Schmerz, Kälte

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Anfang 1988 sollten FDJ-Aktivisten von Erich Honecker empfangen werden. Waches Warten auf den ideologischen Vergatterungsakt. Nicht übertrieben: Wir waren in Hochstimmung. Seltsamerweise: stundenlanges Warten. Geduld tat ihr Werk; wir blieben, wie immer, auf unseren Plätzen. Bis der Entscheid kam: Der Termin fällt aus. Keine Angabe von Gründen. Es war der Tag, an dem Honeckers zweijährige Enkelin starb. Viel später erst sickerte die Nachricht durch.

Dieser Morgen erzählt vom Seelendruck der sogenannten großen Sache: Der Kommunist kommt nicht, tiefste Erschütterung treibt ihn zur Absage, aber er verbietet sich, schon gar vor Anderen, das unumwundene Geständnis, vom Schicksal überwältigt zu sein. Die hauptberufliche Selbsthärte: nichts nach außen dringen lassen - Tugend der Kommunisten. Nötig in jenem grausamen Jahrhundert. Sie wurde zur Not, dann zur Tragödie jener Erkaltung, die von den Menschen wegführte.

Bis alles unbegreiflich wurde. Als sich im Oktober 1989 der Fackelzug der FDJ zum 40. Jahrestag der DDR in den Berliner Straßen formierte, da wurden die Marschierenden von der Leitung des Jugendverbandes ermuntert, vor der Tribüne das zu skandieren, was ihnen am Herzen lag. Und so schallte es dort, wo Honecker neben Gorbatschow und den anderen Parteichefs stand, ununterbrochen herzlich hinauf: »Gorbi, Gorbi!«. Honeckers Reaktion: Frost im Gesicht. Zittrige Handbewegungen zur Menge hin, um von der Peinlichkeit abzulenken.

Die Regungslosigkeit des noch Regierenden war natürlichste Regung eines zu Recht Überraschten. Er erkannte uns nicht mehr, aber quasi dement waren wir: plötzlich kein Gedächtnis mehr, dass wir eben noch dem nackten Kaiser zum Munde gingen? Und seine Kleider in Hymnen zusätzlich vergoldet hatten? Treue kann der wahre Beginn eines Verrats sein. Soldatischer Geist ist es, der Sekretäre zu Generälen erhebt.

Hans-Dieter Schütt war von 1984 bis 1989 Chefredakteur der Zeitung »Junge Welt«.

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