Werbung

Gendermedizin macht Schule

Männer und Frauen ticken anders, in Berlin gibt es deshalb getrennte Gesundheitszentren für sie

  • Von Ulrike von Leszczynski, dpa
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Frauen sind anders. Männer auch.« Stephanie Krüger lächelt verschmitzt bei diesem Satz. Für die Chefärztin im Berliner Vivantes Humboldt-Klinikum ist das keine Binsenweisheit aus Psychobestsellern oder Filmklassikern wie »Harry und Sally«. Für sie ist es eine Aufforderung, Männer und Frauen in der Medizin bewusst getrennt zu behandeln - weit über die üblichen Grenzen von Gynäkologie und Urologie hinaus.

Der Mediziner Wolfgang Harth sieht das ähnlich. Er leitet ein Berliner Männergesundheitszentrum. Unter dem Schlagwort »biopsychosozial« ist am Vivantes Klinikum Spandau alles auf Körper und Seele von Männern ausgerichtet - von Ängsten im Bett bis zum Anspruch, ein gut aussehender Held zu sein. Dass sich Männer und Frauen über ihre Anatomie hinaus aus medizinischer Sicht unterscheiden, ist keine neue Erkenntnis - aber eine junge. Die Charité hat 2003 für die Geschlechterforschung in der Medizin (Gender) ein eigenes Institut eingerichtet. Zu den ersten Forschungsergebnissen gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass Frauen nach Bypassoperationen häufiger unter depressiven Verstimmungen leiden als Männer. Und für Männer sind wabbelige Fettbäuche wahrscheinlich gefährlicher als für Frauen.

Vor einem Jahr hat Stephanie Krüger das Zentrum für Seelische Frauengesundheit in Berlin mitgegründet. Es trifft wohl einen Nerv: Immer mehr Frauen wollten mit Fachfrauen über unerfüllte Kinderwünsche, Wechseljahrbeschwerden oder Depressionen reden, sagt Krüger. Den tröstenden Satz »Da musst du durch« ließen sie nicht mehr gelten. Hormonpflästerchen beim Gynäkologen reichten ihnen nicht. Es sei eine Selbstbewusstseins- und eine Generationenfrage.

Auch Wolfgang Harth bemerkt eine größere Offenheit von Männern im Umgang mit ihrem Körper - wenn auch weitaus zögernder in Sachen Seele. Nicht alle Patienten kämen jedoch aus eigenen Stücken in die Sprechstunden, berichtet er. Manche würden von Ehefrau oder Freundin angemeldet. Dabei kann es um Probleme gehen, die nicht sofort Männern zugeordnet werden: Wechseljahrbeschwerden, keine Lust mehr auf Sex.

Harth ist Hautarzt und Androloge - Männerarzt. Seine Klinikabteilung geht gesundheitliche Probleme bei Männern bewusst fachübergreifend an. Auch soziale Phänomene bleiben nicht außer Acht. »Männer werden anders erzogen«, sagt Harth. Viele glaubten nicht nur an ihr Heldentum. Aus Lifestyle-Magazinen hätten sie inzwischen auch völlig falsche Vorstellungen darüber, wie ihr Körper auszusehen habe. Männer gingen auch seltener zu Vorsorgeuntersuchungen als Frauen. Sie verzögerten Arztbesuche. Und sie kämpfen mit neuen Rollenbildern: Erfolgreich sein, aber kein Macho, mehr als ein Wochenendpapa, selbstständigen Frauen gewachsen - und dabei am besten noch aussehen wie George Clooney.

Stephanie Krüger hatte als Psychiaterin früher eine Sprechstunde an der Charité - nur für Frauen. Sie bringt auch Erfahrungen aus Kanada mit. Auch Großbritannien sei weit in der Gendermedizin, sagt sie. Deutschland hinke hinterher. Das Zentrum in Berlin ist ein Versuch, das zu ändern. »Noch ist es in dieser Form bundesweit das einzige«, sagt Krüger. Der Zustrom sei bundesweit so groß, dass Frauen inzwischen sechs Wochen lang auf einen Termin warten müssten. »Leider«, seufzt Krüger. »Da gibt es eine Lücke im Versorgungsnetz.«

Die Schwerpunkte des Zentrums lesen sich auf den ersten Blick so, dass man besser keine Frau sein möchte: Schmerzen während der Menstruation, seelische Not nach Fehlgeburten, Lebensunlust bei unerfülltem Kinderwunsch, Probleme in den Wechseljahren, psychische Erkrankungen bei Brustkrebs, Depressionen im Alter. Natürlich sei davon nicht jede Frau betroffen, betont Krüger. Aber wenn ein Punkt zutreffe, sei ein aufmunterndes Schulterklopfen oder der Satz »Das wird schon wieder« eben oft nicht ausreichend.

»Die Bagatellisierung von seelischen Frauenleiden war lange ein Problem«, sagt die Chefärztin. Scheu, Angst und Scham hätten häufig die Suche nach Hilfe behindert. Heute seien viele Frauen entschlossen, körperlichen und seelischen Schmerz nicht mehr zu tolerieren. »Da geht es um den Wunsch nach einem erfüllten Leben, auch nach einem erfüllten sexuellen Leben«, sagt Krüger.

Auch im Spandauer Männergesundheitszentrum können die Herren der Schöpfung über alles sprechen, was sie quält: Unlust im Bett, Müdigkeit, Traurigkeit, Stress im Beruf oder Angst vorm Alter. »Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Lebensweg und Lebenskonzepten«, sagt Chefarzt Harth. Das Entscheidende sei, Patienten auf das richtige Gleis zu setzen. Denn hinter Erektionsstörungen könnten psychische Probleme stecken - aber auch eine Herzerkrankung.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!