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Krieg in der Diaspora

Auch Syriens Palästinenser wollen kämpfen, aber nicht gegen Assad

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Eine halbe Million Palästinenser leben in Syrien. Der Großteil von ihnen ignoriert die Proteste im Land: Aus Dankbarkeit zu ihrem Gastherren. Aus Angst vor Repressionen. Vor allem aber, weil trotz 60-jähriger syrischer Diaspora immernoch Palästina der Ort für ihren Befreiungskampf sein soll.
Blick in die Straßen des Flüchtlingslagers Jarmuk
Blick in die Straßen des Flüchtlingslagers Jarmuk

16 Leichen änderten für eine halbe Million Menschen alles. Nahe der syrischen Stadt Idlib fand man die Männer, die einen Tag zuvor von Rebellen aus einem Bus entführt worden waren. Nun liegen sie aufgereiht am Rand einer staubigen Schnellstraße, ihre zerrissene Kleidung durchtränkt mit dem Blut aus ihren durchschnittenen Kehlen.

Die Unruhen in Syrien, der Tod von Tausenden Menschen seien »nicht seine Sache«, war sich vor dem 12. Juli auch Nidal Said* sicher. Vor 26 Jahren wurde Nidal im Süden von Damaskus geboren. Seitdem lebt er dort. Seine weiteste Auslandsreise führte ihn in das 50 Kilometer entfernte Libanon. Sein Wohnort ist das Flüchtlingslager Jarmuk, seine Heimat die heute israelische Stadt Haifa. Nidal ist einer von 155 000 palästinensischen Bewohnern des Lagers, einer von 486 000 Palästinensern in ganz Syrien, von denen viele hofften, die syrische Revolution möge sie vergessen. Ihre Hoffnung starb mit den 16 Mitgliedern der »Palästinensischen Befreiungsarmee« - einer Art palästinensischen Paradetruppe innerhalb der syrischen Armee.

Untergegangene Insel der Normalität

Seit ihrem Tod demonstrieren auch in Jarmuk die Menschen. Einige Hundert zogen am 12. Juli durch die Straßen und protestierten gegen ihre Funktionäre, die es nicht schafften, sie vor dem Terror der syrischen »Revolution« zu schützen. Eine Tankstelle ging in Flammen auf. Palästinensische Sicherheitskräfte schossen in die Menge. Tausende trugen neue Tote zu Grabe und griffen die Sicherheitskräfte an. Die Spirale aus Protesten, Tod und größeren Protesten hatte das Lager erreicht.

»Wir wollten nicht demonstrieren! Es geht uns doch gut in Syrien«, sagt Nidal, der in einem Rohbau in den engen Gassen des Lagers lebt. 1957 wurde das Lager gegründet, um den im Umland verstreuten Flüchtlingen ein dauerhaftes Zuhause zu geben. Heute ist es längst von den Grenzen der Stadt umschlungen. Syrische Handelsketten führen hier Geschäfte. Nur seine Lebhaftigkeit hebt Jarmuk von anderen Stadteilen ab. Jarmuk galt lange als Insel der Normalität in einem im Chaos versunkenen Syrien. Als in Nachbarvierteln wie Maydan und Tadamon Anwohner demonstrierten und Soldaten schossen, gedachten Palästinenser wie in jedem Jahr ihrer Enteignung durch Israel. Vielen galt das Lager, in dessen eng betonierten Gassen Syrer und Palästinenser längst gemeinsam leben, als Vorbild des friedlichen Zusammenlebens. Doch als das galt Syrien ja einst auch selbst.

Etwa 2000 Syrer haben seit Beginn der Unruhen Zuflucht bei ihren palästinensischen Nachbarn gefunden. Spontan gründeten sie Komitees, die sich um Unterkunft und Versorgung der Gäste kümmern. Moscheen und Schulen wurden zu Matratzenlagern, Familien räumten ihre Gästezimmer frei. »Doch mit den Flüchtlingen kamen auch die Kämpfe«, beklagt sich Yasser Saadeh. Der Mann, dessen Stimme einschüchtert, als könne er die Unruhen mit einem Machtwort beenden, arbeitet in einem der Bürgerbüros der »Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando« (PFLP-GC). Die einstige Widerstandsgruppe ist heute eine Art kommunale Wohlfahrtsanstalt, inklusive eigener Sicherheitskräfte.

Plakate der PFLP-GC-Führer kleben auch an den Wänden von Nidals Schlafzimmer. Die meisten von ihnen fanden im Kampf den Tod oder erwarten ihn hinter israelischen Gefängnismauern. Trotzdem stehen sie für junge Männer wie Nidal auch in Syrien für die Zukunft ihres Befreiungskampfes. Zwischen ihren Köpfen stehen mit Filzstift geschriebene Widerstandsparolen und wehmütige Heimatlyrik des palästinensischen Nationaldichters Mahmud Darwish. Vertreter der syrischen Demokratiebewegung finden sich hier nicht.

