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Der geistige Vater der neoliberalen »Schock-Therapie«

Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman wäre heute 100 geworden

»Die Gesellschaft, die Gleichheit vor Freiheit setzt, wird ohne beides enden. Die Gesellschaft, die Freiheit vor Gleichheit setzt, wird beides im Übermaß erhalten.« Das war einer der Leitsätze, die der heute vor 100 Jahren geborene Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman zu seinem Lebensmotto erhoben hatte. Er galt als der wichtigste Gegenspieler seines Kollegen John Maynard Keynes. Auch mit einem weiteren Leitmotto hat sich Friedman viele Freunde und Feinde gemacht: »Die soziale Verantwortung der Unternehmen ist es, ihre Profite zu vergrößern«, schrieb er 1970 in der »New York Times«.

Die einen hielten und halten ihn für den Retter des freien Marktes, für die anderen ist er der Totengräber des Sozialstaates. Als Sohn jüdischer Einwanderer aus Ungarn in New York wuchs Friedman in armen Verhältnissen auf. Der begabte Schüler begann bereits im Alter von 16, Mathematik und später Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Für die Weltwirtschaftskrise von 1929 machte er schon bald die »staatliche Misswirtschaft« verantwortlich, ebenso wie für spätere Wirtschaftskrisen.

Friedmans Monetarismus war direkt gegen die Beschäftigungspolitik von Keynes gerichtet, der Wirtschaftskrisen mit öffentlichen Konjunkturprogrammen entgegen treten wollte. Hingegen setzte sich Friedman für eine strikte Haushaltspolitik und Begrenzung der Geldmenge ein. Damit sollte die Inflation bekämpft werden, die er mit Alkoholismus verglich.

Heute ist er einer der meistzitierten Wirtschaftswissenschaftler und wird zusammen mit Friedrich August von Hayek als Wegbereiter des neoliberalen Projekts bezeichnet. Für sein Werk, das mehr als ein Dutzend Bücher umfasst, erhielt Friedman 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Mit seinen Theorien und als Berater beeinflusste Friedman den Umbau der Wirtschaftssysteme in den USA unter Ronald Reagan und in Großbritannien unter Margaret Thatcher. »Es gibt keine Alternative zum Kapitalismus«, war der von Friedman übernommene Leitspruch der »Eisernen Lady«.

Aber schon Anfang der 70er Jahre konnten sich Friedmans Ideen einem ersten Praxistest unterziehen: nach dem blutigen Militärputsch von Augusto Pinochet in Chile. Friedman, der drei Jahrzehnte an der Universität von Chicago lehrte und sie zu einem Zentrum des Neoliberalismus gemacht hatte, war Mentor der berüchtigten »Chicago-Boys«. Auf deren Rat hin ließ der Militärdiktator die Staatsausgaben drastisch kürzen, Bildung, Gesundheit und Renten privatisieren, die Gewerkschaften entmachten und das Land für ausländische Konzerne öffnen.

Von seiner »Schock-Therapie«, wie Friedman die drastischen Einschnitte nannte, profitierte die alte Ober- und die neue Mittelschicht sowie US-Konzerne - die Mehrheit der Bevölkerung verarmte jedoch. Weder bei seinem Besuch 1975 noch in seinem anschließenden Brief an den Diktator erwähnte er die Menschenrechtsverletzungen des Regimes, das seine Wirtschaftstheorie umsetzte. »Ihre Maßnahmen gegen diesen Trend waren extrem weise«, gratulierte er Pinochet für die Zurückdrängung des Sozialismus.

Milton Friedmans Vision war es, sämtliche Bereiche der Gesellschaft dem Prinzip der Marktwirtschaft zu unterwerfen, einschließlich der Bildung bis hin zu Grundschule und Kindergarten. Die Macher des Dokumentarfilms »The Corporation« gruben 2003 sogar Material über einen Friedman-Chor aus, in dem der Nobelpreisträger sich selbst feiern und seinen Privatisierungswahn intonieren ließ.

In der westlichen Welt ist heute zu beobachten, wohin diese Politik geführt hat; in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Armut nie zugenommen - und der Reichtum hatte sich nicht in der Hand von so wenigen konzentriert. Eines muss jedoch hinzugefügt werden: Die westliche Wirtschaft und die ihr genehmen Politiker haben zwar sehr viel von Friedman’s Theorien nachgebetet und umgesetzt - aber nicht alles: So hatte er sich dafür eingesetzt, dass Banken 100 Prozent ihrer Einlagen als Sicherheit bei der Zentralbank hinterlegen müssen.

Milton Friedman starb 2006 - zwei Jahre, bevor die größte Wirtschaftskrise seit 1929 die Welt erschütterte.

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