Die meisten Täter sind Nazis

Experten warnen davor, das Problem des Antisemitismus bei Migranten abzuladen

Vertreter jüdischer Organisationen fordern ein verstärktes Engagement gegen Antisemitismus. Initiativen verweisen auf die prekäre Situation von Bildungsprojekten.

Der Überfall auf einen Rabbiner in Berlin hat eine Diskussion über stärkeres Engagement gegen Antisemitismus ausgelöst. Vermutlich waren es vier arabischstämmige Jugendliche, die den 53-Jährigen am Dienstag vor den Augen seiner kleinen Tochter krankenhausreif geschlagen haben. Der Zentralrat der Juden fordert nun von muslimischen Verbänden mehr Engagement gegen Antisemitismus: »Worte des Mitgefühls sind schön und ehrlich gemeint. Aber Taten wären auch wichtig.« Experten warnen jedoch davor, Antisemitismus vor allem als Problem von Muslimen abzuschieben. »Mehr als 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten werden von Rechtsextremisten begangen«, betont Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin gegenüber »nd«. Antisemitische Einstellungen seien zudem weit in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft verbreitet. Wetzel, die auch an einem im Januar vorgestellten Expertenbericht über Antisemitismus in Deutschland mitgearbeitet hat, geht von einem »Bodensatz« von 15 bis 20 Prozent aus.

Behörden registrierten zuletzt einen Rückgang antisemitischer Straftaten von 1268 im Jahr 2010 auf 1239 im vergangenen Jahr. Auch die Gewalttaten verringerten sich von 37 auf 29. Deutlich mehr Friedhofsschändungen, Schmierereien an jüdischen Einrichtungen, Hetzreden und körperliche Angriffe hatte es 2002, 2005 und 2006 gegeben. Damals zählten die Behörden zum Teil über 1800 Delikte.

Jüdische Gemeinden in Deutschland haben dennoch das Gefühl, dass ihnen eine zunehmend aggressive Stimmung entgegenschlägt. Tägliche Hetznachrichten im Posteingang, das umstrittene Beschneidungsurteil, der Hass, der sich in der Debatte um das Grass-Gedicht in Kommentarspalten Bahn brach, tragen zur Verunsicherung bei. Der verletzte Rabbiner gibt an, er sei schon häufiger als Jude angepöbelt worden. In Berlin sind dieser Tage neue Drohungen an Litfaßsäulen aufgetaucht.

Die Jüdische Gemeinde in Berlin rät ihren Mitgliedern, künftig nicht mehr mit Kippa auf die Straße zu gehen. Im Friedenauer Kiez, in dem die Familie des Rabbiners zu Hause ist, wurde eine Bürgerinitiative zur ihrer Unterstützung gegründet. Mehrere Organisationen wollen am Sonntag in der Nähe des Tatortes ein Zeichen der Solidarität setzen.

Antisemitismusforscherin Wetzel fordert zudem eine bessere Ausbildung von Lehrern. Nach antisemitischen Beschimpfungen auf dem Schulhof sei die Reaktion meist der Besuch einer Gedenkstätte. Das sei zwar gut gemeint, helfe indes nur bedingt: »Die Vermittelung der Geschichte des Holocausts ist notwendig. Sie ist aber zu wenig, um auf aktuelle Fälle zu reagieren«, sagt Wetzel. Wirkungsvoller sei, mit den Schülern über den Nahostkonflikt zu reden.

Die Wissenschaftlerin unterstützt aber auch den Anspruch von Initiativen, die außerschulische Bildungsarbeit strukturell abzusichern. Anne Goldenbogen forderte gestern gegenüber »nd«, eine verstärkte Förderung der Programme gegen Antisemitismus und Rassismus. Die Politologin hat 2003 die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (Kiga) gegründet, die intensiv mit Jugendlichen in dem migrantisch geprägten Stadtbezirk arbeitet. Abgesehen von der Befristung der Förderung macht den Projekten vor allem zu schaffen, dass sie inzwischen die Hälfte ihrer Gelder selbst auftreiben müssen. »Viele gute Projekte sind durch die Kürzung der Zuschüsse durch den Bund auf der Strecke geblieben«, kritisiert Goldenbogen.

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