Auch ein gastfreundlicher Despot bleibt ein Despot

»Netanjahu und Lieberman sind unsere Assads«, sagt der sonst schüchterne Nidal plötzlich auffällig selbstbewusst. Nidals revolutionäres Erweckungserlebnis fand vor einem Jahr auf den Golan-Höhen statt. Während sich im syrischen Daraa schon Zehntausende gegen Assad versammelten, starben dort 23 Menschen durch israelische Gewehrkugeln. »Wir glaubten, wir könnten etwas bewirken. Doch es endete wie immer«, sagt Nidal, bevor er bittet, das Thema zu wechseln. Es war die letzte Demonstration, an der er teilnahm, und vorerst das letzte Mal, dass israelische und nicht syrische Soldaten auf demonstrierende Syrer schossen.

»Wir werden Palästina nicht gegen Assad befreien«, sagt Nidal. Doch das ist nicht der einzige Grund, für die Tatenlosigkeit der Palästinenser. Sie genießen in Syrien so viele Rechte wie in keinem anderen Land der Region. Formell sind sie seit 1957 mit Syrern gleichberechtigt. Kein Zaun trennt das Lager von der restlichen Stadt, keine Aufenthaltsbeschränkungen die Palästinenser von der übrigen Bevölkerung. Dass Palästinenser frei reisen, heiraten und arbeiten können, ist in Nahost einmalig.

In seltener Einigkeit rufen alle palästinensischen Fraktionen seit Beginn der Unruhen immer wieder dazu auf, sich nicht in »syrische Angelegenheiten« einzumischen. Doch dass auch ein privilegierter Flüchtling ein Flüchtling, auch ein gastfreundlicher Despot ein Despot bleibt, zeigt Nidals auffällig leere Wohnung. Über zwei Etagen und vier Zimmer erstreckt sie sich - zu groß für einen 26-jährigen Studenten.

60 Jahre nachdem Nidals Großeltern vor israelischen Soldaten aus Haifa flohen, entkamen seine Eltern dem syrischen Geheimdienst nach Norwegen. »Sie haben Kritik geäußert«, mehr will Nidal nicht preisgeben - aus Angst um ihr Wohlergehen und um seine Ausreise, auf die er seit fünf Jahren wartet. Solange studiert er an einer libanesischen Fernuniversität Journalismus und engagiert sich in einer Studentengruppe des PFLP-GC. Hier organisiert er Lesungen über und Proteste gegen die israelische Besatzung: Weil Palästina eben seine Heimat sei, sagt er, und weil es in Assads Syrien sonst kaum Möglichkeiten des politischen Engagements gebe.

Nichts mehr zu gewinnen als ein Leben als Flüchtling

Welche Konsequenzen Palästinenser für Kritik an Assad zu spüren haben, weiß Yasser Shalabi*. Seit sechs Monaten lebt er mit 24 Stunden Neonlicht, einer Mahlzeit täglich und der völligen Ungewissheit über seine Zukunft. Zusammen mit 80 bis 100 Häftlingen wartet er im Damaszener Abschiebegefängnis von Bab Musala auf seine Ausweisung. Kaum einer ist unter ihnen, der nicht Opfer von Folter wurde. Die Kontrolle im Gefängnis haben die Palästinenser, nicht nur weil sie die meisten Insassen stellen, sondern auch weil sie am längsten da sind. »Wohin sollen sie uns denn abschieben?«, fragt Shalabi, dessen letzte Hoffnung Asyl in Malaysia ist. Die Aufrufe der palästinensischen Führung, sich nicht an den Protesten zu beteiligen, verurteilt er als »Regimepropaganda.« Die Palästinenser würden vor lauter ritualisierter Revolutionsattitüde die wahre Revolution den Salafisten überlassen.

Mittlerweile gehören auch in Jarmuk ausgebrannte Fahrzeugwracks zum Stadtbild. Die sich aus desertierten syrischen Soldaten ebenso wie aus ausländischen Söldnern und salafistischen Kämpfern zusammensetzende »Freie Syrische Armee« erklärte palästinensische Funktionäre, die auf Seiten des Regimes stehen, zu »legitimen Zielen«. »Sie haben es geschafft, uns den Konflikt aufzuzwingen«, sagt Yasser Saadeh.

Nidal hofft, im Herbst nach Norwegen ausreisen zu können. Zuvor will er aber noch einmal demonstrieren: Im Zentrum von Damaskus wird er mit Tausenden anderen Palästinensern am 18. August die »Befreiung« Jerusalems fordern. In Protesten für oder gegen Assad sieht Nidal keinen Sinn: »Was haben wir gegen Assad zu gewinnen außer ein Leben als Flüchtlinge?«

*Namen auf Wunsch geändert

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