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Der Turner mit den grauen Schläfen

Der Bulgare Jordan Jowtschew erreicht mit 39 Jahren noch einmal das Finale an den Ringen

  • Von Oliver Händler, London
  • Lesedauer: 3 Min.

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Jordan Jowtschew sieht nicht aus wie ein Superstar. Er ist ein kleiner Mann mit ergrautem Haar, und doch läuft ihm in London eine kleine Schar enthusiastischer Fans hinterher. Die gehört ungewöhnlicher Weise zur Gilde der Journalisten. 39 Jahre ist der einzige bulgarische Turner von Weltniveau mittlerweile alt. Dies sollen endgültig seine letzten Spiele sein. Doch es ist nicht das erste Mal, dass er das sagt.

Als ein älterer dicker Bulgare am Samstagabend nach der Qualifikation die armen Freiwilligen in den Katakomben noch anbrüllte, ihm den falschen Weg in die Mixed Zone gewiesen zu haben - er hätte Jowtschew ja verpassen können -, stand eine junge Landsfrau schon am richtigen Gitter und wartete auf ihren Helden: »Wir lieben ihn so sehr. Jordan ist der Beste und so ein netter Mann«, sagt sie.

Zumindest das Letzte stimmt noch. Als Jowtschew endlich kam, beantwortete er minutenlang geduldig ihre Fragen, bevor er auch noch die englischsprachigen Kollegen versorgte. »Ja, diesmal höre ich wirklich auf.« »Wirklich?« »Ich bin mir zu 99 Prozent sicher«, sagt Jowtschew, und man glaubt, einen Hoffnungsschimmer in den Augen der Kollegin zu erkennen. Schon nach Athen und Peking hatte er vom nahen Rücktritt gesprochen und dann doch noch einen Zyklus drangehängt.

Der Beste ist Jowtschew aber nicht mehr, auch wenn er sich kurz zuvor an seinem einzigen Gerät, den Ringen, als Achter gerade noch einmal für das Einzelfinale am nächsten Montag qualifiziert hatte. »Ich bin überglücklich. Aber wenn man realistisch ist, war es das dann auch. Viel mehr als das geht nicht mehr, auch wenn man irgendwie immer auf eine Medaille hofft.« 2001 war sein bestes Jahr, als er Weltmeister an den Ringen und am Boden wurde, dazu kam Bronze im Mehrkampf. 2003 war er nochmals Weltmeiser an Boden und Ringen. Die letzte Medaille liegt jedoch schon drei Jahre zurück.

Geht es nach Jowtschew, hat er bereits alles erfüllt, wofür er nach London kam. »50 Prozent meiner Pflichten war gutes Turnen heute, die anderen 50, die Fahne zu tragen.« Zum Ende der Karriere ehrten ihn die Bulgaren damit, ihre Mannschaft am Freitagabend ins Olympiastadion führen zu dürfen. Diesmal glauben wohl auch die Oberen im NOK, dass Jowtschew aufhören wird. In gewisser Weise gehört er selbst schon zu jenen Oberen. Jowtschew leitet mittlerweile den bulgarischen Turnverband, und hat daher nur noch Zeit, sich im Training auf ein Gerät zu konzentrieren.

»Außerdem fällt mein Körper auseinander«, sagt der Mann, der so fit wirkt wie ein 20-jähriger, wenn man ihm nicht ins faltige Gesicht mit dem grauen Drei-Tage-Bart schaut. »So viel Spaß macht Turnen dann auch wieder nicht. Es tut doch sehr weh.« Die Erkenntnis kann auch schon viel früher im Leben kommen. Hinter Jowtschew steht Philipp Boy. Der nd-Sportler des Jahres verletzte sich schon beim ersten Gerät und humpelte dann chancenlos durch den Wettkampf. Der Vizeweltmeister im Mehrkampf der vergangenen zwei Jahre verpasste alle Einzelfinals und weinte nun. »Persönlich ist Olympia schon gelaufen für mich. Ich hoffe, meinem Fuß geht es im Teamfinale (heute 17.30 Uhr, d. Red.) besser, denn die Mannschaft braucht meine Übungen«, schluchzte Boy. Nach den medizinischen Tests steht sein Start aber fest. Wenigstens eine Medaille kann er also noch erreichen.

Jordan Jowtschew wird dann nicht dabei sein. Ein bulgarisches Team gibt es nicht in London. »Das ist mein nächstes Ziel«, sagt er. Da sprach schon der Funktionär, nicht mehr der Athlet. Die Kollegen auf der anderen Seite des Gitters werden es nicht gerne hören.

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