Ende ohne Einsicht

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

Ein alter Mann vor Gericht. Angeklagt wegen der Mauertoten. Entschlossen, sein Lebenswerk zu verteidigen. Erich Honecker Ende 1992: nicht mehr der Staatsmann, der er noch gern sein wollte; aber auch nicht der Bürger, der er hätte sein können. Bürger Honecker - diese Worte sperren sich gegeneinander.

Die Umstände halfen ihm, nötigten ihn vielleicht sogar, auf dem Sockel zu verharren. Im Herbst 1989 von den eigenen Genossen entmachtet, bevor es das Volk tun konnte, stand er plötzlich auf der Straße. Eben noch mächtigster Mann im Staate, nun ohne Obdach; der letzte Paria. Hin und her gestoßen, nach Moskau geflohen, wieder abgeschoben - ins Gefängnis von Moabit, wo er schon in der Hitler-Zeit saß. Eine Anklage wegen vielfachen Totschlags, beruhend auf einer fragwürdigen Rechtskonstruktion. Ein scharfer Richter, der dennoch um ein Autogramm bettelte, ein boulevardgeiler Nebenkläger, hämische Reporter. Da ist es schwer, richtige Schlüsse zu ziehen, falsche Vergleiche zu meiden.

Honecker im Gerichtssaal: gebeugt, aber um Haltung bemüht; todkrank, um seine Würde ringend. Keine Frage beantwortend. Nur eine Erklärung gab er ab, eine Art Vermächtnis, in dem er sich in eine Reihe stellte mit Marx, Bebel, Liebknecht - alle verfolgt von der Reaktion. Und nun auch er, dem zu den Toten an der Grenze wenige Worte über eigene Verantwortung in den Text geraten; an den Rand geschoben von weltpolitischen Exkursen. Kein Gedanke darüber, warum so viele raus wollten aus diesem Sozialismus. Honeckers letzte Worte in Deutschland: ein Ende ohne Einsicht.

Wolfgang Hübner beobachtete den Politbüro-Prozess.

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