet sind. Noch hängen viele Kabel von den Wänden, auf den Bahnsteigen stapeln sich Blechteile für die Lüftung, Decken und Säulen sind teilweise nicht verkleidet. Zu ahnen ist immerhin, dass unter Leuschnerplatz und Markt unterirdische Hallen entstanden sind: »Andere U-Bahn-Stationen«, preist während der Fahrt ein Gästeführer, »wirken nicht so groß und hell«.

Von einer U-Bahn reden spöttisch auch manche Leipziger - und zwar von der kürzesten der Welt. 5,4 Kilometer misst inklusive der Zufahrten die gesamte Strecke, mit der Hauptbahnhof und Bayrischer Bahnhof - beides Kopfbahnhöfe - verbunden werden. Von einer solche Nord-Süd-Verbindung träumten manche Planer schon vor 100 Jahren. Weil sie nie realisiert wurde, müssen die Züge bisher bei einem Halt in Leipzig die Richtung wechseln und in einem Bogen um die Stadt herumfahren. Für ICE-Züge wird das auch weiter gelten: Die Schnellverbindung von Hamburg über Berlin nach München wird entgegen mancher Leipziger Hoffnung trotz des Tunnels durch den Thüringer Wald und nicht das Vogtland geführt. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2013 sollen wenigstens die Regionalzüge durch die Röhre rollen. Diese werde »Herzstück eines neu organisierten S-Bahnnetzes in der Region«, hieß es. Im Fünfminutentakt sollen Züge im Tunnel verkehren und Passagiere aus Halle, Altenburg und Bitterfeld bis zur Oper oder den Einkaufsgassen der Stadt bringen. So sollen, hofft man, tausende Autofahrten entfallen.

Ob der Plan aufgeht, ist offen: Schon jetzt ist das kompakte und verkehrsberuhigte Leipziger Zentrum besser erreichbar als viele Innenstädte. Umstritten ist aber vor allem, ob Kosten und Nutzen in einem auch nur annähernd angemessenen Verhältnis stehen. Um die stetig steigenden Mehrkosten für den Tunnelbau zu kompensieren, streicht das Land die Fördergelder für den Nahverkehr in ganz Sachsen zusammen. Die LINKE in Leipzig spricht von einem »reinen Prestigeprojekt«. Verkehrsplaner warnen, dass zwar das Bahnnetz in der Stadt verbessert, gleichzeitig aber viele bisherige Fahrgäste vom Netz abgeschnitten würden.

So dürfte es manchem Passagier im Tunnel wie Jürgen Hart vor seiner Gruft ergehen: »Ja da sitz' ich ein und gedenke mein«, sang dieser, »und ich wein' und wein und wein'...«

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