BLOGwoche: Wikipedia und das Kreuzsymbol

(...) Björn Beck von der jüdischen Gemeinde Wiesbaden hat darauf hingewiesen, dass in Wikipedia die Todesdaten auch von Juden und Jüdinnen mit einem Kreuzessymbol dargestellt werden (zum Beispiel bei Regina Jonas - der ersten in Deutschland praktizierenden Rabbinerin, die 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, d. Red.). Und dass das aus jüdischer Sicht sehr problematisch sei.

Problematisch nicht unbedingt deshalb, weil das Kreuz ein speziell christliches »Logo« ist, sondern weil die Kreuzigung damals ein Symbol der Ausstoßung aus dem Volk Israel war. Einen Juden, eine Jüdin am Kreuz sterben zu lassen, war also nicht einfach nur eine Form der Hinrichtung, sondern »eine unglaubliche Demütigung«, wie Beck es sagte. Aus jüdischer Sicht ist es deshalb nicht möglich, das Kreuz einfach als neutrales Symbol zu sehen, denn es ist nicht »fremd« und ein Symbol von anderen, das einen selbst nichts angeht (wie zum Beispiel für Buddhisten), sondern ein bereits mit einer anderen Bedeutung als der christlichen besetztes Symbol. Ich hatte das zwar mal irgendwann im Theologiestudium gelernt, aber mir die alltagsrelevanten Konsequenzen ehrlich gesagt gar nicht so klar gemacht.

Jedenfalls finde ich, dass es wirklich nicht geht, zum Beispiel bei Rabbinerinnen in Wikipedia das Todesdatum mit einem Kreuz zu markieren. Vor allem war ich wirklich überrascht, dass das in Wikipedia tatsächlich so gehandhabt wird, ich dachte wohl, der Atheismus wäre schon verbreiteter, als er ist. (...)

Als Christin finde ich es übrigens auch nicht gut, dass das Kreuz zum Synonym für Tod geworden ist. Das ist noch Auswuchs der sehr problematischen Interpretation des damaligen Geschehens, die ungefähr im 11. Jahrhundert entstanden ist, wonach Gott Jesus quasi stellvertretend »für uns« ans Kreuz geschickt hätte. Hat er nicht, das waren die Römer. Und wir müssen uns deshalb nicht schuldig fühlen. Die feministische Theologie hat das schon lange problematisiert, so richtig wurde es mir aber erst klar, seit ich das Buch »Saving Paradise« lese, in dem die Autorinnen zeigen, dass in den ersten zehn Jahrhunderten Christentum die Kreuzigung keine zentrale Rolle gespielt hat.

Die Autorin ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin und lebt in Frankfurt am Main; zum Weiterlesen: www.antjeschrupp.com

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